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Wie die Nazis versuchten, Weihnachten zu stehlen

Braune Weihnacht: Solches Spielzeug lag im Dritten Reich schon mal unter dem Christbaum. Foto: Christian JörickeEs ist nur eine kleine Ecke in der Stadtbibliothek im Palais Walderdorff. So unscheinbar, dass man die dort befindliche Ausstellung fast übersieht. Doch transportiert gerade dies symbolisch den bisher recht dürftigen Forschungsstand zum hier fokussierten Thema. Mit seiner am Freitagabend eröffneten Exponatenschau “Von wegen Heilige Nacht: Deutsche Weihnachten im Gau Moselland – Festkultur und Kriegspropaganda 1939-1944″ möchte der Trierer Historiker Dr. Thomas Schnitzler daran etwas ändern und die Vereinnahmung des Weihnachtsfestes durch das NS-Regime näher beleuchten. Die lebendige Ausstellung vermittelt einen eindrücklichen Blick auf die überwiegend düsteren Kriegsjahre der Moselregion.

TRIER. In seiner Osterpredigt im April dieses Jahres bezeichnete der Augsburger Bischof Walter Mixa das so genannte Dritte Reich als Beweis dafür, dass “praktizierender Atheismus unmenschlich” sei. Eine Äußerung, die entweder aus taktischem Kalkül oder aus purer Unwissenheit verkennt, dass im Nazi-Regime der Atheismus keinerlei Rolle spielte und die überwiegende Mehrheit der NSDAP-Führungsriege sich vielmehr dezidiert als christlich verstand. Nicht nur, dass auf den Helmen der Wehrmachtssoldaten das berühmte Hakenkreuz mit der Inschrift “Gott mit uns!” prangte und fast alle deutschen Schlächter in den KZs Mitglieder der christlichen Kirchen waren. Auch brachte der Vatikan ab 1945 einige NS-Verbrecher nach Südamerika in Sicherheit, und obwohl Papst Pius XII. es gründlich gelesen hatte, befand sich Hitlers “Mein Kampf” nicht auf dem “Index Romanus” der verbotenen Bücher. So bezweifelt heute kein seriöser Historiker mehr ernsthaft, dass Gottgläubigkeit ein wesentlicher Bestandteil der damaligen Staatsdoktrin war.

In genau diesem Zusammengang lautet nun eine durchaus wichtige Frage, wie das NS-System die christlichen Traditionen für sich vereinnahmte. Thomas Schnitzlers zentrale These lautet, dass die Nazis das Weihnachtsfest aus der christlichen Tradition herauszuheben versuchten, um es zur “Deutschen Volksweihnacht” im Sinne des Sonnenwendkultes uminterpretieren und für die eigene Ideologie nutzbar machen zu können. Er hat vor allem drei Gründe gefunden, warum die Gleichschaltung des Weihnachtsfestes für die Staatsmacht von Vorteil war: “Man konnte so die Deutschen als Schicksalsgemeinschaft deklarieren, die Soldaten an der Front mit Durchhalteparolen abspeisen und zu Hause die grausame Kriegsführung übertünchen sowie von deren Folgen ablenken.”

Ein Musterbeispiel für die Wirkung dieser propagandistischen Trias waren die alljährlichen Rundfunksendungen zur “Kriegsweihnacht” von Joseph Goebbels, in denen immer wieder zentrale Begriffe wie “Volksgemeinschaft”, “Opfergemeinschaft” oder “Kampf ums Dasein” auftauchten. Die Sendungen der Jahre 1939 und 1940 sind als Audiodateien ebenso in die Ausstellung integriert wie die “Ringsendung des Deutschen Rundfunks von allen Fronten” aus dem Jahr 1942, welche exemplarisch die Beschönigung des verheerenden Kriegsverlaufs in der Berichterstattung repräsentiert.

Die mediale Indoktrination geschah darüber hinaus nicht nur über die Volksempfänger, sondern auch in Form des gedruckten Wortes. So sind einige Bücher ausgestellt, die Schnitzlers Feststellung bestätigen. Neben einem Kinderbuch mit dem Titel “Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid” sind unter anderem auch Notenblätter zu Liedern wie etwa “Wir bauen einen Schneebunker und Schneemänner” oder ein 1944 erschienenes “Buch der Hausfrau – Wir sparen für die Front” zu sehen.

Am Freitagabend wurde die Ausstellung "Von wegen Heilige Nacht: Deutsche Weihnachten im Gau Moselland – Festkultur und Kriegspropaganda 1939-1944" in der Stadtbücherei eröffnet. Foto: Christian JörickeDas Trierer Spielzeugmuseum lieh dem Veranstaltungsinitiator kleine Figuren wie Frontsoldaten sowie den aus einer offenen Limousine heraus salutierenden Hitler. Weitere Exponate zeigen, dass Brettspielsammlungen zur damaligen Zeit neben “Dame” und “Mühle” auch militärisch motivierte Mittel zum Zeitvertreib wie “Stoßtrupp greift an” oder “Melder vor!” enthielten. Ebenso war der Begriff “Strategiespiel” zur Nazi-Zeit ganz von Kriegspropaganda und der “Lebensraumerweiterungs”-Ideologie durchtränkt, was putzig anmutende, jedoch zutiefst martialische Spiele wie “Die Seeschlacht – Ein Unterhaltungsspiel für zwei Personen” oder “Deutschland – Eine Gesellschafts- und Einzelunterhaltung für Jung und Alt” nachdrücklich beweisen.

