“Wie Durstige auf einem Floß”
Unter dem Motto “Nachhaltige Regionalentwicklung statt unbegrenztes Wirtschaftswachstum – neue Wege für eine ökologische Ökonomie” veranstaltete die Verein Lokale Agenda 21 am vergangenen Freitag den “9. Regionalen Klimagipfel”. Einer der Referenten war Dr. Niko Paech, der an der Uni Oldenburg über nachhaltige Entwicklung und Umweltökonomie forscht. Im Gespräch mit 16vor-Mitarbeiter Volker Haaß erläutert der Volkswirt, warum das derzeitige Wachstumsmodell der Wirtschaft zum Scheitern verurteilt ist und wie der seiner Ansicht nach bevorstehende Zusammenbruch der globalisierten Marktwirtschaft positiv genutzt werden könnte.
16vor: Herr Dr. Paech, welches ist Ihr Wirtschaftsmodell für die Zukunft?
Dr. Niko Paech: Erst mal muss man sich klarmachen, dass das derzeitige, auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsmodell sowohl ökonomisch als auch ökologisch vor dem Zusammenbruch steht. Die sinnvolle Alternative wird die so genannte Postwachstumsökonomie sein, welche im Wesentlichen von zwei Dimensionen geprägt ist: Erstens müssen wir unseren Konsum zurückfahren, zweitens die totale Fremdversorgung beenden.
16vor: Wieso teilen nur wenige Kollegen in Ihrem Fach diese Ansicht und welche Gründe führen Sie dazu an?
Paech: Sie müssen davon ausgehen, dass Leute wie Hans-Werner Sinn schlichtweg eine andere Wirklichkeitsbeschreibung wie ich vornehmen. Für sie ist der Fortschrittsglaube eine Art Ersatzreligion, dem alles andere untergeordnet wird. Ich selbst gehöre zu einem sehr kleinen Teil der Wissenschaftler, nämlich nicht einmal 1 Prozent, die diesen Glauben nicht teilen. Dafür werde ich auch des öfteren als Ketzer bezeichnet.
16vor: Liberale Wirtschaftswissenschaftler würden Ihnen entgegnen, dass die Marktwirtschaft mit ihren dynamischen Veränderungsprozessen die Probleme des Klimawandels von alleine löst.
Paech: Nehmen Sie das Beispiel Elektroautos oder das Projekt Desert-Tec: In diesen Zukunftsvisionen steckt immer noch die Parole des “Weiter-so”, ein Umdenken findet nicht statt. Wissenschaftliche Daten beweisen zudem, dass alternative Energiequellen wie Sonne und Wind die konventionellen Quellen nicht ersetzen, sondern nur additiv wirken, um einen größeren Energiebedarf zu decken. Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieeffizienz hört da auf, wo sie durch eine größere Masse an Produkten aufgefangen wird. Wir verursachen heute mehr CO2 als früher, obwohl wir erneuerbare Energie einsetzen.
16vor: Wieso kriegt die Politik diese Probleme nicht in den Griff?
Paech: Die Politik ist selbst von einem Wachstumsglauben und der Sucht nach Konsum befallen. Ihre Strategie zur Überwindung der wirtschaftlichen Ungleichgewichte folgt dem Prinzip: den Armen etwas geben, ohne den Reichen was zu nehmen. Die Benachteiligten dieser Welt werden behandelt wie Durstige auf einem Floß, denen man Salzwasser zu trinken gibt. Mit dieser Sucht nach immer mehr Wachstum wird man die globalen Probleme nicht lösen können.
16vor: Wie wollen Sie denn erreichen, dass Politik und Wirtschaft Ihrem Modell folgen?
Paech: Notwendig sind meiner Ansicht nach fünf Schritte hin zur Postwachstumsökonomie: Als erstes müssen wir begreifen, dass Konsum und Besitz auch ein Ballast sein können. Eine Reise erfordert beispielsweise Aufwand in der Organisation, ein Kleidungsstück Hygiene. Nach dieser Erkenntnis folgt die Entkommerzialisierung – der Mensch lernt wieder, sich selbst zu versorgen, zum Beispiel das Fahrrad selbst zu reparieren, anstatt es in eine Werkstatt zu bringen. Der dritte Schritt besteht in der De-Globalisierung; die regionale Versorgung steht dabei wieder im Mittelpunkt, der weltweite Handel mit Industrieprodukten und Dienstleistungen wird so weit wie möglich eingeschränkt nach dem Motto: soviel lokal wie möglich, so wenig global wie nötig. Im vierten Schritt tauschen die Nationen einzelne übrig gebliebene Produkte weiterhin auf einem globalen Markt aus. Die daraus entstehenden Belastungen für das Klima werden in einem fünften Schritt durch einen Emmissionshandel reguliert, um die globale Erwärmung in einem festgesetzten Rahmen zu begrenzen.
16vor: Sie sprechen von einem Zusammenbruch des Wirtschaftssystems. Wie optimistisch sind Sie für die Zukunft, dass die Menschen irgendwann umdenken?
Paech: Es stimmt schon, dass ich von einem Kollaps-Szenario ausgehe. Gerade deswegen bin ich für die Zukunft optimistisch, weil wir dann gezwungen werden, endlich umzudenken.
von Volker Haaß





8. September 2009 (09:15 Uhr)
Paech verkennt in seinen Vorschlägen, dass Globalisierung ja gerade deshalh stattfindet, weil sie zusätzlichen Wolhlstand schafft und alle Beteiligten profitieren.
