Die badische Mariah Carey und der kölsche Pate
Seit 2005 finden in Trier alle zwei Jahre die “Spaß.Gesellschafts.Abende” des Kölner Atelier Theaters statt. Traditionell wird das Festival mit einer Revue im Stadttheater eröffnet, bevor vier der sechs Künstler Einzelgastspiele in der Tufa und ihm Chat Noir geben. Während sich 2007 Fritz Eckenga und Florian Schroeder mit ihren Kurzauftritten für die weiteren Shows empfahlen, sei nun besonders auf die kommenden Veranstaltungen von “Ass-Dur” (21. November, Chat Noir) und Fatih Çevikkollu (25. November, Tufa) hingewiesen. Von den Appetithäppchen des skurrilen Berliner Duos und des smarten, schlagfertigen und sehr sympathischen Kölners konnte man am vergangenen Freitag nicht genug bekommen.
TRIER. “Der Westfale leidet nicht an Euphorie”, sagte und verkörperte der Dortmunder Satiriker Fritz Eckenga bei seinem Auftritt vor zwei Jahren in der Tufa. Da scheint etwas dran zu sein, denn auch der aus Essen stammende Moderator der Revue Dr. Ludger Stratmann, der es trotz seiner Schulkarriere – Volksschule, Gymnasium, Realschule und wieder Volksschule – noch zum Allgemeinmediziner brachte, macht einen insgesamt unaufgeregten Eindruck. Der 61-Jährige spielt einen grobschlächtigen Kleinbürger, der Herrenwitze erzählt und über seine Frau Inge und ihre Familie lästert, wie das eben grobschlächtige Kleinbürger so tun. Wenn Humor direkt vererbbar wäre und die Komik mit jeder Generation derber würde, könnte die Figur Doktor Stratmann der Sohn von Adolf Tegtmeier (Jürgen von Manger) und der Vater von Atze Schröder sein.
Die ersten Künstler, die der kernige Conférencier mit dem breiten Ruhrpottdialekt ansagt, sind Sebastian Pufpaff, der tatsächlich so heißt, Henry Schumann und Martin Zingsheim vom “Bundeskabarett”. Wie alle nachfolgenden Komiker dürfen sie in großzügig gestoppten 15 Minuten Auszüge aus ihrem Programm vorstellen. Worum es in ihrem Auftritt geht, weiß man nach einer Viertelstunde nicht. Die Rollen entfalten und der Sinn erschließt sich wohl erst im Laufe des auf zwei Stunden angelegten Komplettprogramms.
Musik-Comedy ist für ein solches Format besser geeignet, da mit jedem Song in der Regel eine Nummer beendet ist. Vertreterinnen dieser Komiksparte sind die “First Ladies”, die wie das “Bundeskabarett” in der Rubrik “Nachwuchstalente” auftreten, obwohl Erstere bereits bei ihrem dritten Programm angelangt sind und Letztere sogar schon zweimal ein Gastspiel im Chat Noir gegeben haben.
Die Stärke der beiden Kölnerinnen Eva-Maria Michel und Maria Vollmer ist Körperbeherrschung. In einer Nummer schlüpfen sie mithilfe eines schlichten Stoffschlauchs in mehrere Rollen, indem sie ihn auf verschiedene Art überziehen; in einer anderen spielen sie einen Videobeitrag nach, in der Eva-Maria Michel als Protagonistin darin die Stop-, Vor- und Rücklauf-Befehle ihrer Partnerin gekonnt umsetzt. Ihr Auftritt ist jedoch gänzlich unwestfälisch, auch nicht typisch rheinländisch, sondern sehr schrill und überdreht. Falls die beiden Damen in ihrem kompletten Programm zwischendurch nicht ein paar Gänge runterschalten, kann das auf Dauer anstrengend werden.
Der Auftritt von Alexandra Gauger als brünstige Musiklehrerin Fräulein Cäsar nervt bereits, nachdem sie sich vorgestellt hat: “Isch bin Chrischtl Cäsar, ledig und aus Baden.” Die Figur bleibt so flach wie ein Cracker. Kaum herausgearbeitet ist auch ihre Alicia-Keys-Parodie, in der sie den leidenschaftlichen Vortrag der Soul-Sängerin in schlecht gespielte sexuelle Erregung übersteigert. Mariah Careys Ballade “Hero” übersetzt die ausgebildete Mezzosopranistin, die am 28. November im Chat Noir ihr vollständiges Programm vorstellt, ins Badische, wodurch der Song nicht an Komik gewinnt, denn ein belangloser Text wird nicht lustiger, wenn man ihn in einem Dialekt singt. Beeindruckender als ihr Auftritt bei der Revue dürfte ihre Darbietung bei der Uraufführung von “Indianischer Sonnengesang” im Trierer Dom im Jahr 2003 gewesen sein.
Auch Murat Topal ist schon in Trier aufgetreten (nächstes Gastpiel im Rahmen der “Spaß.Gesellschafts.Abende” am 19. November im Chat Noir). Vor fast genau fünf Jahren hat er den 6. Trierer Comedy Slam gewonnen und durfte damit beim 1. Master Comedy Slam 2005 teilnehmen, bei dem allerdings Matthias Seling den ersten Platz belegte. Topal war zehn Jahre lang Polizist in Berlin-Kreuzberg, ehe er Berufs-Comedian wurde. Das sollte genügend Stoff für mehrere originelle Programme bieten, doch die Anekdoten über Fanbegleitungen und Personenkontrollen wirken zu konstruiert. Oder sie sind schwach erzählt, denn der Deutsch-Türke hat kein gutes Gespür für Pointen. In Ansätzen stecken bleiben auch seine Tanz-Parodien. In wenigen Sekunden versucht er, das Charakteristische von Techno, Salsa, Death Metal und Black Music überspitzt darzustellen, was nur oberflächlich gelingt. Sein Robot Dance ist allerdings großartig.
