Die Tragödie der Moderne

Bruno Winzen legt seinen Faust als Prototyp des modernen Menschen an: zielstrebig, erfolgs- und genussorientiert, rücksichtslos, ohne Selbstironie. Foto: Friedemann Vetter/Theater TrierEs ist vorbei. In den Gesichtern der Schauspieler steht Erschöpfung, Beklommenheit und die Frage: Ist es gelungen? Der zunächst verhaltene Applaus schwillt an. Das Großprojekt Faust I und II am Trierer Theater ist eine emotionale, körperliche und intellektuelle Herausforderung. Das Wagnis, beide Teile von Goethes Weltgedichts zu inszenieren, ist auf ganzer Linie geglückt. Regisseur Matthias Gehrt und Dramaturg Peter Oppermann haben eine Trierer Bühnenfassung (Spieldauer vier Stunden) erarbeitet, deren Umsetzung die ungeheure Dimension des Wegs der Moderne in die individuelle und gesellschaftliche Tragödie fühlbar macht.

TRIER. Der Tragödie Erster Teil: Faust erkenntnissatt und lebensmüd bekommt in Mephisto einen Diabolo-Coach an die Seite, der ihm in jeder Hinsicht auf die Sprünge hilft. In der Hexenküche wird Faust fit für das 21. Jahrhundert gemacht. Mephisto führt ihm Margarethe zu, von deren naiver Unschuld Faust fasziniert ist und die bald seiner Verführung erliegt. Was die Erfüllung seiner Begierde stört, wird aus dem Weg geräumt: Gretchens Mutter, ihr Bruder Valentin. In Verzweiflung ertränkt Gretchen ihr neugeborenes Kind und endet wahnsinnig im Gefängnis. Antje-Kristina Härle gestaltet den individuellen Konflikt dieses Mädchens zwischen unschuldiger Leidenschaft und schuldhafter Verstrickung mit äußerster Intensität.

Der Tragödie Zweiter Teil: Faust und Mephisto auf der Reise durch eine mythologische und politische Vision, die das Scheitern der Moderne und ihrer aufklärerischen Werte vorwegnimmt. In dieser Revue moderner Mythen tun sich die Abgründe des Irrationalen auf. Der Homunkulus, als Retorten-Menschlein dem wissenschaftlichen Größenwahn entsprungen, harrt seiner Fleischwerdung. Die Walpurgisnacht umnebelt den Verstand mit esoterischem Wortgeklingel und archaischen Ritualen. Kaiser und Hofstaat suchen Auswege aus der wirtschaftlichen Krise und legen die Geschicke der Politik in die Hände des Gespanns Faust und Mephisto. Deren pfiffige Ratschläge (Geld drucken) führen zu Inflation und Krieg.

Faust treibt der Wille zum Erfolg zur Tat. Als Profiteur der Krise wird er wirtschaftlicher und politischer Berater, Unternehmer, Großinvestor. Sein Streben nach Allmacht, nach Besitz, sein Wunsch nach Unsterblichkeit entpuppen sich im Trierer Faust als Wahnvorstellungen, die die Gesellschaft ins umfassende Chaos zu stürzen.

Der Schauspieler Bruno Winzen legt seinen Faust als Prototyp des modernen Menschen an: zielstrebig, erfolgs- und genussorientiert, rücksichtslos, ohne Selbstironie. Es ist die besondere Leistung Bruno Winzens, diesem Typus dennoch “Menschliches” einzuhauchen: die leisen Zweifel, die Depression im Gefühl der Allmacht. Michael Ophelders verkörpert als Mephistopheles mit großer Dynamik den zynischen Typ, der alles für einen noch so popeligen Vorteil tut. Der Schlaumeier hat dennoch nicht das letzte Wort. Sein Werk ist nicht vollbracht. Das letzte Wort hat die Allegorie der Sorge (Antje-Kristina Härle): Es ist vorbei.

