Gestochen scharf, zeitlos schön
Die Auswahl hochwertiger und noch nicht vergriffener oder auf den Ramschtischen der örtlichen Buchhandlungen gelandeter Bildbände mit Stadtansichten Triers, hält sich bislang in Grenzen. Doch nicht nur deshalb sticht ein jetzt im Porta Alba Verlag erschienenes Werk aus dem bestehenden Sortiment hervor: “Trier – Das Bild der Stadt in historischen Photographien” präsentiert Aufnahmen aus den Beständen der einstigen Königlich Preußischen Messbildanstalt und späteren Staatlichen Bildstelle Berlin. Die insgesamt 112 Fotografien, gestochen scharf und von außergewöhnlicher Präzision, vermitteln einen Eindruck der Moselstadt zwischen dem ausgehenden 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre hinein.
TRIER. Stimmt die Bildunterzeile, zeigt die Aufnahme wirklich das Dreikönigenhaus in der Simeonstraße? Einen kurzen Moment stutzt der Betrachter, kommt ins Grübeln beim Anblick der Ansicht. Wenig erinnert auf den ersten Blick an den frühgotischen Wohnturm, vor dem täglich ungezählte Touristen Halt machen und sich erklären lassen, was es denn mit der freischwebenden Tür im Obergeschoss auf sich hat. “J. Stock. Königl. Hoflieferant” stand vor 100 Jahren auf der Fassade, hinter der seit anderthalb Jahren ein Franchise-Unternehmen “Coffee to go” kredenzt.
Es gibt für einen erklärten Lokalpatrioten wohl kaum eine vergnüglichere Beschäftigung, als sich alte Ansichten seiner Heimatstadt vor Augen zu führen. Der ehemalige Fernsehjournalist Dr. Richard Schneider und der Porta Alba Verlag bereiten dem heimatverbundenen Trierer deshalb nun ein besonderes Vergnügen. Denn in ihrem 150 Seiten starken und 112 Schwarz-Weiß-Aufnahmen zählenden Werk “Trier – Das Bild der Stadt in historischen Photographien” nehmen sie den Betrachter mit auf eine Zeitreise in das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert bis zum Ende der 20er Jahre. Die Aufnahmen entstammen dem reichhaltigen Fundus der 1885 gegründeten Königlich Preußischen Messbildanstalt, aus der 1921 die Staatliche Bildstelle in Berlin hervorging.
Zwischen 1886 und 1908 ließ die Messbildanstalt insgesamt drei umfassende photographische Dokumentationen anfertigen. Das Ziel der Behörde: Der gesamte Bestand an Bau- und Kunstdenkmälern sollte systematisch erfasst werden, allen voran in Berlin, der Hauptstadt Preußens, aber auch in den preußischen Provinzen. Von ihren Ausflügen an die Mosel brachten die Photographen insgesamt 334 Aufnahmen mit, von denen das Gros auf den Dom und die benachbarte Liebfrauenkirche entfiel. Eine weitere Fotostrecke entstand dann 1928, weitere rund 320 Aufnahmen, von denen zahlreiche Bürgerhäuser und Straßenbilder zeigen.
Richard Schneider und der Porta Alba Verlag präsentieren nun eine Auswahl dieser Photographien, die durch ihre enorme Tiefenschärfe bestechen. Nur auf einigen wenigen Aufnahmen sieht man Menschen, hier und da auch mal ein Auto oder eine Kutsche. Wie ausgestorben wirken manche Straßenansichten, etwa die der Brotstraße 1928 oder der Liebfrauen- und Neustraße im selben Jahr. Doch es ist diese Konzentration auf das Wesentliche, das Auslassen all dessen, was vom eigentlichen Objekt ablenkt, das diese Photographien und mit ihnen den gesamten Bildband so einzigartig machen. Die Aufnahmen sollten einen zeitlosen Eindruck erwecken. tatsächlich beeindrucken sie durch ihre zeitlose Ästhetik, die den Betrachter in Bann zieht.
Doch natürlich will der Leser mehr erfahren. Richard Schneider, ehemaliger Fernsehjournalist und zweifacher Preisträger des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, liefert denn auch nicht nur einen kurzweiligen aber fundierten Abriss der mehr als 2000-jährigen Geschichte der Stadt, sondern zu jeder der 112 Aufnahmen auch eine hintergründige Bildbeschreibung. So wird das Buch zum Gesamtkunstwerk.
Richard Schneider, Trier – Das Bild der Stadt in historischen Photographien, Porta Alba Verlag Trier, 29.80 Euro, erhältlich im Buchhandel.
von Marcus Stölb