Während Topal ein bisschen zu selbstverliebt wirkt, verfügt Fatih Çevikkollu, der auch schon mal bei einem Slam in Trier mitmachte, über die für einen großen Komiker nötige Selbstironie. Zudem ist er schlagfertig und äußerst liebenswürdig. Çevikkollus Kernthema auf der Bühne ist das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken. Der Besucher, der auf dessen Frage, ob Türken im Publikum seien und sich niemand meldet, hereinruft, dass man schließlich in Trier sei, hat in der folgenden Viertelstunde nicht mehr viel zu lachen. Im Gegensatz zum übrigen Publikum, das nach den Freigetränken in der Pause hörbar hemmungsloser geworden ist.
Ganz großes Kino bietet Çevikkollus Parodie auf die Hochzeitsszene in “Der Pate”, die er in Kölner Mundart nachspielt. Anders als bei Alexandra Gauger ist die Nummer deshalb so gelungen, weil der 37-Jährige, der bundesweit durch seine Rolle in der Comedy-Serie “Alles Atze” bekannt wurde, die Vorlage nicht eins zu eins übersetzt, sondern den Inhalt in kölschen Redewendungen wiedergibt. Hinzu kommt, dass er sehr gut Marlon Brando imitieren kann. Am 25. November stellt er sein ganzes Programm “Komm zu Fatih!” in der Tufa vor.
Ebenfalls sehr zu empfehlen ist der Einzelauftritt von “Ass-Dur” am nächsten Samstag im Chat Noir. Benedikt Zeitners grotesker musikwissenschaftlicher Vortrag über das angeblich schon bei Mozart und Beethoven in Variationen vorkommende Leitmotiv des “Bibabutzelmanns” erinnert durch die Ermahnungen (“Wer jetzt noch lacht, kriegt einen Strich”) an Lars Reichows “Die Schulstunde”, nur dass die Performance völlig skurril ist. Zeitner gebärdet sich so expressiv wie ein Stummfilmschauspieler, und sein Partner am Piano Dominik Wagner wirkt, als stünde er unter starken Beruhigungsmitteln oder Schlafentzug. In der zweiten Hälfte – “Ass-Dur” durften als einzige auch schon im ersten Teil auftreten – wird Wagner munter(er) und fordert mehr Aufmerksamkeit ein, indem er Zeitner immer wieder unterbricht und Scherzfragen stellt. “Was ist grün und trägt ein Kopftuch?” Pause. “Eine Gürkin.” Künstlerischer Höhepunkt ist der Garderobenwechsel des Duos, während es übergangslos Klavier spielt.
Wie schon vor zwei Jahren verabschieden sich alle Beteiligten mit einem grauenhaften, musicalartigen Song, der eine Atmosphäre wie bei der Abschlussveranstaltung eines Kirchentages vermittelt. Während es 2007 hieß: “Wenn der Vorhang fällt, geht die Welt nicht unter”, lautet der Refrain jetzt: ” Wir stehn hier zusammen und ihr seid dabei. Wir sprengen Ketten, Grenzen, Rahmen…”. Fehlt nur noch, dass sich alle Besucher an die Hand nehmen oder Wunderkerzen hochhalten. Dann wäre aber Schluss mit lustig.





18. November 2009 (17:28 Uhr)
Sehr geehrter Herr Jöricke, oder darf ich noch “Christian” sagen? Diese Eingangsfrage drängt sich auf, da sich Ihr Bericht wie ein noch nicht korrigierter Ausatz eines Zehntklässlers liest. Dabei gelingt Ihr Journalismusversuch ebenso wenig wie der der Kulturkritik. Ich frage mich, ob Sie sonst Hochkultur, Freejazz oder vor allem poetische Lesungen verfolgen, denn die Welt der Kleinkunst, der Comedy oder des Kabarett scheint nicht Ihre zu sein. Ihre drögen Beschreibungen werden weder den Künstlern noch dem Konzept gerecht – mit beidem hätten Sie sich im Vorfeld etwas mehr auseinander setzen dürfen. Die Kombination etablierter Moderatoren mit Nachwuchskünstlern verschiedener Entwicklungsstadien verdient gewürdigt zu werden, ebenso die gekonnte Kombination der Variationen eines Genres (oder zweier…). Journalistische Beobachtungsgabe hätte Ihnen das eine oder andere Highlight erschlossen. Aber vielleicht versuchen Sie einfach nur, mit Ihrer Schreibe irgendwann zur taz zu kommen? Ein e-zine und die ohnehin gebeutelte Kulturszene sollten nicht Ihre Übungsräume. Sonst ist dort bald Schluss mit lustig.
19. November 2009 (16:47 Uhr)
“Wie ein noch nicht korrigierter Ausatz eines Zehntklässlers”!? Großartig, Herr Stuber, vielen Dank für meinen persönlichen Lacher des Tages. Lerne: wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit beleidigtem Unfug um sich werfen.