Auch unter ökologischen Gesichtspunkten kann es sehr sinnvoll sein, wenn sich ein Land auf bestimmte Güter und Produkte spezialisiert, weil dann größere Mengen hergestellt werden. Dies bedeutet bessere Auslastung von Anlagen und sparsamere, effizientere Produktion.
Bei der Reduzierung des CO2-Ausstoßes könnten wir heute schon viel weiter sein, wenn man den Ausstoß konsequent mit einer Abgabe belegen würde. Aber wer wählt schon eine Partei, die sich höhere Abgaben auf Schadstoffausstoß oder Rohstoffverbrauch auf die Fahnen schreibt? Insofern muss das große Umdenken unten, beim einzelnen Bürger, einsetzen.
Paechs Vorschläge – Entkommerzialisierung, De-Globalisierung, etc. – klingem mir zu sehr nach Planwirtschaft und sinn meiner Ansicht nach auch gar nicht nötig. Wenn man den Umwelt- und Ressourcenverbrauch konsequent höher besteuert, kommen die nötigen Anspassungen ganz von allein – ohne dass politisch unlösbare Mammutaufgaben bewältigt werden müssen.
8. September 2009 (11:14 Uhr)
zitat: “Es stimmt schon, dass ich von einem Kollaps-Szenario ausgehe. Gerade deswegen bin ich für die Zukunft optimistisch, weil wir dann gezwungen werden, endlich umzudenken.”
ja ja, der tag wird kommen…seit wievielen jahrzehnten muß man sich sowas eigentlich schon anhören? ach was sag’ ich: jahrzehnte? was ist denn groß der unterschied zwischen religiösen untergangsszenarien und den materialistisch-biologistischen geprägten? antwort: letztendlich keiner! denn es wird bei beiden der untergang der welt – zumindest der jeweils vorherrschenden – “vorhergesagt” und danach würde endlich, endlich alles besser…
dabei ist die realität eine ganz andere, härtere, schmerzvollere: die menschheit kommt auch ganz gut ohne wale (um ein beispiel zu nennen) zurecht. der klimawandel wird das ansteigen der menschen auf der erde auch nicht begrenzen. atomkraft ist nicht das ende der welt. ökonomische krisen treffen wie eh und je die schwächsten. usw. usf.
damit soll nun nicht auch einem pessimismus das wort geredet werden. vielmehr geht es darum, sich endlich klar zu machen, daß
- das warten auf die große, alles verändernde, revolutionäre katastrophe realitätsfremd ist (seit jahrtausenden!)
- es schlicht und einfach in der entscheidung der menschheit liegt, ob ihnen (bestimmte) tiere & pflanzen wichtig genug sind, um sie zu bewahren; und ob sie dabei nur ihrem nützlichkeitsdenken folgt oder tier, pflanze, umwelt endlich einen eigenständigen wert beimißt
- es ebenso an der freien entscheidung der menschheit liegt, in welchen ökonomischen verhältnissen sie lebt, z.b. sozial oder eher darwinistisch. irgendwelche grenzen des wachstums nötigen da zu garnichts, solange einem der tod anderer wurscht ist. was offensichtlich bei noch zu vielen (mächtigen) der fall ist…
fazit: das hoffen auf die große krise ändert nichts.
8. September 2009 (14:38 Uhr)
“Als erstes müssen wir begreifen, dass Konsum und Besitz auch ein Ballast sein können.” – Ballast für wen? Wie es aussieht, ziehen die meisten Menschen diesen Ballast seinem Fehlen vor.
“Nach dieser Erkenntnis folgt die Entkommerzialisierung – der Mensch lernt wieder, sich selbst zu versorgen, zum Beispiel das Fahrrad selbst zu reparieren, anstatt es in eine Werkstatt zu bringen.” – lernt er dann auch wieder, sein Getreide selbst anzubauen, sein Brot selbst zu backen, sein Auto selbst zu bauen, seine Krankheiten selbst zu heilen? Arbeitsteiligkeit in einer Gesellschaft ist ein großer Gewinn, denn sie ermöglicht es, Ressourcen freizusetzen und damit auch all die Vorteile der modernen Zivilisation (könnte man in der Welt, von der Sie träumen, Herr Paech, seinen Lebensunterhalt damit bestreiten, an einer Universität über nachhaltige Entwicklung zu forschen?)
“soviel lokal wie möglich, so wenig global wie nötig” – wieso? Solange es günstiger ist, einen Computer in China bauen zu lassen und ihn dann nach Europa zu verschiffen als ihn gleich in Europa zu produzieren, so lange wird das getan werden, und zwar, um keine Ressourcen (Geld) zu verschwenden. Wie sieht es denn mit lokal in Deutschalnd produziertem Benzin aus? Und was ist lokal? Europa, Deutschland, Trier? Alles nur lokal zu produzieren kann u.U. sehr aufwendig und teuer ergo verschwenderisch sein.
Aufrufe zu Verzicht und Enthaltsamkeit haben selten viel bewirkt, schon gar nicht, wenn sie so offensichtlich unvernünftig sind. Die große Krise wird nicht kommen (die kommt nie), aber viele kleine Krisen werden uns langsam dazu zwingen unseren Lebensstil zu ändern (steigende Spritpreise machen Elektroautos günstiger etc.). Bloß dürfte das anders geschehen als Herr Paech sich das denkt.