“Ihr müsst Solidarität lernen!”
Schätzungsweise 800 Studierende und auch einige Hochschullehrer haben am Donnerstagnachmittag ihren Protest vom Tarforster Campus in die Trierer Innenstadt getragen. Nach einer Kundgebung auf dem Viehmarktplatz zogen sie zur Porta Nigra. Die Kritik der Demonstranten richtet sich vor allem gegen den erheblich verschärften Prüfungsdruck und die im Rahmen des sogenannten Bologna-Prozesses erfolgte stärkere Verschulung des Hochschulsystems. Professoren schlossen sich dem Protest an und übten kritische Solidarität mit den Studenten.
TRIER. Plötzlich standen sie im Regen, doch die einsetzende Schauer konnte den meisten der protestierenden Studenten ebenso wenig anhaben wie das nasskalte Wetter. Auf dem Viehmarktplatz hatten sie sich am Nachmittag zu einer Kundgebung versammelt, auch in der Innenstadt, fernab von Unicampus und Audimax, verschafften sich die Protestierenden nun Gehör. Doch das Wort überließen sie zunächst anderen, einem Schüler und zwei Hochschullehrern. Alle drei solidarisierten sie sich mit den Anliegen, und während der eine Professor nicht mit deutlichen Worten sparte, appellierte der andere mit Nachdruck auch an das Verantwortungsgefühl eines jeden Hochschülers.
Den Auftakt bildete Professor Bernd Hamm. Für den Soziologen sollte es so etwas wie ein Heimspiel werden. Schließlich hatte sich Hamm im Sommer vergangenen Jahres vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet – aus Protest gegen die “Zwangsamerikanisierung” des deutschen Hochschulsystems, wie er damals erklärte. Auch am Mittwoch sprach er davon, dass “wir uns auf das allereinfachste amerikanische System festgelegt haben”. Der Bologna-Prozess ziele auf eine Kommerzialisierung der Hochschullandschaft ab, die Universitäten sollten “in Unternehmen umgestaltet werden”, so Hamm.
Die Folge seien “mehr Absolventen auf niedrigerem Niveau”, kritisierte er und erntete hierfür viel Beifall von den Studenten. Ein “scharfer Druck in Richtung Mittelmaß” werde ausgeübt. Hamm weiter: “Wir hatten mal ein nichtkompetitives, fast egalitäres System”, doch das sei nun vorbei. Mit Bachelor und Master und der Exzellenzinitiative, die in der Bologna-Diskussion nicht unbeachtet bleiben dürfe, werde “die Elite gepäppelt, und die anderen werden in Provinzklitschen gestriegelt”. Hamm kritisierte auch Präsenzlisten in Lehrveranstaltungen. “Ihr müsst Verantwortung und Solidarität lernen, doch dazu muss man euch auch Gelegenheit geben”, rief der Soziologe über den Platz.
Patrick Simon von der Landesschülervertretung griff den Ball auf. Schon “die Schule erzieht zur Anpassung”, beklagte er, der Konkurrenzdruck werde immer größer. “Was wir brauchen ist eine basisdemokratisch organisierte Schule für alle”, verlangte Simon unter begeistertem Beifall.
Auch Heiner Monheim stellte sich hinter die Anliegen der Studenten, doch auch wenn er mit seinem Kollegen und Freund Bernd Hamm in vielen Punkten grundsätzlich übereinstimmt, so warnte er doch auch davor, die guten Ansätze des Bologna-Prozesses zu ignorieren. “Schade, dass ihr so spät hier seid”, begann der Geographie-Professor seine Rede. Die Bemerkung wollte er nicht als Kritik an den Studenten verstanden wissen, vielmehr beklagte Monheim, dass die Hochschüler im gesamten Reformprozess praktisch außen vor gelassen worden seien. Wäre es anders gewesen, dann hätten sich einige der Fehler und Probleme, die nun zu Recht von den Studierenden beklagt würden, vermeiden lassen, ist Monheim überzeugt. Beispielhaft führte er die hohe Zahl an Prüfungen an, das hätten offenkundig auch die Professoren unterschätzt.
