“Die Trierer sind nicht kulturverdrossen”

Dies ist keine Studentenbude, sondern das Café im "Karussell". Foto: Maurice VinkSeit dem 1. September bereichert das von Studenten betriebene “Karussell am Zuckerberg” mit seiner vielfältigen Mischung aus Theater, Konzerten, Ausstellungen und Performance die hiesige Kulturlandschaft. Mit dem Theaterfestival “Klarkommen 2009″ erreicht das Programm nun einen vorläufigen Höhepunkt: Zehn Tage lang können sich Zuschauer anhand von Gastspielen fast aller freien Trierer Theatergruppen einen Überblick über die lokale Theaterszene verschaffen. Eröffnet wird das Festival heute Abend mit der “TheaterUmriss”-Inszenierung “Leonce und Lena”.

TRIER. “Das ‘Karussell’ soll in diesen Tagen eine Begegnungsstätte für Theater sein”, erklärt der Projekt-Mitbegründer und “TheaterUmriss”-Regisseur Roman Schmitz die Idee hinter dem Festival. “Unterschiedliche Ansätze und Ideen finden hier in einem gemeinsamen Rahmen statt, schließlich haben wir alle Lust auf Theater.” Von der dargebotenen Vielfalt profitierten seiner Ansicht nach nicht nur die Zuschauer, auch die Gruppen selbst nutzten den Austausch und die Begegnung mit anderen Künstlern, um neue Impulse für die eigene Arbeit zu erhalten.

Das Festival bietet einen Überblick über Trierer Amateur-Theatergruppen, wie es ihn in dieser Kompaktheit noch nicht gegeben hat. Unter anderem zeigt das Max-Tuch-Theater eine Revue um den Wiener Künstler Georg Kreisler, die English Drama Group spielt in einer Wiederaufnahme von 2007 vier Kurzstücke, “SponTat” bringen Improvisationstheater auf die Bühne, die frankophone Studentengruppe “Phunix” inszeniert Sartres “Geschlossene Gesellschaft” im französischen Original und die schwul-lesbische Theatergruppe “Schmit-Z Family” führt eine ihrer schrillen Eigenkreationen auf.

Das Festival folgt damit dem Grundgedanken des “Karussells”, lokalen und regionalen Künstlern eine Bühne für ihr Schaffen zu bieten. Ungewohnte Formate und Ideen wie Erzählcafés, Hörspielabende oder Performances bündelt das Projekt zu einem vielseitigen Programm, das gerade unentdeckten Talenten eine Chance gibt. Das kann manchmal anstrengend, ungewohnt oder provokant sein, ist aber selten langweilig. Dass Einrichtung und Organisation immer ein wenig improvisiert wirken, verleiht dem “Karussell” dabei seinen Charme und seine Authentizität.

Ursprünglich sollte die Gründung des “Karussells” – motiviert durch den Erfolg vom Kunstprojektladen “Edeltrude und” einiger FH-Studenten – vor allem einen festen Raum für die Theaterarbeit des “TheaterUmriss” bereitstellen. Schnell wuchs das Projekt jedoch zu der heutigen Mischung aus Kulturbühne, Café und Kunstladen, weil die Gründungsmitglieder mit dem kulturellen Angebot in der Moselstadt unzufrieden waren. “In Trier wird der Kulturbegriff noch zu oft mit Party gleichgesetzt”, sagt Schmitz. “Als wir gesehen haben, dass es ein Publikum gibt, das durch die etablierten Kulturbetriebe nicht bedient wird, wollten wir selbst etwas aufbauen.” Mit Erfolg: Alle der bisher 40 Veranstaltungen wurden gut angenommen, schon am Eröffnungsabend drängten sich weit über hundert Gäste durch die Räumlichkeiten am Zuckerberg.

Ohne großen Einsatz ist dieser Erfolg freilich nicht zu haben: Die acht Gründungsmitglieder opfern mittlerweile ihre gesamte Freizeit, um Gastronomie und Kulturbetrieb am Laufen zu halten, für eigene Theater- und Kunstprojekte bleibt keine Zeit. “Das ist Idealismus pur, was wir hier machen, ohne den vollen Einsatz von jedem von uns wäre das nicht möglich”, betont Schmitz. Trotz des ehrenamtlichen Engagements sorgt nur die tat- und vor allem zahlungskräftige Unterstützung durch Freunde und Förderer für den mittlerweile kostendeckenden Betrieb des “Karussells”.

So ein Kraftakt ist für alle Beteiligten nur schwer aufrecht zu erhalten. Die Zukunft der Einrichtung ist deshalb noch ungewiss. Zwar gibt es für den bis Ende Dezember laufenden Mietvertrag die Option auf Verlängerung, für die Weiterführung des Projekts fehlt es aktuell aber noch an der nötigen Infrastruktur. “Wir sind Kulturschaffende und keine Betriebswirte. Im Grunde bräuchten wir Fachleute, die uns gerade bei der Verwaltung und Finanzplanung unterstützen”, so der 1. Vorsitzende des Vereins. Um mehr Mittel zur Verfügung zu haben, ist ein Förderverein in Planung.

An positiver Resonanz mangelt es jedenfalls nicht. “Der Zuspruch, den wir erfahren, ist von allen Seiten immens groß. Damit hatte keiner von uns in der Form gerechnet.” Auch wenn der Großteil des Publikums aus Studenten besteht, mischen sich mittlerweile auch ältere Trierer unter die Zuschauer.

Konkurrenzdenken liegt den Organisatoren nach eigenen Angaben fern. Das “Karussell” besetzt eine eigene Nische und pflegt bereits jetzt sporadisch Kooperationen beispielsweise mit der Tufa. “Wir wollen Kunst in Trier verbreiten und nicht zuerst auf die Zahlen schauen. Für uns zählt: Die Trierer sind alles andere als kulturverdrossen, wenn man ihnen ein spannendes Programm bietet – und das ist eine gute Nachricht für alle Kulturbetriebe in Trier.”

Das Theaterfestival “Klarkommen 2009″ findet ab heute bis zum 29. November im “Karussell am Zuckerberg” statt. Informationen über die einzelnen Stücke gibt es hier.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Peter Stablo schreibt:

    Hinter die Aussagen kann von Roman Schmitz kann man nur fette Ausrufezeichen setzen.
    Respekt vor dem Engagement!
    Bewunderung der Authentizität!

  2. Sorry, schreibt:

    … aber das Festival wurde bereits gestern eröffnet mit der Georg-Kreisler-Revue des Max-Tuch-Theater.

  3. Leseratte von der Titanic schreibt:

    Sie war eine lange Zeit verstreut und drohte, vom Mainstream absorbiert zu werden. Nun hat die alternative Kulturszene Triers eine Nische, die sie vereinigt – das Karussell am Zuckerberg. Unter seinem Dach dürfen all jene, die anders sind, ihr Treiben zelebrieren und der unverdrossene Trierer muss sich nicht mehr zwischen Lübke, TuFa und anderen Badtaste-Parties entscheiden – er hat es alles hier: im Karussell!
    Es ist gut, dass es heute eine Alternative “zur eingesessenen Kulturlandchaft” der Stadt gibt. Dies bedeutet aber auch eine Verantwortung, einen kulturellen und einen Bildungsauftrag, denen nachzukommen die Kunst des Karussells aus meiner Sicht bisher versäumt hat.
    Aber die haben ja noch Zeit, sich weiterzuentwickeln…

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