Vom Minimalismus erdrückt
An “Woyzeck” traut sich jeder ran. Erst kürzlich mimte der ehemalige Fußballprofi und Dschungelcamp-Bewohner Jimmy Hartwig in Leipzig eher suboptimal den zum menschlichen Wrack mutierenden Soldaten, vor dreißig Jahren schon verkörperte Klaus Kinski Büchners bekanntesten Protagonisten in seither unübertroffener Perfektion. Irgendwo dazwischen ist dann auch Moritz Schöneckers 90-minütige Inszenierung des 1836 entstandenen Dramenfragments anzusiedeln, die als “TheaterUmriss”-Produktion am Donnerstagabend im bis auf den letzten Platz gefüllten “Karussell am Zuckerberg” Premiere feierte und vom Publikum überwiegend mit Entzückung aufgenommen wurde.
TRIER. Es gibt Bühnenstücke, bei denen die eigentlich gern gesehene strikte Werktreue sich auf den ersten Blick nur bedingt anbietet. Das gilt auch für “Woyzeck”. Georg Büchner hat hiervon 31 in ihrer Anordnung nicht eindeutig erkennbare Szenen hinterlassen. Die Theaterwelt einigte sich später auf 27 dramaturgisch sinnvolle Szenen, ohne dass Regisseure und Dramaturgen sich seitdem sklavisch daran zu halten gedenken. Moritz Schönecker hingegen rückt den von ihm kaum veränderten Text in den Mittelpunkt, um dessen beklemmenden Effekt zum Vorschein zu bringen. Bühnenbild und Kostüme müssen zu diesem Zweck mit einfachsten Mitteln auskommen, um dem teilweise sehr eindringlichen Spiel der Akteure seine Entfaltung zu gewähren.
Drei Schauspieler figurieren hier in einem finsteren Kellerraum die meisten der in Büchners unvollendetem Opus Magnum auftretenden Personen. Die ständigen Rollenvariationen, die Jonas Laux oder Yves Wüthrich etwa mal zum Woyzeck und mal zum Tambourmajor machen, sind durch die Darsteller sprachlich und nonverbal sehr unzureichend gekennzeichnet und wären ohne die an die Wand projizierten Szeneninformationen kaum nachvollziehbar. Trotzdem erweisen sie sich durchaus als cleverer Kunstgriff, der das Sinnbild der verschwimmenden Grenzen einer zwar individualistischen, die Rechte und Gefühle des jeweils Anderen jedoch allzu oft vernachlässigenden Realität und der als Ausflucht selbst konstruierten Fiktion glänzend charakterisiert.
Stringent wird die Geschichte des einfachen Soldaten Woyzeck vermittelt, den seine Vorgesetzten übel demütigen und der von seinem Arzt nicht die notwendige psychologische Hilfe erhält, sondern für dessen irrsinnige Experimente missbraucht wird. Spartanisch geht die Dramaturgie dabei mit den Bild- und Videoprojektionen um, die damit nicht etwa vom eigentlichen Geschehen ablenken, sondern dieses zu einem sinnvollen Ganzen komplettieren. Besonders die Figur der Marie erfährt durch Vicky Krieps eine glaubwürdige und passende Auslegung jenseits der durchtriebenen Hure. Vielmehr verleiht sie Woyzecks ethisch flexibler Freundin durch ihre defensiv und wuchtig zugleich wirkende Darstellung eine Unschuld, welche den Grundkonflikt des Dramas nach den Gründen und der Rechtfertigung von Woyzecks Mord an Marie zuspitzt, ohne dem Zuschauer ein fertiges Statement zu servieren. Es bleibt also dem Betrachter überlassen, die im Laufe der Jahrzehnte zum Gassenhauer avancierte und das Bühnenwerk leitende Tautologie “Moral, das ist, wenn man moralisch ist” selbst zu interpretieren, welche der Hauptmann seinem konsternierten Untergebenen Woyzeck entgegenschmettert.
Mit zunehmendem Verlauf der Handlung jedoch offenbaren sich vermeidbare Ungeschicklichkeiten. So etwa bei Yves Wüthrich, der seinen ironisch-depressiven Hauptmann mehr oder minder artig spielt, bei der Inkarnation des absonderlichen Arztes aber zu einer schrillen Hyperbel neigt, die das Satirehafte der Vorlage bis ins Clowneske verfremdet und somit auch – das zeigen nicht zuletzt die vergnügt gackernden Teile des Publikums – die durch jede Satire zu vermittelnde inhaltliche Ernsthaftigkeit komplett unter den Teppich kehrt. Bei der Mordszene dagegen ist von der zuvor slapstickgeschwängerten Grundhaltung der Vorstellung nichts mehr zu vernehmen. Jonas Laux und Vicky Kriebs stellen den dramatischen Höhepunkt betont lethargisch dar und übermitteln so offen das Eingeständnis, dass aus dem famos komponierten Text nicht mehr rauszuholen scheint. Das mag ehrenwert anmuten und vielleicht auch schlicht ein Versuch sein, die Gefühlsarmut einer kalten Welt ausgerechnet mitten in Woyzecks Wahnsinn zu transportieren – doch pervertiert es nicht doch eher den Sinn der theatralen Kunst, das Geschriebene mittels schauspielerischer und illustrativer Techniken im wahren Wortsinne anschaulich zu machen?
Was von Schöneckers Inszenierung bleibt, ist sicher der eindrücklich dargebotene Minimalismus, durch den der gebürtige Trierer den imposanten “Woyzeck”-Text nach unzähliger Vergewaltigung durch egomanische Spielleiter in angenehm unprätentiöser Weise re-büchnerisiert. Doch droht ein wichtiger Legitimationsaspekt des Theaters in diesem spielerischen Korsett gleichsam erdrückt zu werden. Entgegen dem eigenen Anspruch nämlich vermag die Aufführung dem Stück wenig Neues, geschweige denn auf die Aktualität Bezogenes zu verschaffen. Dieser leider weitgehend misslungene, aufgrund der komplexen Vorlage aber gewiss auch sehr schwer zu bewältigende Drahtseilakt ändert dennoch nichts an der Tatsache, dass Schönecker zu zeigen versteht, wie lohnenswert die Auseinandersetzung mit “Woyzeck” auch in unseren Tagen noch ist.
“Woyzeck” ist noch am Sonntag, 22.November, und am Montag, 23. November, jeweils um 20 Uhr im “Karussell am Zuckerberg” zu sehen.
von Christian Baron





16. November 2009 (13:01 Uhr)
Der Verfasser spricht ein zentrales Thema des postmodernen Theaters an: Ist es wirklich notwendig, die Vorlage bis aufs Äußerste zu pervertieren, um ihrem innersten Gehalt näher zu kommen?
Ich habe Schöneckers (Per)Version gesehen und bin der Meinung, dass alles Neuartige darin – mit dem Medienzirkus angefangen und bei dem Slapstick aufhörend – keines Wegs zur Verdeutlichung der Büchnerschen Idee beiträgt. Noch weniger stellt diese Produktion den Bezug zu unserer Gegenwart her.
Es stimmt: An Woyzeck traut sich heute jeder ran, und zwar frei nach der Devise “Hauptsache – anders!”