Doch der Hochschullehrer ging auch mit seinem Berufsstand hart ins Gericht. Vor der Reform sei es doch so gewesen, dass “jeder Professor sein eigener Fürst war und eigentlich machen konnte, was er wollte”. Auch das hätten dann oft die Studierenden ausbaden müssen. Zu den positiven Elementen des Bologna-Prozesses zählt nach Meinung Monheims auch, dass die Lehrenden stärker interdisziplinär arbeiten müssten. Und was die von Hamm kritisierte Präsenzpflicht anbelangt, konterte der Professor mit einem Appell an die Studenten: “Ihr müsst auch ein ganz schönes Maß an Pflichtgefühl und Verlässlichkeit mitbringen!” Allzu oft habe er es erlebt, dass Gruppenarbeit an der mangelnden Verlässlichkeit einzelner gescheitert sei, die sich plötzlich aus dem Team verabschiedet hätten. Das “richtige Maß an Freiheit” müsse gefunden werden, mahnte Monheim.
Nach einem lautstarken aber friedlichen Protestmarsch durch die Innenstadt endete die Demonstration am frühen Abend vor der Porta Nigra.
von Marcus Stölb





26. November 2009 (18:46 Uhr)
Vielleicht hätte man noch erwähnen können, dass auch viele Schüler an der Demonstration teilgenommen haben..
26. November 2009 (20:12 Uhr)
Wo sind die “alten Hasen”, Professor A. Hahn und R. Eckert? Zu alt oder nichts dazu zu sagen haben? Glaub ich nicht. Meine Soidarität gehört den Studentinnen.
26. November 2009 (22:14 Uhr)
@norbert
Prof. A. Hahn hat zur Zeit eine Gastprofessur in Luzern inne und konnte deswegen keinen Vortrag halten. Angefragt wurde und ich bin mir ziemlich sicher, dass er gekommen wäre, wäre es ihm möglich gewesen.
27. November 2009 (01:27 Uhr)
Auch 16vor betont – ebenso wie der Trierische Volksfreund – die Friedfertigkeit der Trierer Studenten. Warum eigentlich? Warum heißt es lautstark aber friedlich? Hat man Angst, dass es gewaltsam werden könnte, lautstark und gewaltsam wie in den 68iger Jahren? Kommt von selber, wenn sich nicht bald etwas tut. Also schafft die Spaltung der Studis in Bachelors und Magister und Doktoranden ab: Es geht doch um die Freiheit der Wissenschaft, um die Suche nach Wahrheit, um die Einheit von Forschung und Lehre, von Theorie und Praxis. Davon träumen alle Studis, sogar die BWeler und Juris, ingsgeheim zumindestens!
27. November 2009 (10:09 Uhr)
Wenn ich mir die Beschreibung der Reden so durchlese, dann bleiben doch viele Fragen stehen:
“Zwangsamerikanisierung” – das soll wohl herabsetzend sein (Amerika=schlecht), tut aber vor allem dem tatsächlichen amerikanischen Hochschulsystem, das ganz anders funktioniert als unser BAMA-Kram, unrecht.
“Kommerzialisierung ” – was soll das heißen? Vermutlich, daß die Studiengänge an den Anforderungen der Wirtschaft ausgerichtet sind. Das ist so eine Behauptung, die immer wieder in den Raum gestellt wird und die so gar nicht dazu passen will, daß man auch immer wieder hört, Bachelor-Absolventen hätten es schwerer auf dem Arbeitsmarkt. Wäre schön, wenn mal ein paar Personaler zu dieser These Stellung beziehen könnten.
“Wir hatten mal ein nichtkompetitives, fast egalitäres System” – und das war dann gut? Was ist so schlimm an Wettbewerb und dem Bestreben, sich auszuzeichnen, zumal Hamm selber sagt, es gäbe mittlerweile eine scharfen Druck in Richtung Mittelmaß? Was denn nun?
“Was wir brauchen ist eine basisdemokratisch organisierte Schule für alle” – ich dachte, was wir brauchen, wären vor allen Dingen kleinere Klassen, mehr Lehrer, entzerrte Lehrpläne, mehr Förderung für schwache Schüler, weniger rigide Selektion, mehr Durchlässigkeit, mehr Lesekompetenz usw. Oder was soll das heißen?
