Die gespielte Revolution

Vor allem in den nachdenklichen Szenen verbinden sich die fulminanten schauspielerischen Leistungen mit der originellen Storyline. Foto: Silvia GüntherAllzu viel hat Karl Marx ja nicht geschrieben über den praktischen Weg zur von ihm herbeigesehnten sozialistischen Revolution. Seine wissenschaftliche Analyse des Kapitalismus aber hat in all ihrer Scharfsinnigkeit an Aktualität nicht verloren. Eine überaus gelungene Melange aus marxistisch unterlegter, schonungsloser Gegenwartsdiagnose und innovativer Reflexion über die daraus zu ziehenden Konsequenzen bietet die Produktion “Rendezvous nach Kassenschluss”, für welche das Trierer Theater mit der Volksbank-Filiale am Viehmarkt einen außergewöhnlichen Spielort gefunden hat. Am Sonntagabend feierte das von Judith Kriebel glänzend inszenierte und vom Publikum mit ausdauerndem Applaus bedachte Karl-Marx-Projekt Premiere.

TRIER. Ihr “Kommunistisches Manifest” haben Marx und Engels zwar während der britischen Wirtschaftskrise 1847/48 in der Hoffnung geschrieben, dass hieraus eine siegreiche revolutionäre Massenbewegung entstehen möge, doch wurden sie bitter enttäuscht. In der gesamten Menschheitsgeschichte gibt es kein Beispiel einer erfolgreichen revolutionär-emanzipatorischen Bestrebung im Zuge einer schweren Wirtschaftskrise. Wenn überhaupt, dann boten Krisen viel eher einen Nährboden für Faschisten oder aber sie mündeten – wie die Ideologie des Stalinismus gezeigt hat – als Minderheitsrevolutionen in schier grenzenloser Tyrannei. Als wichtiger Ausgangspunkt firmiert diese Erkenntnis auch in “Rendezvous nach Kassenschluss”. Die allerorten zu konstatierende Ratlosigkeit und bisweilen zum Kindischen neigende Spaltung der Sozialisten wird in einem rasanten “Spiel im Spiel” auf die Schippe genommen, ohne die berechtigte Systemfrage ihrer Ernsthaftigkeit und Legitimation zu berauben.

Regisseur Francis (Manfred-Paul Hänig) möchte einen Film darüber drehen, wie eine Revolution zustande kommen kann, ohne die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Auch ihm ist bekannt, dass ein mehrheitlich legitimierter Systemwechsel nur geschehen kann, wenn die große Bevölkerungsmasse ihr objektiv vorhandenes Bewusstsein in ein subjektives Klassenbewusstsein transformiert. Und da die Masse heutzutage nunmal viel lieber ins Kino rennt denn ins Theater, möchte Francis einen großen Blockbuster fabrizieren. Der während des Drehs mithilfe der mündigen Schauspieler (Judith Kriebel, Helge Gutbrod, Paul Steinbach) stattfindende Gedankenaustausch über die inhaltliche Ausrichtung des Films bildet den Rahmen für das eindringliche Spektakel, in dem so ziemlich alles an Persönlichkeiten zitiert wird, was das Kapitalismus-Sujet zu bieten hat: von Milton Friedman (“Der Markt reguliert sich selbst”) über John Maynard Keynes (“Langfristig gesehen sind wir alle tot”) bis hin zu Ton Steine Scherben (“Macht kaputt, was euch kaputt macht!”) und Ulrike Meinhof (“Natürlich darf geschossen werden”).

So stellt das schwungvolle Stück zu Beginn eine Investmentbank namens “Lehmann und Söhne” vor, in der Schrottpapiere so lange künstlich in die Höhe “gerated” werden, bis sie einen heftigen Finanzcrash auslösen. Als vor der Tür bereits die protestierende Meute Heines Zeilen von den “Schlesischen Webern” anstimmt, türmt der Chef kurzerhand auf seine Orangenplantage in den Süden. Damit ist im Eiltempo die Finanzkrise abgearbeitet, bevor im nächsten Schritt ein Banküberfall gespielt wird. Mitten in dem von klassenkämpferischem Gejohle (in das sich tatsächlich auch ein “Yes we can” verirrt) der Protagonisten begleiteten Sturm der Bank beginnen die Akteure, über die für Revolutionäre zentrale Gewaltfrage zu sinnieren. Florence (Judith Kriebel) zitiert aus dem ersten “Kapital”-Band (“Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht”) und wendet sich gleich darauf heftig gegen den Einsatz solch harter Methoden, während Barry (famos gespielt von Helge Gutbrod) dies als inkonsequentes Gutmenschentum abtut.

