“Damals hat man uns für verrückt erklärt”
Er ist Autor und Visionär, vor allem aber gilt er als ein Pionier der Umweltbewegung: der Amerikaner Ernest Callenbach. Zwei Wochen reist der 80-Jährige derzeit durch Deutschland. Callenbach hält Vorträge, informiert sich über Projekte und trifft die Oberbürgermeister mehrerer Städte, bevor ihm dann kommende Woche die Ehrendoktorwürde der Universität Freiburg im Breisgau verliehen wird. Gestern machte Callenbach Station in Föhren, wo er sich im Industriepark Region Trier das derzeit landesweit größte Solarkraftwerk anschaute. Heute Abend hält der Autor des vor mehr als drei Jahrzehnten erschienenen Zukunftsromans “Ecotopia” einen Vortrag in der Stadtbibliothek.
TRIER. Es gibt wohl wenig geeignetere Menschen als Ernest Callenbach, um sich ein Lob für ökologisches Engagement abzuholen: 1975 hat er mit seinem Bestseller “Ökotopia” den Entwurf einer ökologischen und sozialen Utopie vorgelegt und gilt seither als Visionär, dessen Werk in einem Atemzug mit dem Aldous Huxleys genannt wird. Es ist also durchaus im beiderseitigen Interesse, wenn der prominente Autor die Photovoltaik-Anlage in Föhren in Augenschein nimmt. Deren Eigentümer, die Stadtwerke Trier, hätten nun auch für sich “das Geschäftsmodell der Nachhaltigkeit entdeckt”, erklärt der Projektleiter dem Gast.
Selbst das Schmuddelwetter hält den Kalifornier nicht vom ausgiebigen Besichtigen der Anlage ab. “Was mich hier am stärksten beeindruckt, ist diese Stille”, sagt er mit Blick auf die 25 Hektar große Fläche im Industriepark Region Trier, die mit rund 112.000 Solarmodulen überzogen ist. Und weil er Schriftsteller ist, findet er natürlich auch einen schönen Vergleich: “Es ist, als würde man einer Pflanze zuschauen, die Photosynthese betreibt. Hier wird Energie erzeugt, aber man bekommt absolut nichts davon mit”.
Anlagen wie diese, so ist er sich sicher, stehen für ein neues ökologisches Bewusstsein. Das sei auch festzumachen an einem Trend, den er seit Kurzem auch in den USA beobachtet: Kinder bewirtschaften in ihren Schulen kleine Gärten und lernen so spielerisch den Umgang mit Nachhaltigkeit: “Ich habe Hoffnung, wenn ich sehe, dass eine Generation mit einem Bewusstsein für Ökologie nachrückt. Das ist wirklich etwas Neues”, sagt er.
Mehr als 30 Jahre ist es her, dass sein Buch erstmals erschienen ist. Seitdem ist viel passiert: Umweltbewegungen sind entstanden, verschwunden und wieder aufgetaucht, das Internet wurde erfunden und viele seiner damals utopischen Ideen wie Telefonkonferenzen oder digitalisierte Bücher sind heute Gang und Gäbe. Aber auch seine Forderungen an die Umweltpolitik werden immer gesellschaftsfähiger. Vor kurzem titelte die New York Times “The Novel that predicted Portland” und stellte in ihrem Artikel fest, dass viele der “Green Movement”-Errungenschaften bereits in Ökotopia eine Rolle spielten. Das ist für Callenbach immer noch unglaublich: “Damals hat man uns wegen diesen Ideen für verrückt erklärt”.
Man fragt sich dann, wie das wohl ist: Jahrzehnte darauf zu warten, dass eine Idee verstanden wird – auch wenn es dann vielleicht zu spät ist. Stellt man Callenbach diese Frage, dann lächelt er nur und zitiert den von ihm geschätzten Max Planck: “Die Wahrheit triumphiert nie, ihre Gegner sterben nur aus”.
Callenbachs Vortrag zum Thema “From Capitalism to Ecotopia: A Successionist Manifesto” beginnt heute Abend um 18 Uhr im Lesesaal der Stadtbibliothek in der Weberbach. Die Veranstaltung wird gemeinsam vom Trierer Zentrum für Amerikastudien, der Stadtbibliothek und der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft ausgerichtet.
von Kathrin Schug





13. November 2009 (09:21 Uhr)
Welcher Umweltinieressierte hätte nicht in den 70er Jahren “Ökotopia” mit Begeisterung gelesen. Seine Visionen von damals sind noch heute aktuell. Ich kann nur jedem und jeder an zukunftsfähiger Entwicklung Interessierten empfehlen, sich diese Gelegenheit, Ernest Callenbach zu sehen und zu hören, nicht entgehen zu lassen.