Wahlschlappen und Gegendemo

TRIER. Rund 300 Menschen haben am Samstagnachmittag friedlich gegen eine Kundgebung der rechtsextremen NPD demonstriert.

In Sprechchören skandierten sie “Nazis raus” und “alerta antifascita”. Geschützt von einigen Dutzend Polizisten hatten sich etwa 20 NPD-Anhänger auf dem Simeonstiftplatz versammelt und eine Kundgebung abgehalten. Die Reden der Rechtsextremen gingen in den Sprechchören der Gegendemonstranten unter.

Laustarker Protest gegen den Aufmarsch der NPD. Foto: Marcus StölbBereits am Samstagvormittag waren rund 50, in der großen Mehrzahl junge Menschen einem Aufruf des Trierer Bündnisses gegen Rechts gefolgt und hatten unter dem Motto “Nazis abwatschen” auf dem Viehmarktplatz gegen Faschismus und Intoleranz protestiert. Christian Z. Schmitz, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in der Region Trier solidarisierte sich mit den Demonstranten und rief zum lautstarken Widerstand auf. Das Beispiel Sachsen zeige, wieviele Menschen anfällig für Parolen von Rechten seien, warnte Schmitz.

Symbolisch wurde den Rechten eine Wahlschlappe nach der anderen bereitet. Foto: Marcus StölbAuch Markus Pflüger von der Trierer Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) wandte sich an Demonstranten. “Es macht keinen Sinn, die NPD zu ignorieren”, warnte der AGF-Mann, aber “es reicht auch nicht, nur ab und zu zu demonstrieren”. Vielmehr sei eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Gefährdungen durch rechtsextreme Propaganda vonnöten, erklärte Pflüger. Er verwies auf die für kommenden Montag vorgesehene Verlegung von Stolpersteinen in der Neustraße sowie das umfassende Bildungsangebot der AGF, zu dem auch das Projekt Statt Führer – Trier im Nationalsozialismus zählt. Alle Demokraten seien gefordert, jederzeit gegen Rechtsextremismus aktiv zu werden, verlangte Pflüger.

Symbolisch bereiteten die Protestierenden den Rechten am Samstag eine Vielzahl an “Wahlschlappen”: Auf Zetteln warnten Sie “Nazis? Nicht noch einmal!”. Sämtliche “Wahlschlappen” endeten in einer großen Mülltonne.

von Marcus Stölb

10 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Realist schreibt:

    Wieder hat die NPD in Trier ihr Ziel erreicht:Mediale Aufmerksamkeit.

  2. Trierer2 schreibt:

    Wisst ihr wer aus der Stadtverwaltung die
    Demo heute genehmigt hat?
    Ich meine, Trier hat an diesem Wochenende
    eines der größten Völkerfeste des Jahres, wir
    haben jede Menge Gäste aus Nagaoka und dann
    genehmigt man eine Kundgebung vor der
    Haupttouristenattraktion der Stadt.
    Ich begreife es nicht!
    Erst diese vermurkste Wahl, in der unser OB
    bewiesen hat, die Regeln nicht zu kennen und
    nun das fehlende Finderspitzengefühl!
    So langsam könnte man meinen, unsere Stadt
    ist unfähig mit diesen Querolanten umzugehen!

  3. Linde Andersen schreibt:

    Die Idee vom Vormittag mit den ” Wahlschlappen”, die offensichtlich mit Aufwand hergestellt worden waren,ist richtig gut,

    die braunen Bekleidungsstücke machten auch dem Letzten klar, um was es ging.

    Es handelte sich um eine bildhafte, deutliche und fantasievolle Aktion, die auch
    Lebendigkeit in die Anwender brachte.
    Danke

  4. Thorsten Kretzer schreibt:

    Neben den angesprochen “jungen Menschen” waren auf der Gegendkundgebung am Simeonsstiftplatz auch viele Menschen der “älteren Generation” anwesend. Quer durch alle Parteien wurde der Ruf laut, dass “Nazi-Gedankengut” nichts in unserer Stadt zu suchen hat.
    Anhand der Reaktionen auf die skandierten Sprüche, konnte man auch feststellen, dass viele der Anwesenden bei der letzten Kundgebung nicht anwesend waren, und somit der Widerstand gegen diese Art der Gesinnung wächst.
    Gerade wir als Einwohner einer Grenzregion leben von dem guten Ansehen, dass unsere Nachbarn (inzwischen) von uns haben.
    Es ist wichtig Vertrauen in Deutschland zu schaffen, dies geht jedoch nicht, wenn man am Ende der Veranstaltung “Deutschland, Deutschland über Alles …” über den Lautsprecher laufen läßt.

  5. Trierer schreibt:

    Hoffentlich wurden die “Badeschlappen gegen Rechts” politisch korrekt entsorgt. Das sind also die Argumente der Linken. Lächerlich.