Sieht so die Revolution aus? Schon beim Stürmen der Bank kommt es intern zu Meinungsverschiedenheiten. Foto: Silvia GüntherDieser authentisch und variantenreich dargebotene offene Schlagabtausch zwischen den Lagern wird immer wieder untermalt durch musikalisch Erwartbares (u. a. Tracy Chapman, Peter Licht) sowie äußerst eindrückliche Beamerprojektionen, deren ergänzender Charakter die bedrückende und explosive Stimmung noch zu verstärken vermag. Als erfrischende Idee entpuppt sich auch die Rolle des umher wandelnden Gespensts (Stephan Vanecek), das als marxistische Jukebox eine Indoktrinationshilfe für die widerspenstigen Schauspieler darstellt. Die gewiss nett gemeinten humorvollen Abschnitte dagegen sind überwiegend die Achillesferse des Werkes. Neben flachsten Slapstick-Wortspielen (“Die wollen uns lynchen, Meryl”; “Das ist alles so hypo-real”) kennzeichnet ein eher weniger gelungenes, weil gezwungen auf Klamauk getrimmtes Zwischenspiel zur Mehrwerttheorie (die im “Sendung mit der Maus”-Stil erklärt wird) den sicher ehrenwerten Versuch, aus dem als “staubtrocken” geltenden marxistischen Theoriegebäude ein Maximum an Unterhaltungswert heraus zu kitzeln. Doch fallen diese Einlagen so völlig aus dem insgesamt durchaus ernsthaften roten Faden des Stückes.

Vielmehr sind es die nachdenklichen Szenen, in denen sich die fulminanten schauspielerischen Leistungen mit der originellen Storyline verbinden. In jeder Hinsicht herausragend ist das Solo von Judith Kriebel (zugleich Autorin und Regisseurin). In einer mehrminütigen Performance stellt sich ihre Florence spielerisch einer Bewerbungssituation. Dabei gelingt es ihr mithilfe weniger eingängiger Worte, beklemmend das paradoxe Spiel bloßzustellen, in dem wir alle uns täglich freiwillig dem Diktat einer Erwerbswelt hingeben, das uns nichts weiter bringt als ein auf psychischen und physischen Verfall ausgerichtetes Leben, das wiederum nur einen Profiteur kennt: das Kapital, welches sich auf Kosten der ihm unterworfenen “Humanware” zum eigenen Gunsten fortwährend vermehrt und den Untergebenen Privatfernsehen und Pauschalreisen zur Beruhigung hinwirft wie einem Hund die abgenagten Essensreste.

Wer allerdings bei “Rendezvous nach Kassenschluss” ein leidenschaftliches Plädoyer für die Überwindung dieser entseelten Profitmaximierungsmaschinerie erwartet, wird enttäuscht. Bei aller zur Schau gestellten Emotionalität präsentiert sich das Bühnenwerk alles in allem als kühl abwägend und damit letztlich ein wenig inkonsequent. So reiht sich der clevere Clou am Ende in den stringent resignativen Argumentationsgang ein, den das Stück zu vermitteln trachtet. Man spürt förmlich den in der Luft liegenden Marx-Spruch: “Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich, dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen.” Ist das nun ein Naturgesetz? Aber nicht doch. Das letzte Wort nämlich bleibt der zwar gescheiterten, aber nicht minder heroischen Rebellin Rosa Luxemburg vorbehalten: “Die Revolution sagt: ich war, ich bin, ich werde sein.”

Weitere Aufführungstermine: Samstag, 31. Oktober, 20 Uhr; Sonntag, 8. November, 12.30 Uhr, und Freitag, 13. November, 20 Uhr. Treffpunkt und Abendkasse jeweils am Studio des Trierer Theaters.

von Christian Baron

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