Protestwelle erreicht Trierer Uni-Campus

Hunderte Studierende tummelten sich am Dienstagmittag im Audimax und stimmten für eine unbefristete Besetzung des Hörsaals. Foto: Marcus StölbSeit Wochen schon mobilisieren Studenten Dutzender Hochschulen in Deutschland und anderen europäischen Ländern gegen die Bildungsmisere im Allgemeinen und die negativen Auswüchse des sogenannten Bologna-Prozesses im Besonderen. Am Dienstag schlossen sich nun auch Hunderte Trierer Hochschüler der Protestwelle an. Auf einer Vollversammlung beschlossen sie, ab sofort den größten Hörsaal der Universität, das Audimax zu besetzen. “Wenn Ihr euch nicht wehrt, wird sich nie etwas ändern”, appellierte AStA-Sprecher Florian Kaiser an die Adresse seiner Kommilitonen. Die machten ihrem Unmut Luft, lautstark aber sachlich.

TRIER. “Oh Mann, ist das lahm”, klagte eine Studentin unmittelbar bevor die Vollversammlung beginnen sollte. Tatsächlich klafften um 13 Uhr noch einige Lücken in den Sitzreihen, fast schien es, als werde die Resonanz auf die Veranstaltung eher bescheiden ausfallen. Doch keine Viertelstunde später gab es kein Durchkommen mehr, waren sämtliche Stühle besetzt und auch die Treppen und der Fußboden vor der Bühne in Beschlag genommen. Schätzungsweise 800 Studenten tummelten sich im Audimax, und noch bevor diese ihren Ärger loswerden konnten, nutzte Lukas Dembinsky, Co-Koordinierendes Mitglied des Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Uni, die Gelegenheit, seine Kommilitonen zu ermuntern, sich an den nächsten Wahlen des Studierendenparlaments zu beteiligen. Zwischen dem 1. und 3. Dezember wird ein neues StuPa gewählt. “Geht wählen, wen auch immer!”, rief Dembinsky unter dem Beifall der Versammlungsteilnehmer.

Überhaupt wurde viel applaudiert während der gut anderthalbstündigen Veranstaltung. Viele der Studenten, die sich spontan zu Wort meldeten, sprachen aus, was eine große Zahl von Kommilitonen offenkundig umtreibt. Von völlig überfüllten Sprachkursen berichtete eine Studentin; eine andere beklagte, dass sich viele Pflichtveranstaltungen terminlich überschneiden würden. Eine weitere Kommilitonin kritisierte, dass für Studenten, die nebenher noch arbeiten müssten, der Bachelorabschluss kaum zu schaffen sei – es fehle schlicht die Zeit, die Veranstaltungen vor- und nachzubereiten.

Protest auf Plakaten: Viele Studenten machten ihrem Ärger Luft. Foto: Marcus StölbDie Folgen der Umstellung auf Bachelor und Master waren das bestimmende Thema in den Redebeiträgen. Allenthalben wurde die starke Verschulung kritisiert und “sinnfreies Auswendiglernen” beklagt. Ein “interessenorientiertes Studium” sei so nicht mehr möglich, lautete ein Vorwurf an die Adresse der Bildungspolitiker. “Die Unis sollten aufhören, sich der Wirtschaft anzupassen”, forderte eine Studentin, und wie auf fast jede der durchweg lautstark aber sachlich vorgetragenen Wortmeldungen folgte auch auf diese tosender Applaus. Ein AStA-Mitglied merkte zudem an, dass das immer stärker verschulte System auch zur Folge habe, dass den Studierenden keine Zeit mehr für soziales und politisches Engagement bleibe: “Wer soll dann unsere studentischen Interessen vertreten?!” Doch es gab auch nachdenkliche Töne. Beispielsweise als ein Redner appellierte, sich mit all jenen zu solidarisieren, “denen es auch scheiße geht”. Ein anderer Kommilitone erinnerte daran, dass die Angestellten der Hochschule “unter einem genau so hohen Druck stehen wie wir Studierende”.

