Bekannte Größen und eine große Unbekannte
Vor fast genau einem Jahr stellten Kulturdezernent Ulrich Holkenbrink und Vertreter des Theaters das Programm für die Antikenfestspiele 2009 vor. Wenige Tage später wurde die Veranstaltung wegen schlechter Erfolgsaussichten abgesagt. In den vergangenen Monaten tüftelten die Beteiligten gemeinsam mit einer Trierer Werbeagentur über ein besseres Marketing- und ein neues künstlerisches Konzept. Gestern wurden das endgültige Programm und die Neuerungen für die 12. Antikenfestspiele, die vom 25. Juni bis 18. Juli stattfinden, vorgestellt: Andrea Schwalbach wird Arrigo Boitos selten aufgeführte Oper “Nerone” inszenieren, das Schauspiel Frankfurt gibt ein Gastspiel mit einer von Michael Thalheimer für die Festspiele adaptierten Fassung von “Ödipus/Antigone” und die Schauspielerin Corinna Harfouch lässt in drei aufeinanderfolgenden szenischen Lesungen die Schicksale von Medea, Elektra und Phädra Revue passieren.
TRIER. Die verträumt gen Himmel blickende Dame mit dem Geigen- und dem Amphitheater-Ohrring und den Kaiserthermen und der Porta auf dem Kopf, die bisher als Logo für die Antikenfestspiele diente, gibt es nicht mehr. Schließlich werden die Porta und die Kaiserthermen bei diesem Festival nicht mehr bespielt. Das neue Logo ist eine “Wort-Bild-Marke”, wie es in der Werbesprache heißt, bestehend aus drei Halbkreissegmenten, die ineinander verschachtelt und gedreht sind. Symbolisieren sollen sie die Hauptspielstätte, das Amphitheater. Aber nicht nur wegen der Reduzierung auf einen Standort erhalten die Festspiele ein neues Markenzeichen: Es soll für einen Neuanfang stehen.
Während für dieses Jahr eine Wiederaufnahme von “Nabucco” geplant war, hat man sich inzwischen entschieden, bei der Oper nicht mehr auf Mainstreamtitel zu setzen. “Wiederentdeckte Meisterwerke” mit antiken Stoffen möchte man in Zukunft zeigen. Im nächsten Jahr wird das die von Arrigo Boito 1862 begonnene, aber nie vollendete Oper “Nerone” sein. Das Amphitheater ist zumindest als Kulisse hervorragend für das Stück geeignet, da der letzte der vier Akte in einer Arena spielt. Gianluca Zampieri, der sich einen Namen als Verdi-Tenor gemacht hat, und die Sopranistin Rachael Tovey, die das Opernmagazin “Opernwelt” vor wenigen Jahren als beste Sängerin nominierte, singen die Hauptrollen in der Inzenierung von Andrea Schwalbach.
“Uns ist es gelungen, die Hochrangigkeit der Künstler zu steigern”, sagt der Festspielleiter Gerhard Weber. Zu der späten Vorstellung des Programms – im September wollte man bereits mit der Vermarktung begonnen haben – kam es unter anderem deshalb, weil Weber als Gastspiel Michael Thalheimers Doppeldrama “Ödipus/Antigone” nach Trier holen wollte. Die Premiere im Schauspiel Frankfurt war jedoch erst am 1. Oktober. Nun wird Thalheimer, der in den vergangenen Jahren vor allem am Thalia Theater in Hamburg und am Deutschen Theater in Berlin inszenierte und derzeit zu den gefragtesten Regisseuren in Deutschland gehört, mit seiner Frankfurter Besetzung (unter anderem Constanze Becker als Iokaste und Antigone) eine für die Festspiele adaptierte Fassung im Amphitheater präsentieren. Nachdem dort 2007 “König Ödipus” und 2008 “Antigone” gezeigt wurde, bekommen die Zuschauer Sophokles’ Dramen nun zusammen in 3 Stunden 45 Minuten geboten.
Ganz neu ist das erste Stück beim Festspielkonzert am 1. Juli. Das Philharmonische Orchester der Stadt Trier und das Orchestre National de Lorraine aus Metz spielen gemeinsam das Auftragswerk “Mosella” von Pierre Thilloy. Nach 49 Minuten, die die Uraufführung dauert, wird die römische Arena von vertrauteren Klängen beschallt. Im zweiten Teil steht Beethovens 9. Sinfonie auf dem Programm, bei der die beiden Orchester von drei Chören aus Trier, Luxemburg und Frankreich unterstützt werden.
Am 9. Juli tritt Corinna Harfouch, die zu den bekanntesten deutschen Theater-, Fernseh- und Filmschauspielerinnen gehört, im Amphitheater auf. In der szenischen Lesung “Fragmente der Liebe” stellt sie die Schicksale von Medea, Elektra und Phädra aus Sicht verschiedener Autoren von der Antike bis zur Gegenwart vor. So wird Medea mit Szenen aus Texten unter anderem von Euripides, Christa Wolf und Heiner Müller beschrieben, Elektra von Aischylos, Hugo von Hofmannsthal und Jean-Paul Sartre und Phädra von Jean Racine in der Nachdichtung von Friedrich Schiller.
