Lieber “De’ Bücherladen”,

dieser kleine Beitrag dir zu Ehren war längst überfällig. Nicht nur, weil “De’ Bücherladen” im Schatten der Porta Nigra die leckersten Bücher zu den besten Preisen durch das attraktivste Personal feilbietet. Oder weil euer generöses Sponsoring diese kleine Kolumne überhaupt erst am Leben hält. Hauptsächlich schreibe ich dir, weil es dich eigentlich gar nicht gibt. Oder genauer gesagt: nicht geben kann.

Michael Kernbach“De’ Bücherladen” ist, ich habe es mir von verschiedenen renommierten Verlagen bestätigen lassen, eine Art buchhändlerisches Bielefeld, eine verschwörerische Erfindung des Wirtschaftsdezernats, ein Stück aus dem Lande Phantasien. Meine Gewährsmänner versichern mir, dass ein inhabergeführtes Buchgeschäft in dieser Lage in Deutschland praktisch nicht denkbar ist. Dass obendrein hier nicht nur einer, sondern gleich drei Inhaber ihre Hand in die Kasse stecken, und trotzdem keiner von ihnen am Hungertuch nagt, verschweige ich dann meistens aus Gründen der Glaubwürdigkeit.

Warum das alles hier an dieser Stelle? Nun, erstens, weil “De’ Bücherladen” im Schatten der Porta Nigra die leckersten Bücher zu den besten Preisen durch das attraktivste Personal feilbietet. Zweitens, weil ich durchaus auch dazu bereit wäre, ähnliches über die saftigsten Burger, die sichersten Geldanlagen oder die schnittigsten Schnittblumen zu schreiben. Angebote bitte an Herrn Jöricke.

Drittens aber, weil es zeigt, auf welchem Niveau offenbar in der Trierer Innenstadt Umsätze generiert werden können. Allen Hyper-Galerien und Giga-Filialisten zum Dank oder zum Trotze. Der Strom der Beutetiere reist halt einfach nicht ab. Wie in Amerika selig die Büffelherden, wälzen sich Touristen- und Luxemburger Schwärme durch die schmucke City. Klar gibt es auch harte Winter und dürre Sommer in der Simeon- und Hauptmarktsteppe. Wo aber anderswo “Thalia” und Co. des Inhabers sicheres Ableben bedeuten, scheint das in Trier fast niemanden zu Tode zu quälen. Und weil Shopping längst ein Event ist, braucht man sich im Moselflorenz auch nicht wirklich vor den Megalo-Marchees auf der grünen Wiese im Ländchen fürchten, zumindest nicht so lange, wie sie dort nicht Christ Underwear ausstellen oder Amphitheater in Betrieb nehmen.

Eigentlich braucht es doch statt der jetzt allfälligen sorgenvollen Kassandrenrufe anlässlich des einjährigen “Galerie”-Geburtstages viel eher eine Antwort auf folgende Frage: Wie kann man den kräftigen Reibach in der City zum reißenden Reistrom verbreitern? Wie macht man aus der Innenstadt den endgültigen Point of Sale, den ersten echten “Cash and Carry”-Stadtkern unserer Republik?

Mein Vorschlag: die Mauer muss wieder hoch. Also die Stadtmauer. In den Köpfen unserer Stadtväter ist sie ja de facto noch nie eingerissen worden. Wer etwa durch die Porta in Richtung Norden wandert, schafft es innerhalb von Minuten gefühlt von Mailand nach Nowosibirsk, zumindest was den allgemeinen Zustand der Straßen und Gebäude angeht. Was wieder beweist: in Trier ist wirklich alles fußläufig erreichbar. Die Stadtmauer wäre darum ein wirklich ehrliches Stadtentwicklungskonzept, das die verschämte, ja oft verlogene Entwicklung der letzten Jahre endlich stringent und konsequent zuende brächte. Schluss mit dem Mummenschanz, her mit der Abrissbirne!

Ich sage: radikal alles jenseits der Alleenringe planieren und dann betonieren, was das Zeug hält. Man könnte etwa aus dem Nordteil der Stadt zwischen Zurlauben und Porta einen riesigen Parkplatz machen. Mit Gebühr. Und achtspuriger Zufahrt über den Verteilerkreis. Und an den Stadttoren nehmen wir Eintritt. Die ärmere Bevölkerung siedeln wir auf die linke Moselseite aus und überlassen sie ihrem Schicksal – ein Reservat für Trierer, so manch’ Horni wünscht sich das doch insgeheim. Endlich weg von den ganzen Fremden. Man könnte das Reservat “Viez-Valley” nennen und dorthin touristische Fahrten unternehmen, damit die Ureinwohner durch den Verkauf von Erdbeeren und Spargel am Straßenrand weiterhin in die Wirtschaftskette eingebunden bleiben. Die wohlhabenderen kommen nach Olewig und feiern dort ein ganzjähriges Weinfest. Wieder ein Halteplatz für unseren Touristenbus.

WerbungDie Studenten verschaffen wir auf den Petrisberg, wo sie im Wissenschaftspark direkt aus dem Studium in die Praktikumsendlosschleife einfließen können und so endlich in ein geschlossenes System für überzählige Akademiker integriert werden können, ohne umziehen zu müssen. Wissenschaftstafeln und IQ-Übernachtungshäuser zahlt die Stadt dann locker aus dem Kleingeldbeutel ihrer Parkgebühren, die sie von den kauflustigen Luxusbürgern einsacken.

Die Vorteile sind unübersehbar: Die verplemperten Sanierungsgelder für Flickschustereien in den Stadtteilen fließen endlich in die City, wo sie auch hingehören. Geld will bekanntlich zu Geld. Dort vergolden wir die Brunnen und nehmen die Viehmarktthermen statt des Südbads wieder in Badebetrieb. Die innerstädtischen Geschäftstreibenden wären endlich von ihren bohrenden Edel-Problemen erlöst. Und “De’ Bücherladen” kann weiterhin im Schatten der Porta Nigra die leckersten Bücher zu den besten Preisen durch das attraktivste Personal feilbieten. Was ich ihm Milliunenmal mehr gönne als allen Filialmonstren zusammen, was er aber ganz sicher auch so hinbekäme, aber mit meinem Plan is es doch irgendwie geiler, oder?

Gebt dem Hauptmarkt, was des Hauptmarkts ist.

Michael Reibach

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. augur schreibt:

    Seit auch “Interbook” nur noch das bundesweite “mainstream”-Angebot der Mayerschen anbietet, sind die kleinen inhabergeführten Buchhandlungen in Trier, derer es übrigens noch mehr als nur “De’ Bücherladen” gibt ;-), mehr denn je eine echte Alternative. “Gegenlicht” und ” “Ill de Re” wären hier noch als Beispiele zu nennen, aber auch bei “Leuckefeld” schaue ich immer wieder gerne für gute und günstige Literatur vorbei. In Schweich gibt es übrigens jetzt mit “Die Buchhändler” weitere ehemalige Mitarbeiter von “Interbook”, die sich selbständig gemacht haben. Auf jeden Fall eine echte Bereicherung für die Innenstadt in Zeiten von “Amazon & Co”. Hoffen wir, dass es die Buchpreisbindung noch möchglichst lange geben wird und diese nicht im Zuge einer “EU-Harmonisierung” dem Diktat der Großen geopfert wird.

  2. Kathy Kreuzberg schreibt:

    Applaus für diesen hervorragenden Artikel! :-)

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