Andernorts formierten sich die Protestaktionen schon vor Wochen, in einigen europäischen und auch deutschen Städten halten Studenten Teile der örtlichen Hochschulen besetzt. Als ein Redner des AK Protests berichtete, “auch in London und selbst in Landau” seien Teile der Universitäten besetzt, kam Gelächter auf. Ein Student rief daraufhin in den Saal: “Und was ist mit Trier?” In Trier halten seit Dienstagnachmittag Studierende den größten Hörsaal der Universität besetzt. In den nächsten Tagen und vielleicht auch Wochen wollen sie so ihrem Ärger Ausdruck verleihen und über Ursachen und Auswege aus der Bildungsmisere diskutieren.

Vielleicht waren es die moderarten Statements einiger Studierender, unter anderem das Lob für Lehrkräfte, die sogar in ihrer Freizeit Veranstaltungen anböten, die den anwesenden Uni-Kanzler Dr. Klaus Hembach hoffen ließen, mit den Studierenden doch noch einen Kompromiss schließen zu können. Der Kanzler äußerte zwar Verständnis für den Unmut der  Hochschüler, unterstrich aber zugleich, dass die Universität im vergangenen Jahr schon einiges unternommen habe, um die schwierige Lage etwas zu entspannen. Hembach sprach von einem “ganz guten Semesterstart” und bot den Studierenden schließlich an, ihnen kleinere Räume zur Verfügung zu stellen, in denen sie über ihre Anliegen diskutieren könnten. Hembach: “Muss es denn eine Besetzung dieses Raumes sein?”

Es wurde viel geklatscht, auch nach dem Beschluss, das Audimax zu besetzen. Foto: Marcus StölbEs muss, befand die überwältigende Mehrheit der Versammelten. “Uns ist allen klar, dass die Uni tut, was sie kann”, attestierte AStA-Sprecher Florian Kaiser der Hochschulverwaltung, aber die Uni könne nunmal nicht die Strukturen ändern. Im Übrigen gehe es jetzt darum, ein starkes Zeichen zu setzen, damit die Politik endlich auf die Proteste reagiere. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) erklärte am Dienstag, dass sie die Forderung nach einer Verbesserung der Lehre nachvollziehen könne Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk räumte die Ministerin ein, dass es Fehler bei der Umsetzung der Hochschulreform gegeben habe. Allerdings betonte Schavan auch, dass in Deutschland noch nie so viel in Bildung investiert worden sei wie zur Zeit.

Dass die Proteste alsbald abflauen werden, steht nicht zu erwarten, und auch die Besetzung des Trierer Audimax ist erst einmal auf unbefristete Zeit angelegt. Gestern wurden erste Arbeitsgruppen gebildet, in denen nun konkrete inhaltliche Forderungen erarbeitet werden sollen.

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12 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Tobias schreibt:

    Man kann die Studierenden nur ermutigen ihrem Ärger Luft zu machen. Die Realität ist erschreckend. Viele ehemalige Kommilitonen aus “Diplomzeiten” mit ausgezeichneten Abschlüssen, Auslandssemestern, z.T. voriger Ausbildung haben lange nach einem Job gesucht. Erschreckend: Staatliche Stellen bieten Universitätsabsolventen mittlerweile ein Gehaltsniveau, wo man sich die Frage nach einer fairen Entlohnung stellen muss.

    Wenn die Bildungsministerin von einer Erhöhung des Bafög spricht, muss ihr bewusst sein, dass es einen Großteil der Studierenden aus der klassischen Mittelschicht nicht zugestanden wird, das Polster der Eltern aber auch nicht so üppig ist, dass sie ihre Kinder ausschließlich finanzieren können.