Kein Wort über die Probleme, die im Moment wirklich viele bedrängen, z.B. zu große Seminare, zu wenige Räume, zu hohe Prüfungsbelastung, zu strenge Studienpläne, zu wenig Dozenten, nicht genug Arbeitsmaterialien usw. Oder wurde dazu auch was gesagt und hier nur verschwiegen? Jedenfalls, mir drängt sich der Eindruck auf, daß hier wieder nebulöse Scheinprobleme angegriffen werden statt der handfesten realen.
27. November 2009 (13:35 Uhr)
@Hyperboreas Dir kann es aber auch niemand recht machen. Seit wie vielen Einträgen forderst du hier, dass andere Protestformen als Hörsaalbesetzungen gewählt werden? Wie oft kam die Kritik, dass der Protest nur von Linksradikalen ausgehe? Jetzt zeigt sich, dass auch Schülervertreter und Hochschullehrer sich solidarisieren, was ja deine Aussagen über die angeblichen Scheinprobleme schon widerlegt (und damit jetzt nicht wieder ein Spruch kommt- es sind nicht nur Prof. Hamm und Monheim). Es geht eben, und das hast du wohl immer noch nicht verstanden, nicht nur um die vollen Hörsäle (um die natürlich auch) ,sondern um eine Reform, die nur noch die Kommerzialisierung der Bildung im Blick hat (die, wie du und die Redner bei der Demonstration zurecht feststellt, auch noch an den Bedürfnissen der Wirtschaft vorbei geht!). Was Kommerzialisierung bedeutet, kann jeder denkende Mensch an der Uni erleben: das von Prof. Hamm zurecht so genannte Bulimie-Lernen, hirnloses Prüfungspauken ohne Nachhaltigkeit, Verschulung der Lehrpläne ohne Wahlfreiheit usw. Was dabei herauskommt, sind eben die halbgebildeten Viertelexperten, die auch in der Wirtschatf keiner braucht. Und das ist eben der Skandal, gegen den jetzt Leute auf die Straße gehen. Die hohe Prüfungsbelastung kommt doch genau daher, und auch die “strengen Studienpläne”! Die ganze Reform war Murks, zu schnell und zu wenig demokratisch, denn von den Betroffenen war kaum jemand beteiligt. Und das bisschen Mitsprachemöglichkeit, das jetzt noch geblieben ist, willst du durch die “Abschaffung des ganzen Systems” des studentischen Mitbestimmung (siehe dein Eintrag gestern) durch AStA etc. jetzt auch noch beseitigen? Na bravo. Übrigens- wenn du selbst nicht bei der Demonstration warst und demnach den Wortlaut der Reden nicht kennst, solltest du bei der Kommentierung etwas vorsichtiger sein. Und- wo ist eigentlich dein ganz persönlicher Beitrag zur Lösung der Probleme? Deine Kommentare hier, vom bequemen Sesselchen aus gemacht, können’s ja wohl nicht sein. Sprüche klopfen kann jeder. Kommt mir so vor wie die zwei alten Opas bei der Muppet-Show, die immer von der Loge aus rumgemault haben…
28. November 2009 (13:55 Uhr)
@ Karin:
Hyperboreas hat schon in einigen Punkten recht. Die Kritik ist zu allgemein, es mangelt an konkreten Aussagen und Ansätzen die Situation zu verbessern. Aussagen wie “die Schule muss basisdemokratisch werden” könnten genauso aus irgendeinem Wahlprogramm stammen, so schwammig sind sie formuliert.
Dass jetzt gerade Professoren die Schuld versuchen abzuwälzen ist geradezu lächerlicher. Sie sind es, die den größten Einfluss bei der Einführung der neuen Studiengänge hatten – sie hätten dafür einstehen müssen das es nicht zu diesen zerhackstückten Klausuren, zu weggefallenen Seminaren etc. kommt. Anstatt den Neubeginn als Chance zu begreifen haben ihn viele schlicht abgelehnt oder waren unfähig mit der Situation umzugehen. Es reicht nicht zu sagen “ich bin dagegen, wenn ihr nicht so macht wie ich will, könnt ihr mich alle mal”.