“Nero als Künstler?” heißt das inhaltlich an die Oper angelehnte Symposium, das die Universität in Kooperation mit dem Theater am 25. Juni unter der Leitung von Professor Georg Wöhrle erstmals im Landesmuseum organisiert. Um ein größeres Publikum anzusprechen wird die Veranstaltung eventhafter ablaufen als bisher. Zu den Fachvorträgen, die sich nicht nur an Spezialisten, sondern auch an interessierte Theaterbesucher richten, wird eine gastronomische Versorgung angeboten, zu der das Schauspielensemble des Theaters eine Adaption von Platons Dialog “Das Gastmahl” zeigt. Als Referent konnte bisher der namhafte Althistoriker und Kulturwissenschaftler Professor Alexander Demandt gewonnen werden.
Zum ersten Mal wird es bei den Antikenfestspielen auch ein theaterpädagogisches Projekt geben, das vom Theater und dem Bürgerhaus Trier-Nord umgesetzt wird. Der kanadische Autor Olivier Kemeid hat sich in “Die Aeneis” Vergils Epos von der Flucht des Aeneas aus dem brennenden Troja angenommen und daraus ein Bühnenstück über zeitgenössische Flüchtlingsschicksale gemacht. An dem Projekt von Florian Burg beteiligen sich Bewohner aus Trier-Nord, die ihre eigenen Erfahrungen zum Thema Flucht, Heimatlosigkeit und Vertriebenheit mit einfließen lassen.
Knapp über eine Million Euro sollen die 12. Antikenfestspiele kosten. Finanziert wird das Festival durch Zuschüsse der Stadt und des Landes und durch Spender, Sponsoren und Eintrittsgelder (der Vorverkauf startet morgen). Die Werbetrommel wird ab heute geschlagen, unter anderem in den Medien und auf der Touristikmesse in Leipzig. Auch wenn man an den drei Säulen Oper, Schauspiel und Festspielkonzert festhält, bekommen die Besucher im nächsten Jahr für viel Neues zu hören und zu sehen. Als Oper gibt es kein Standardwerk mehr, das Schauspiel kommt von einem angesehenen Haus und Regisseur, das Festspielkonzert bietet eine Uraufführung und das Rahmenprogramm ist abwechslungsreich und gut besetzt. Damit könnte der Neuanfang klappen.
Spielplan:
Nerone: Premiere am 10. Juli; weitere Aufführungen am 12., 14., 16., und 18. Juli jeweils um 20.30 Uhr im Amphitheater.
Ödipus/Antigone: Premiere am 26. Juni; weitere Aufführungen am 27. Juni, 3. Juli und 4. Juli jeweils um 20 Uhr im Amphitheater.
Festspielkonzert: 1. Juli um 20.30 Uhr im Amphitheater.
Fragmente der Liebe: Szenische Lesung mit Corinna Harfouch am 9. Juli um 19 Uhr im Amphitheater.
Symposium: 25. Juni um 19 Uhr im Landesmuseum.





19. November 2009 (10:10 Uhr)
Was lange währt, wird endlich gut ? Die Entschuldigung für die späte Präsentation kann man noch durchgehen lassen. Jedenfalls ein doch vielversprechendes Programm. Nunmehr bleibt die Hoffnung, dass wir hochwertige Inszenierungen erleben dürfen bei hoffentlich festpielfreundlichem Wetter und endlich professionellem Marketing. Das neue Logo finde ich bereits sehr gelungen, weiter so !!!
Peter Spang
Kulturpolitischer Sprecher SPD-Fraktion
19. November 2009 (12:37 Uhr)
Na also, geht doch! Die “Kunstpause” scheint den Verantwortlichen ja gut getan zu haben. Ich bin gespannt, ob die Pläne halten, was sie versprechen.
20. November 2009 (10:44 Uhr)
also, da bin ich ja mal gespannt.
wirklich interessantes programm. vor allem ‘platons gastmahl’ und der richtige versuch, nicht weiter im mainstream zu fischen (von beethoven mal abgesehen ;-) )
das alles verfüherte mich direkt dazu, nach dem programm und dem kartenvorkauf zu suchen, verwundert darüber, daß im dem artikel kein link zu finden war. jetzt weiß ich warum: dummerweise verlinkt http://www.antikenfestspiele.de nur auf das theater trier, welches unter ‘antikenfestspiele ‘ wiederum auf http://www.antikenfestspiele.de umleitet. *ups* schade. also: macht schnell, noch vor weihnachten bitte, denn karten wären ein feines geschenk ;-)