    Es wird gesagt, dass Bachelor- und Masterstudiengänge als Vollzeitstudium angelegt sind und es nicht vorgesehen ist, dass man nebenbei jobbt, um sich dieses finanzieren zu können. Empfohlen wird die Aufnahme eines Studienkredites und am Ende steht der Absolvent mit einem Schuldenberg von mehreren zehntausend EUR da, muss sich ein Auto leisten, um zur Arbeit zu kommen. Rentenvorsorge soll eigenverantwortlich ergänzt werden, eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist wärmstens empfohlen und dann soll ja auch Krankenzusatzversicherungen nach Meinung unserer Regierung mehr in die Hände jedes einzelnen gelegt werden. Bloß: Wer soll das bezahlen? Die Realität: Nach 4 Jahren Diplomabschluss erreiche ich mittlerweile ein Bruttoeinkommen von sensationellen 2900,- EUR… netto bleiben 1400,-. Die Wohnungsmiete und Finanzierung eines Autos machen 700,- aus. Vom verbleibenden Rest halte ich meine studierende Freundin über Wasser, damit sie nicht noch einen Studienkredit aufnehmen muss und zahle selbst noch 160,- Studienkredit ab. Dann bleiben Versicherungen, die insbesondere im Hinblick auf die Altersabsicherung nicht ausreichend sein werden und die täglichen Lebenshaltungskosten.

    Wenn am Ende des Monats eine schwarze Null bleibt, ist es ein Erfolgserlebnis! Und dies ist mit Sicherheit kein Einzelfall. Viele Absolventen verdienen sogar weniger!

    Ein trauriges Beispiel ist eine Kommilitonin, die bei einer staatlichen Stelle (gemäß ihrer Universitätsausbildung) einen Job gefunden hat. Natürlich befristet und natürlich mit einem Bruttoeinkommen von gerade mal 2100,-

    Vor dem Hintergrund o.g. Lasten erübrigt sich jede weitere Diskussion. 3 von 11 ehemaligen Kommilitonen haben bereits komplett dieses Land in Richtung Schweiz verlassen, 2 werden im Januar nach Österreich und Großbritannien ziehen… kann ja auch nicht im Sinne des Erfinders sein…

  2. Hyperboreas schreibt:

    Grundsätzlich begrüße ich die Aktion, die Gelegenheit für Veränderungen ist so günstig wie nie, es gibt einen breiten gesellschaftlichen Konsens für Reformen im Bildungssystem und auf Seiten der Politik auch die Bereitschaft, das anzupacken.

    Das Problem sehe ich nur darin, wo der Protest ansetzen soll. Hörsäle zu besetzen ist ein deutliches Zeichen, aber mehr auch nicht. Wir brauchen kleinere Seminare, also mehr Dozenten und mehr Räume, wir brauchen entzerrte und liberalere Studienordnungen, weniger Prüfungsbelastungen für Studierende und Dozenten etc. Nur – wer ist wofür zuständig? An wen soll man sich wenden? Die Kompetenzen sind zwischen Bund, Land und Uni verteilt und komplex miteinander verwoben, so daß unausweichlich Interessenskonflikte entstehen.

    Wenn z.B. ein Studiengang überlaufen ist, kann die Uni einen Numerus clausus einführen. Aber die Mittel für den Studiengang sind u.a. an die Zahl der Studierenden gebunden. Die Uni nimmt sich also selbst das Geld weg. Oder der Bund gibt über den Hochschulpakt mehr Geld an die Unis. Damit verbunden ist aber die Auflage, eine bestimmte Menge zusätzliche Studienplätze zu schaffen. Also: es gibt mehr Geld aber dafür auch mehr Kosten. So verpufft jeder positive Effekt. Ich wünsche den protestierenden Studenten viel Erfolg – bin aber auch pessimistisch: die Erfolge werden geringer sein, als viele hoffen und sich erst in einigen Jahren einstellen. Diejenigen, die jetzt studieren, werden nichts mehr davon haben, die sind jetzt schon eine verlorene Generation.

  3. Thomas schreibt:

    Lieber Tobias,

    ich gebe dir voll und ganz recht. Möchte deinen Beitrag jedoch um zwei-drei Punkte ergänzen.

    1. Mit dem, was uns nachher übrig bleibt, sollen wir noch am besten eine Familie gründen (idealer Weise mit zwei Kindern, damit die Bevölkerung nicht schrumpft) oder gar schon während des Studiums damit beginnen, wie es die Frau Ministerin v.d.L. des öfteren angesprochen hat. Folge: Mehr Schulden bei den Banken oder Mutti & Vati.

