Der grässliche Fatalismus der Geschichte

Aber bitte immer mit Sahne: Leonce (Ansgar Depping) ist des Überflusses überdrüssig. Foto: Maurice VinkWährend die neue Bundesregierung noch damit beschäftigt ist, den wirtschaftlichen Scherbenhaufen maßloser Finanzjongleure zusammenzukehren, kommen Dekadenz und Hedonismus in Trier auch an anderer Stelle auf den Plan: Die freie Theatergruppe “TheaterUmriss” zeichnet in ihrer Inszenierung von Georg Büchners Lustspiel “Leonce und Lena”, die heute im Karussell Premiere hat, ein Bild von tristem Überfluss, in dem die Charaktere zwischen zarter Melancholie, grotesker Albernheit und bissiger Ironie den Versuch unternehmen, ihren vorgezeichneten Schicksalen zu entkommen. Gute Unterhaltung und bedrückende Reflektionen gehen dabei Hand in Hand.

TRIER. “Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich”, schrieb Georg Büchner in dem berühmten “Fatalismus-Brief” 1834 an seine Braut. Literarisch schlugen sich die tiefen Zweifel des Vormärz-Dichters über die menschliche Existenz in den skeptischen Sozialdramen “Dantons Tod”, dem Fragment “Woyzeck” und der Erzählung “Lenz” nieder.

Das Lustspiel “Leonce und Lena” erscheint dagegen zunächst als leichte Kost, deren kritischer Unterton sich erst im Blick auf das ganze Stück offenbart. Die Geschichte ist schlicht: Prinz Leonce vertreibt sich mit romantischen Tagträumereien die Zeit in einem Leben voller Überfluss und Müßiggang. Als er mit der Prinzessin Lena verheiratet werden soll, flieht er mit seinem Kompagnon Valerio aus dem Königreich; auf der Reise trifft er auf die ebenfalls getürmte Lena, und beide verlieben sich ineinander – nichtwissend um die Identität des anderen. Gemeinsam kehren sie in das Königreich zurück, um sich maskiert verheiraten zu lassen, woraufhin ihre Identitäten aufgedeckt werden.

Wer bereits Inszenierungen des “TheaterUmriss” gesehen hat, weiß, dass bei dessen Annäherung an das Stück kein vorlagentreues Aufführungstheater zu erwarten ist: Der längliche Bühnenraum ist durch ausgestreuten Sand zur Wüste verwandelt, die optische Einöde vermittelt sinnbildlich die Tristesse eines übersatten Lebens, dem Leonce durch Genuss (ein Sahnespray ist sein ständiger Trostspender) und vergnügliche Ablenkung mit seinem Vertrauten Valerio zu entrinnen versucht.

Durch die Streichung der Frauenfiguren Rosetta und Lenas Gouvernante dominiert die erotisch angehauchte Beziehung der beiden hedonistischen Jungmänner mindestens die erste Hälfte des Stücks. Dem im Vergleich zur blumigen Vorlage manchmal recht düsteren Leonce (solide: Ansgar Depping) steht ein schelmischer Valerio gegenüber, den Andrea Schulze mit vollem Körpereinsatz als überzeugende Narrenfigur spielt. Wie die beiden völlig überdreht miteinander tanzen, Fratzen schneiden oder sich in Philosophie und süßem Nichtstun ergehen, verleiht dem Stück einige seiner absurden und komischen Momente.

Die blumige Sprache der Vorlage ist an vielen Stellen zusammengestrichen worden, stattdessen regiert laut Regisseur Sebastian Bolitz das “Körpertheater”: Sein watschelnder Diener, die von Kleists Marionettentheater geborgte, beinahe groteske Puppenhaftigkeit von König Peter sowie die “Automatenmenschen” Leonce und Lena in der Heiratsszene, oder die gebückte Weichheit des Staatsbeamten – viel von ihrer Symbolkraft ziehen die Figuren aus ihrer Physiognomie. Auch die an die Stummfilm-Slapstick der 1920er Jahre gemahnende Flucht der drei Hauptcharaktere kommt beinahe ohne Sprache zu einer beträchtlichen Wirkung.

WerbungAus dem durchweg passabel spielenden Ensemble stechen vor allem Julia Lieske und Eckhard Buchwald hervor: Während Lieske König Peter und seinen staatstragenden Nonsens-Dialogen eine köstliche Affektion angedeihen lässt, spielt der aschfahl geschminkte Buchwald den unterwürfigen und unflexiblen Staatsdiener herrlich fahrig und überfordert. Auch Katharina Schneider füllt die eher unauffällige Rolle der unschuldigen Lena gut aus.

Große Überthemen der Vorlage wie Determinismus oder Kritik am ständischen Staatswesen transportiert die Inszenierung jedoch nur unzureichend, weil es ihr an Geschlossenheit fehlt. Die nachvollziehbare Erzählung der Geschichte als roter Faden durch das Geflecht von Figuren und Themen wurde zugunsten einer losen Szenenfolge aufgeweicht, die der Zuschauer gedanklich selbst verbinden muss. Einzelne Darstellungen wirken außerdem etwas hölzern, beispielsweise ist die Annäherung von Leonce und Lena etwas zu abrupt und kindisch geraten, um wirklich glaubhaft zu sein.

Dennoch bleibt eine ambitionierte Inszenierung, die die Vorlage Büchners mit stilistischer Experimentierfreude und Ansätzen des Performance-Theaters kreuzt und zum Teil hervorragende Einzelbilder und -szenen produziert, aber mangels eines übergeordneten Leitmotivs etwas fragmentiert und in seiner Aussage inhaltlich unklar wirkt.

Die Premiere von “Leonce und Lena” findet heute um 20 Uhr im Karussell am Zuckerberg statt. Eine weitere Aufführung gibt es dort morgen um die gleiche Zeit.

von Dennis Drögemüller

1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Lustmolch schreibt:

    Herr Drogemüller, Sie haben, wie mir scheint, das Stück nicht verstanden. Ebensowenig die konkrete Inszenierung.
    Schade für Sie…

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