Schieben wir also diesen ganzen Solidarisierungsunsinn mal bei Seite: Was wir brauchen sind kleine und große Reformen der neuen Studiengänge – und hier sind alle Seiten gefordert: Die Politik, die die Rahmenbedingungen schaffen muss, die HS-Leitungen, Fachbereiche und Professoren die sinnvolle Studiengänge ausarbeiten müssen und ebenso die Studierenden, die ihr Wissen über die Studierbarkeit einbringen müssen. Wenn sich auch nur eine Gruppe nicht einbringt, scheitern zwanghaft alle Versuche die Situation zu bessern. Das Credo muss also sein: Nicht gegen bestimmte Gruppen kämpfen, sondern mit ihnen konstruktiv zusammen arbeiten. Um diese Konstruktivität zu erreichen müsste allerdings erst einmal die derzeit vorherrschende Ideologie in den Köpfen vieler durch eine gewisse Logik ersetzt werden.
Zum Vorwurf der Kommerzialisierung: Kann ich beim besten willen nicht nachvollziehen. Was wird wo kommerzialisiert? Nur weil viele Unis mit der Gestaltung der neuen Studiengänge überfordert sind, hat das nichts mit Kommerz zu tun. Nur weil man viele statt wenige KLausuren schreibt ist das kein Kommerz. All diese Vorgänge fallen viel mehr unter den Punkt “Unfähigkeit”. Welchen Einfluss hat bitte die Wirtschaft bei den BA/MA-Studiengängen hinzugewonnen? In Trier sehe ich absolut keinen Unterschied – die Uni ist weiterhin ein Lebensraum der bis auf wenige Ausnahmen strikt getrennt von der wirtschaftlichen Praxis vegetiert.
30. November 2009 (09:21 Uhr)
@Karin:
Ich habe nichts gegen die Protestform einzuwenden, nur gegen die Inhalte. Kommerzialisierung und Amerikanisierung sind inhaltsleere Begriffswolken, hinter denen sich alles und nichts verbergen kann und die meisten Studierenden haben sehr viel konkretere Probleme als das. Das sind ja nicht die ersten Studentenproteste, letztes Wintersemester gab es Proteste, letzten Sommer den bundesweiten Bildungsstreik, aber was hat sich geändert? Ein paar freundliche Worte von Politikern und sonst nichts. Und das hat meiner Meinung nach nicht wenig damit zu tun, daß man solchen wolkigen Cachall-Phrasen hinterherläuft. Wer Kommerzialisierung und Amerikanisierung zu den größten Problemen erklärt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende alles beim Alten bleibt.
Hat meiner Meinung nach auch nicht soviel mit Fragen der Mitbestimmung zu tun, sondern mit praktischer Klugheit. Ich habe nicht den Eindruck, daß die Studentenvertreter besonders viel getan haben, um die BAMA-Umstellung studierendenfreundlich zu gestalten. Ähnlich war es (in anderen Bundesländern) mit den Studiengebühren. Alle waren stur dagegen und haben einen aussichtslosen Kampf geführt, anstatt Kompromisse zu suchen und für sich das Beste rauszuholen. Utopische Maximalforderungen statt nüchternem Pragmatismus. Und ich will auch keine Studentenvertretungen abschaffen (ich bin kein Student, deshalb ist mir das egal), aber ich kenne einige Studenten, die genau das sagen und ich nehme an, daß es noch mehr sind, die das nicht offen sagen.
Bei der Demo war ich tatsächlich nicht dabei, was vor allem daran liegt, daß ich nicht einfach Donnerstag Mittag meinen Arbeitsplatz verlassen kann, und habe entsprechend die Reden nicht selbst gehört. Ich verlasse mich hierbei auf die Berichterstattung von 16vor, und wenn Du der Meinung bist, daß die die Reden nicht korrekt wiedergeben, mußt Du denen einen Vorwurf machen und nicht mir.
Und doch, mir kann man es recht machen. Ich würde mich freuen über mehr Lehraufträge und Planstellen, eine Flexibilisierung der Studiengänge in der nächsten Akkreditierungsrunde, eine Anpassung der Kapazitätsverordnungen oder auch Einführung von NCs in einigen Fächern. Der bisher größte Erfolg in diesem Semester war es, B22 erkämpft zu haben. Wenn das alles sein soll, habe ich wohl weiter Grund zu meckern.