    2. Niemand von den Verantwortlichen macht sich scheinbar über ein Gesamtkonzept Gedanken. Es wird immer nur ein bisschen hier und dann ein bisschen da an den Stellschrauben gedreht. Ein Beispiel: Es wurde gefordet, dass deutsche Gymnasiasten schneller ihr Abitur machen sollen, weil sie im EU-Vergleich 1 Jahr (in Wörtern: EIN JAHR!!!OMG, wat ne lange Zeit) länger zur Schule gehen. Was hat man getan: In der Praxis wurde die 11. Klasse gestrichen und der Stoff irgendwie nach dem Ruhrgebiets-Motto “Was nicht passt wird passend gemacht” auf die Klassen 8-10 verteilt. Das Problem sei gelöst, die murrenden Schüler seien eh zu verwöhnt und stinkefaul, gut dass da mal zu reinkommt. (Ich warte nur noch auf den Aufstand der Vereine hier zu Lande, denen die Jugendlichen einfach abhanden kommen)

    So und jetzt kommts:

    An ANDERER Stelle haben wir aber noch das Problem der vertikalen Bildungsschranken. Sprich: Mehr Realschüler (früher klassische Mittelschichtskinder) sollen nach der 10. Klasse auf Gymnasium wechseln und dort das Abitur machen(der Berühmte EU Vergleich). Ätsch: Falsch gedacht. Die 11. Klasse ist ja wegrationalisiert worden. Dass entscheidendste und wichtigste Jahr für Realschüler, um sich an die durchaus anderen Lehrformen an Gymnasien zu gewöhnen und auch mal Fächer auszuprobieren, die man in der 12. dann behalten oder abwählen konnte.(Früher konnte ein Realschüler mal in den Lateinkurs schnuppern, um dann auch in der Oberstufe sein Latinum zu erwerben. Heute soll er/sie in den Sommerferien vor dem Schulwechsel eine Entscheidung treffen, die meist endgültig ist.)

    Abgesehen davon sollte das dreigliedrige Schulsystem eh mal schnell überdacht und ersetzt werden. Wir schauen doch sonst immer nach Schweden, Holland und Finnland. Warum nicht hier auch. Oder bangen die Gymnasiallehrer hierzulande um ihren Status?

    In knapper Form nun meine Einschätzung zu BA/MA: Anstatt selbstbewusst die eigene Ausbildung zu verteitigen, haben die deutschen Vertreter damals – ganz nach dem Motto der internationalen Integration – einem Prozess zugestimmt, den sie offensichtlcih NICHT verstanden haben. Anschließend hat man hierzulande versucht das deutsche Modell auf die BA/MA Form zu übertragen. Was ist dabei rausgekommen? Eine nicht funktionierende Mischform. Ich sage ENTWEDER das eine ODER das andere System. Dieses Kuddelmuddel funktioniert nicht.

    Vielen Dank fürs Lesen.

  4. Hyperboreas schreibt:

    Zum Thema “Stellschrauben” noch ein Beispiel:
    In Rheinland-Pfalz wurde vor einigen JAhren das Abitur nach 12,5 Jahren eingeführt, d.h. die Abiturientinnen und Abiturenten verlassen die Schule so etwa im März. Früher konnten sie sich dann grade noch für das Sommersemester eisnchreiben. Seit der BAMA-Umstellung gibt es aber nur noch die Einschreibung zum Wintersemester, die Schulzeitverkürzung hat also effektiv ein gutes halbes Jahr Leerlauf zur Folge. Außerdem: früher teilte sich der Strom der Erstis auf, ein Drittel im Sommer, zwei Drittel im Winter. Jetzt gibt es jedes Wintersemester einen Ansturm und das entsprechende CHaos. Die Linke weiß nicht was die Rechte tut…

  5. norbert damm schreibt:

    Endlich. – Einer, der 1972 sein Studium in Trier begann. Und 1978 als Diplomp#ädagoge seinen Abschluss machte. “Komm reiß auch du ein paar Steine aus dem Sand.” In Trier müsste man/frau singen: “Unter dem Teer, da liegt das Pflaster, komm schmeiss den Teer weg über dem Pflaster”.
    –Macht weiter so.