  6. Anwesender schreibt:

    Ich muss sagen, mich haben nicht nur die Nazis ziemlich genervt, sondern die anwesenden Staatsdiener. Eine Beweis- und Festnahmeeinheit war anwesend, die sind sonst auf Randale und Schwarze Blöcke spezialisiert. Weil sie völlig überflüssig waren, haben sie nen Minderjährigen und einen, der laut Aussage eines zivilen Polizist “irgendwas aus dem Rucksack geholt” hätte, erstmal gefilzt (Personalien, persönliche Gegenstände, etc.) und dann Platzverweise verteilt. Die Zivilpolizisten (ob Kripo oder andere Stellen…) stellten eine starke Gruppe innerhalb der leider spärlich anwesenden Protestler dar. Ich alleine habe 6 Leute gezählt, die offensichtlich oder halboffen Polizisten waren, nicht aber in Uniform (Transparenz des demokratischen Staates und so…).
    Übrigens sind ALLE friedlichen Bürger, die an der Demo teilgenommen haben, auf den Videobändern der Polizei. Diese permanente Videoüberwachung ist mindestens fragwürdig. Andersrum gäbe es einen riesigen Ärger (Recht aufs eigene Bild und so… Haben Polizisten in Uniform übrigens nur als direktes Portrait…)
    Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn man auf Demos so eine Atmosphäre schafft, dann hat dies nichts mehr mit verbrieftem Recht auf Versammlung zu tun, sondern mit der Sabotage derselben durch den Staat.

  7. Metallkopf schreibt:

    Das mit der Wahlschlappe gab’s allerdings schon einmal mit etwas anderem Adressatenkreis … :-)

    http://data.lustich.de/bilder/l/18742-wahlschlappe.jpg

    Die Gegendemonstranten habe ich – im Gegensatz zu den Braunen – übrigens durch Trier latschen sehen. Ich muss allerdings gestehen, dass die meisten dieser etwas bedrohlich wirkenden vermummten Gestalten mich nicht wesentlich ruhiger schlafen ließen, als Safet B. und seine braune Truppe.

    Scylla und Charybdis?

  8. Susanne Andres schreibt:

    @Trierer

    Es geht gar nicht um Linke, sondern um BürgerInnen, die die menschenverachtenden Parolen und Übergriffe der rechten Szene in Trier nicht haben wollen. Dass da soviele Linke dabei sind, liegt wohl dran, dass die anderen sich nicht aufmachen. Ich z.B. komme sogar von außerhalb nach Trier, obwohl ich kommunal gar nicht hier gewählt habe und engagiere mich parteilos. Leider haben von den über 100000 TriererInnen nicht allzuviele Rückgrad und Zivilcourage bewiesen am Samstag.
    Um so mehr meine Achtung vor den jungen Menschen, die es getan haben und die noch dafür gesorgt haben, das ich z.B. unversehrt wieder zu meinem Auto gekommen bin. Danke euch!
    Die Wahlschlappen sind in guten Händen, können Sie mir glauben!
    Davon können Sie sich am nächsten Samstag ab 11 Uhr auf dem Kornmarkt überzeugen, wenn es heißt: Deutschland schläft sich weiß — Wahlschlappen für alle.

  9. Frank Jöricke schreibt:

    @ Susanne Andres

    Waaaaasssss? So einfach geht das? Ich muss nur versteckt unter 300 Leuten durch die Innenstadt gehen und schon beweise ich “Rückgrad und Zivilcourage”?

    Mal im Ernst: Ich weiß aus eigener Erfahrung (Mitbegründer zweier Bürgerinitiativen und jahrelanger Redakteur beim alternativen Stadtmagazin KATZ), dass man das eigene Engagement gern verklärt und überhöht, aber das hier geht nun wirklich zu weit: Die Teilnahme an einer behördlich erlaubten Demonstration als Ausdruck von “Rückgrad und Zivilcourage” zu verkaufen, ist eine Beleidigung für alle, die ihre berufliche Existenz oder gar ihr Leben aufs Spiel setzen, um Rückgrat und Zivilcourage zu beweisen.

    Ein wenig Demut und Bescheidenheit, Susanne Andres, würde Ihnen gut zu Gesicht stehen. Zivilcourage heißt nicht Transparente hochhalten für die Presse. Zivilcourage ist das, was Dominik Brunner in der Münchener SB-Bahn bewiesen hat.

  10. Susanne Andres schreibt:

    @Frank Jöricke

    Ihrem letzten Satz kann ich voll und ganz zustimmen.

    Lt. Wahrigs Deutsches Wörterbuch ist Zivilcourage der ,,Mut, die eigene Überzeugung zu vertreten”.
    Wenn Sie sich v e r s t e c k t haben unter den 300 DemonstrantInnen, dann gilt das mit der Zivilcourage für Sie vielleicht nicht. Aber ob versteckt oder nicht, ich hätte Sie sowieso nicht erkannt.
    Und dass Sie Ihr eigenes Engagement selber einschätzen ist auch gut, besser als wenn es jemand anders täte.
    Ob behördlich erlaubt oder nicht, Protest gegen Rechts ist in Trier offensichtlich nötig und für mich trotz Ihrer Einwände ein Akt der Zivilcourage!

Schreiben Sie einen Leserbrief

Weiterempfehlen

Drucken

Druckerfreundliche Ansicht Druckerfreundliche Ansicht