Bunt statt Braun in der Realschule
Der Wahlerfolg der rechtsextremen NPD bei den Trierer Kommunalwahlen im vergangenen Juni oder auch der laut polizeilicher Kriminalstatistik von 2008 neue Höchstwert von Gewaltdelikten in sozialen Brennpunkten zeigen es: Fremdenfeindlichkeit, soziale Ausgrenzung und Gewalt bleiben auch in der Moselstadt aktuelle Probleme, die Aufklärung und Prävention erfordern. Aus diesem Grund fand an den Trierer Realschulen eine Themenwoche zu Gewalt und Rechtsextremismus statt. 16vor besuchte die Ludwig-Simon-Realschule auf dem Wolfsberg.
TRIER. Es kommt nicht häufig vor, dass Siebtklässler sich so rege und engagiert zu dem Thema austauschen, das der Lehrer vorgegeben hat: “Wir sollten das hier auch mal probieren, bei uns in der Klasse ist es doch auch so mit den verschiedenen Cliquen – das muss dann ja nicht so schlimm enden wie im Buch!”, ruft ein Mädchen, das wie seine Mitschüler im Unterricht Morton Rhues Jugendbuch-Klassiker “Die Welle” gelesen hat, in dem ein Lehrer seine Klasse in einem Experiment nationalsozialistische Strukturen erleben lässt.
Die Lesetagebücher der Schüler offenbaren in einfachen Worten, dass viele intuitiv verstanden haben, was das Grauen des NS-Regimes für sie selbst bedeutet hätte. “Es war sehr schlimm, wenn ich offen meine Meinung gesagt hätte, wäre ich in Lebensgefahr gewesen”, liest eine Schülerin vor, “Ich wäre auch zu Hitler gegangen, dann wäre ich nicht so schnell umgebracht worden”, gibt ein Junge offen zu. Selbst die jüngsten Schüler gehen erstaunlich reflektiert mit dem schwierigen Thema um.
“Die Probleme der Gesellschaft sind wie in einem Mikrokosmos hier bei uns abgebildet”, fasst Schulleiter Josef Linden seine Haltung zu Rechtsextremismus und Gewalt in der Schule zusammen. Die Themenwoche – seit dem Jahr 2000 vom Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus des Kriminalpräventiven Rats Trier jährlich in Kooperation mit wechselnden Schulformen ausgerichtet – sei eine gute Möglichkeit, schon bei den Jüngsten Bewusstsein für das Thema zu schaffen; ohnehin sei gerade unter den zahlreichen Schülern mit Migrationshintergrund die “Sensibilisierung für Ungerechtigkeiten groß”.
Schüler und Lehrer zufrieden mit Resultaten
Insgesamt haben sich fünf Kurse beziehungsweise Klassen verschiedener Altersstufen dem Thema Rechtsextremismus und Gewalt genähert, je nach Fach mit passender Herangehensweise: Der Sportkurs der zehnten Klasse beschäftigte sich mit Gewalt in Sportvereinen, ein Schüler zeigt Stolz das Interview, das er mit einem ehemaligen Hooligan geführt hat. Im Kunstkurs dagegen haben die Schüler selbst T-Shirts mit Slogans und Motiven entworfen und gestaltet, die am Ende in ihrer Erscheinung zu Thema und Gruppenzusammensetzung passen: bunt statt braun. Die Schüler einer achten Klasse wiederum diskutierten in kleinen Runden, was rechtes Gedankengut bedeutet, und übten bei dieser Gelegenheit auch gleich das Argumentieren gegen rechte Positionen. Auch hierbei holen die Schüler das abstrakte Thema in ihre eigene Lebenswelt: “Muslime hätten keine Rechte”, schreibt ein Mädchen mit Migrationshintergrund vor sich auf das Papier.
Neben der Ludwig-Simon-Realschule haben auch die anderen Trierer Realschulen die Themenwoche auf vielfältige und kreative Weise umgesetzt: An der Blandine-Merten-Realschule war eine Theatergruppe aus Meerbusch eingeladen, um den Schülerinnen Strategien gegen Gewalt nahzubringen. Die Comenius-Realschule verband das Thema im Geschichtskurs mit dem Mauerfall und einer Berlin-Fahrt, und an der Robert-Schumann-Realschule war neben Cyber-Mobbing und dem Internet als Hilfsmittel der rechten Szene auch ein KZ-Besuch Teil des Programms.
Über den Erfolg der Themenwoche sind sich die Beteiligten auf dem Wolfsberg einig: Während sich die Schüler über selbstständiges Arbeiten im Gruppenverband und weniger Hausaufgaben freuen, können die Lehrer nach fünf Tagen die Ergebnisse ihrer Bemühungen auf Plakaten begutachten. Zwar sei die durchgängige Arbeit mit einem Kurs auch anstrengend, mache aber dank der hochmotivierten Schüler viel Spaß. Neben dem Spaßfaktor steht der Lerneffekt: “Ich hatte auch so einen Thorshammer als Anhänger, ich wusste gar nicht, dass das ein rechtes Zeichen ist”, erzählt ein Schüler, der sich im Wirtschafts- und Sozialkundekurs über Musik, Symbole und Parolen der rechten Szene informiert hat. Auch Josef Linden resümiert das Projekt und seine Folgen positiv: “Bei einigen Schülern, die für rechtes Gedankengut empfänglich sind, haben wir unmittelbar positiveres Verhalten beobachtet”.