  6. Metallkopf schreibt:

    @Tobias: Doch, das ist im Sinne des Erfinders. Genauso wie schon rot-grün die kleinen bis mittleren Einkommen massiv zu Gunsten der Hochverdiener und Transferleistungsempfänger belastet hat, kommt auch die klassische Mittelschicht in der Agenda sozialdemokratischer Bildungspolitik nicht vor. Die haben’s ja.

    Überdies verwirklicht die SPD derzeit den Einheitsbeamten, also die (vordergründig) gute Idee, durch lebenslanges Lernen Schwellen für einen Laufbahnwechsel von unten nach oben abzubauen. Klingt gut, dass bald auch Pförtner die Chance bekommen sollen, irgendwann mal in den mittleren, gehobenen oder gar höheren Dienst zu wechseln. In der Realität führt das allerdings nur dazu, dass die Leute bei Beförderungen noch stärker vorgezogen werden können, die das richtige Parteibuch mitbringen.

    Die SPD hat da zwar keinen Alleinvertretungsanspruch, ist aber wohl das geringste Kind von Traurigkeit, was die gnadenlose Überbeurteilung eigener Klappspaten ist. Auf Landesebene folgt Herr Schumacher Prof. Dr. Hoffmann-Göttig als Kulturstaatssekretär nach. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

    Naja, lieber nicht, der Nachgeschmack dürfte recht bitter sein.

  7. Klartexter schreibt:

    Ho Ho Ho Chi Minh!!!!!!!!!! Ho Ho Ho Chi Minh!!!!!!!!!!!!!

    Nee, im Ernst
    Respekt für die Demonstranten. Die heutigen Studis müssen die Arroganz der Politiker ausbaden, die schon vor über 10 Jahren die ganze BA MA Scheiße beschlossen haben. Dazu zählt auch Frau Schavan, die jetzt ihr Mitgefühl äußert, aber mit Schuld ist an dieser ganzen Misere. Die Hörsäle besetzen müssen, das hätten schon 1998 die Studis machen müssen. Jetzt können nur noch die Rahmenbedingungen etwas verbessert werden.Mich kotzt auch Frau Ahnen an, die ebenfalls die politischen Rahmenbedingungen im Land mitverursacht hat und jetzt so tut, als hätten die bösen Unis die Situation zu verschulden.

    “An ANDERER Stelle haben wir aber noch das Problem der vertikalen Bildungsschranken. Sprich: Mehr Realschüler (früher klassische Mittelschichtskinder) sollen nach der 10. Klasse auf Gymnasium wechseln und dort das Abitur machen(der Berühmte EU Vergleich).” Diese Passage aus einem früheren Leserbrief spricht ein wichtiges Thema an: Die Probleme der Uni beginnen nicht auf dem Campus, sondern in den Haupt- und Realschulen. Frau SChavan und andere Pisa-Geschockte haben vor Jahren die Statistiken angesehen und gemerkt, daß Deutschland zu wenige Akademiker hat. Aha. Deshalb will man jetzt immer mehr Kinder zu Hochschulabsolventen machen. Das ist der größte Irrtum, dem die Bildungspolitiker verfallen sind.

    Denn in Deutschland existiert ein hervorragendes Duales Bildungssystem. Hier braucht eine Krankenschwester kein Diplom wie in den USA, hier kriegt sie mit einem ordentlichen Haupt- oder Realschulabschluß eine ordentliche Ausbildung.