Antje-Kristina Härle gestaltet Gretchens individuellen Konflikt zwischen unschuldiger Leidenschaft und schuldhafter Verstrickung mit äußerster Intensität. Foto: Friedemann Vetter/Theater TrierDie Aufführung verlangt von den Darstellern einer Höchstmaß an Konzentration und körperlicher Präsenz. Neben den Hauptakteuren Winzen, Ophelders und Härle zeigen sich in Hochform: Angelika Schmid als Hexe und als Kaiser, Sabine Brandauer als Marthe Schwertlein, Jan Brunhoeber als Wagner, Paul Steinbach als Gretchens Bruder, Tim Olrik Stöneberg als Kanzler, Klaus-Michael Nix als Homunkulus, die Tänzer Erika Charalambous und Reveriano Camil.

Die Inszenierung Matthias Gehrts setzt das Uferlose, das Magische und Experimentelle des Goetheschen Weltgedichts kongenial um. Sie wuchert mit den Pfunden des Theaters und arbeitet gleichzeitig mit der Imaginationskraft des Publikums. Die Klarheit des Bühnenbilds (Gabriele Trinczek) korrespondiert mit den künstlerisch überzeugenden Videoinstallationen Ali Samadi Ahadis. Zusammen mit Ton und Musik rufen sie eine atemberaubende Sogwirkung hervor. Tanztheaterelemente (Choreografie Sven Grützmacher) finden im Zusammenspiel mit den Kostümen Claudia Caséras und dem Maskenbild (Rüdiger Erbel) stilisierte Tableaus von beeindruckender Prägnanz. Der Osterspaziergang und Fausts Zeitreise sind nur der Beginn einer überwältigenden Fülle von neuen Bildfindungen.

Die konzeptionelle Stringenz, der Mut zum Pathos, die virtuose Gestaltung der medialen Möglichkeiten und die außerordentliche Ensembleleistung machen den Trierer “Faust” zum spannenden und bewegenden Welttheater.

Weitere Termine: Sonntag, 18. Oktober, 19.30 Uhr; Dienstag, 27. Oktober, 20 Uhr; Freitag, 30. Oktober, 20 Uhr; Mittwoch, 4. November, 20 Uhr; Freitag, 6. November, 20 Uhr; Sonntag, 15. November, 19.30 Uhr; Samstag, 21. November, 19.30 Uhr; Samstag, 28. November, 19.30 Uhr; Sonntag, 6. Dezember, 19.30 Uhr und Dienstag, 15. Dezember, 11 Uhr.

von Christa Blasius

1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Schiller schreibt:

    Was die Inszenierung leider vermissen ließ, waren der Humor und die ironischen Bemerkungen, die Goehte (insbesondere in der Figur des Mephisto) an vielen Stellen eingebaut hat. Da hätte etwas pointierteres Herausarbeiten dem Stück ganz gut getan und den aktuell-kritischen Bezug trotzdem ausgedrückt.
    Der komplette Verzicht auf die “Außenwette” (Gott vs. Teufel) und Faust’s Erlösung ist zwar schade, aber in der Zeit eines Abends muss nun einmal gekürzt werden. Enttäuschend fand ich jedoch den harten Übergang von der klassichen Walpurgisnacht zum Verschwinden Helenas. Da gilt dann ganz oder gar nicht denn die Walpurgisnacht leitet maßgeblich auf den (in Trier verschwundenen) Helenaakt hin. Also beides Darstellen oder beides Streichen.
    Der Zeitenwechsel in Form der Musik und durch die Projektionen war allerdigns gelungen. Statt liebloser Kulissen zu entwerfen, für die sowieso kaum ein Theater das Geld hätte, finde ich dann die gewählte Methode viel besser.
    Fazit: Rundumschlag mit allem, was in beiden Teilen vorkommt. Der FaustII-Kundige mag eine Akzentsetzung vermissen, für den Theater-Normalo aber sicherlich eines der besten Schauspiele der Trierer in den letzten Spielzeiten.

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