    Wir müssen zurückkehren zu der Einsicht, daß ein Hauptschüler ein ordentlicher Handwerker, ein Realschüler ein ordentlicher Büroangestellter, ein Gymnasiast ein ordentlicher Bankkaufmann werden kann. Das ist natürlich jetzt stereotyp, und die Grenzen sind fließend, aber es muß gelingen, diese einfacheren Bildungsabschlüsse wieder mehr zu stärken. Wenn man mit der mittleren Reife wieder eine ordentliche Ausbildung bekommen kann und als Hauptschüler einen ordentlichen Handwerksberuf, dann klappt`s auch wieder mehr mit den Unis: Denn dann sind die nicht mehr überfüllt mit Leuten – und hier sollte man etwas ehrlicher sein – die eigentlich gar nicht an die Uni gehören, sondern vielleicht in einem Büro besser aufgehoben wären.

  8. Hyperboreas schreibt:

    @Klartexter:
    “Wir müssen zurückkehren zu der Einsicht, daß ein Hauptschüler ein ordentlicher Handwerker, ein Realschüler ein ordentlicher Büroangestellter, ein Gymnasiast ein ordentlicher Bankkaufmann werden kann.”

    Dazu gibt es vermutlich in nächster Zeit kein Zurück mehr. Man merkt es schon daran, daß die Hauptschule langsam verschwindet und sich ein zweigliedriges Schulsystem durchsetzt, wobei in beide Richtungen Durchlässigkeit besteht (siehe das Hamburger Modell). Die Grenzen zwischen den Schulformen und den Berufen, auf die sie vorbereiten sollen, verschwimmen immer mehr, was zur Folge hat, daß auch die Universität nicht mehr für Forschung und Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zuständig ist, sondern sich immer mehr den Fachhochschulen angleicht. Solange die eben erwähnten akademischen Kernaufgaben dabei nicht zu kurz kommen, halte ich das für akzeptabel. Man muß uns nur die Mittel dafür geben. Wenn alle möglichen Ausbildungen akademisiert werden sollen, dann müssen in den Hochschulen auch die Kapazitäten dafür geschaffen werden, vor allem räumlich und personell. Und daran mangelt es.

  9. Metallkopf schreibt:

    Früher war die Mittlere Reife auch für Bankkaufleute ausreichend. Heute sind viele Betriebe und Unternehmen doch schon froh, wenn sie Gymnasiasten als Bewerber finden, die mit dem Finger wenigstens das eigene Nasenloch finden.

    Ja, das war polemisch, aber wenn man mal in der Wirtschaft war und sich Bewerbungen hat anschauen dürfen, wer da so um eine Stelle ersucht, dann fragt man sich, ob manche Jugendliche offenbar nicht vermittelt bekommen haben, dass das Leben kein Computerspiel mit fantastischer Grafik ist, und man eben keinen früheren Spielstand laden kann, wenn man was verbockt hat, und sei es die eigene Schulausbildung.

    Nahezu jeder Jugendliche hat ein hochmodernes Handy und das Klingelpiep-Sparabo, aber die Regierung verteilt wie selbstverständlich Gutscheine für Schulbücher, weil die Familien sich das angeblich nicht leisten können. Gut, dem ist auch häufig so, aber manchmal sollte man Anspruch und Wirklichkeit mal nebeneinander stellen.

  10. Simon Stratmann schreibt:

    Mit Sympathie und Sorge verfolge ich den neuerlichen Bildungsprotest hier in Trier: Sympathie, weil die Anliegen der Studierenden im Gegensatz zum neoliberalen Umbau des Hochschulsystems/Bildungssystems stehen. Die Verwertungslogik wird von denjenigen endlich mal abgelehnt, die verwertet werden sollen. Das die Studierenden und Schüler sich die Unverschämtheiten der letzten Jahre nicht mehr so mir nichts, dir nichts bieten lassen, ist zu begrüßen.

    Nun aber zur Sorge: Diejenigen, die diese Proteste nun besonders forcieren, sind nun in der Situation, auch “liefern” zu müssen. Abstrakte Reden von der Freiheit der Bildung und so weiter helfen nicht weiter. Wer die Demokratisierung der Hochschule fordert, muss auch die (halb)demokratischen Instrumente nutzen. Hier liegt der Hund begraben. Es reicht nicht, die Reform der Reform (BAMA) zu fordern. Vielmehr sind die Studierenden jetzt gefordert, realitätsadäquate Vorschläge zur Verbesserung der Lehr/Lernbedingungen zu machen. Welche Studieninhalte sind sinnvoll, welche nicht? Welche können durch Vorlesungen, welche durch Seminare abgedeckt werden? Wie sind die Präsenzzeiten in der Uni in einem sinnvollen Verhältnis zu außeruniversitären Aktivitäten zu bringen, ohne ein “Fernstudium” zu haben. All diese (und noch viel mehr) Fragen müssen nun so beantwortet werden, dass sie mehr sind als abstrakte Forderungskataloge. Und an diesem Punkt hoffe ich, dass allen voran der AK Protest sich nicht auf die pseudolinke Rhetorik einlässt, diese Fragen seien nicht die Aufgabe der Studierenden oder sich auf das System überhaupt einzulassen sei falsch. Das ist nicht links und revolutionär, sondern reaktionär und viel zu einfach. Vielmehr gilt es, die sträflich vernachlässigte universitäre (!) Selbstverwaltung mit Faktenkenntnis und (ja das ist schwer, aber zutiefst politisch) Kompromissbereitschaft und dem Blick für Realitäten unter studentischen Druck zu setzen. Ich finde außerparlamentarischen Protest äußerst wichtig, aber er muss gekoppelt sein an eine institutionelle Vorgehensweise, die in den (leider problematischen) bestehenden Strukturen Veränderungen herbeiführt. Nur wenn die studentische und universitäre Selbstverwaltung von Seiten der Studierenden so genutzt wird, das man wieder von Selbstverwaltung sprechen kann, ist Bildungsprotest glaubwürdig. Anderfalls sackt er in sich zusammen, weil die hochtrabende Rhetorik sich nicht mit dünnen Forderungen a la “Mehr Mittel für die Lehre” verträgt. Wer bspw. mehr Mittel für die Lehre fordert, der muß auch sagen können, in welchen Fächern an unserer Universität sie dringend benötigt werden, welche Kapazitätsgrenzen und Curriculanormwerte hierfür verändert werden sollten und so weiter.

    Die Besetzung und Demonstrationen sind nicht der Höhepunkt des Protestes. Es ist nur das sichtbarste Zeichen. Wirksamkeit erzielt man erst durch die Veränderung der Strukturen. Hier sollten wir nicht die unkritische Masse darstellen, die wir so dringend nicht sein wollen: Nicht nur Forderungen an die Politik stellen (die sind auch wichtig), nach dem Motto: Macht mal. Nein, selber sich in den Haushalt der Uni einarbeiten, die Akkreditierungsverfahren durchforsten, die Fachprüfungsordnungen analysieren. Das ist alles wesentlich unspannender als nen Audimax zu besetzen, aber mindestens genauso wichtig.

  11. Anton schreibt:

    Ja, man sollte für seine Rechte eintreten, aber diese 68er Kopie im AudiMax ist einfach nur Arm. Was sollen diese Linke Parolen? Auch der AStA mit seiner Forderung für mehr “symbolische Arbeit” nervt! Was soll das bringen?!

  12. Markus schreibt:

    Es scheint fast so, als sei der AStA in dieser Frage nicht zu mehr fähig. Ja, auch mich stört diese “symbolische Arbeit”, ganz nach dem Motto: “Viel Lärm machen und die anderen werden sich schon darum kümmern.” Ich war eh schon seit langem der Meinung, dass wir Studierenden uns überlegen sollten, ob ein AStA dieses Kalibers wirklich sinnvoll ist.
    Informationen werden zurückgehalten. Man weiß einfach nicht wie man sich als Studierende einbinden kann. Kommt man dann doch mit Lösungsvorschlägen bzw. Optimierungsvorschlägen, heißt es (ich nenne keine Namen in diesem Fall): “Der AStA wird mir langsam zu Rechts. Früher war das hier besser!”
    Genau nach diesem Schema läuft es im Audi Max ab. Nicht das der AStA dabei federführend wäre, jedoch ist der gleiche Schlag von Student!

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