Briefe von der Front in die Heimat an der Mosel bieten einen Eindruck in die von Sehnsucht, Armut und Angst geprägte Situation während des Zweiten Weltkrieges. Dabei habe sich die Suche nach diesbezüglichem Material im Vorfeld als besonders schwierig erwiesen, wie Schnitzler berichtet: “Wir haben daher die Ausstellung interaktiv gestaltet und mit einem Briefkasten versehen. Hier kann jeder, der noch Erinnerungsstücke von damals besitzt oder einfach seine Erlebnisse gerne zu Papier bringen möchte, unser Projekt unterstützen.” Ohne die Reminiszenzen der Zeitzeugen sei dieser noch allzu wenig berücksichtigte Aspekt der Nazi-Diktatur nicht zu begreifen. “Von wegen Heilige Nacht” sei deshalb auch als Wanderausstellung konzipiert und solle im Laufe der Zeit wachsen, damit zugleich auch das Verständnis für die Vereinnahmung des Weihnachtsfestes durch die NS-Ideologie größer werde.

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Januar 2010 in der Stadtbibliothek im Palais Walderdorff” zu sehen und wird zwischen dem 7. und dem 28. Januar durch Vorträge ergänzt.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. man müsste mehr sagen schreibt:

    Es ist oben alles zu vereinfacht dargestellt. Die Wirklichkeit war viel komplexer. Natürlich waren die Nazis keine Atheisten, sie waren aber auch keine Christen, sie waren von einem germanischen Neuheidentum beseelt. Sie schufen sich ihre eigene Religion. Doch verstanden sie es auch vorzüglich, auf allen Klavieren zu spielen. Vor allem aber müsste erklärt werden, was die Nazis unter “Gottgläubigkeit” verstanden haben. Die “Gottgläubigkeit” lässt sich doch nicht mit dem christlichen Glauben gleichsetzen — auch nicht mit Hilfe der immer wieder zitierten Aufschrift “Gott mit uns!”. Wie war das z. B. mit den “Gottgläubigen” in der SS:
    “Aber auch die Hochzeit stand im Schatten der doppelten Sigrunen. Kirchliche Trauungen waren verpönt, an ihre Stelle rückten “Eheweihen”, die nach der standesamtlichen Zeremonie im engsten Kreis der Hochzeiter von dem örtlichen Einheitsführer abgehalten wurden. Dabei tauschten die Brautleute ihre Ringe aus und empfingen von der SS Brot und Salz. Jeder Schritt der Eheleute war von Himmler dazu bestimmt, das Ordensmitglied von den christlichen Kirchen zu trennen. Wie der SS-Mann nur Führer werden konnte, wenn er der Kirche den Rücken kehrte und sich als “gottgläubig” bekannte, so durfte kein Geistlicher bei Taufe oder Tod zugegen sein. In die Fußstapfen des Geistlichen trat der örtliche SS-Führer, die Rolle der Taufe übernahmen die fein abgestuften Geschenksendungen des Reichsführers, … einen silbernen Becher, … Auch das kirchenfeindliche Programm konnte Himmler niemals durchsetzen. Zwei Drittel der Allgemeinen SS blieben kirchlich gebunden: 54,2 Prozent bekannten sich zur evangelischen und 23,7 Prozent zur katholischen Konfession. Nur in den bewaffneten SS-Einheiten überwogen zunächst Himmlers Gottgläubige: In der Verfügungstruppe 53,6 Prozent, in den Totenkopfverbänden 69 Prozent. Der Krieg zwang aber auch die Gottgläubigen der Waffen-SS in die Defensive. usw. usf.” (Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf: Die Geschichte der SS; Banbd 1; S. 154-156). Fischer Bücherei 1052.)

  2. Rainer Landele schreibt:

    @man müßte mehr sagen

    wenn es um die frage geht, welchen glaubens die nazis in deutschland waren, muß man natürlich immer mit himmler kommen. und dann? müßte man dann nicht noch mehr sagen? ;-) ist aber nicht recht einfach, oder?

    der aufstieg des nationalsozialismus wurde ja nicht trotz christentum sondern gerade auch wegen des christentums möglich: von der pflicht & führerideologie über die bekämpfung des judentums bis hin zu den eroberungskriegen im (atheistischen) osten inklusive (wieder)christianisierung. alles jahrhundertalte christliche taten & ziele.

    und das gleiche doch auch hinsichtlich des weihnachtsfestes: man mag ja der geburt christi dort huldigen, doch tatsächlich ist doch die symbolik und datumswahl höchst “heidnisch”. also war es mögllicherweise weniger eine vereinnahmung – was das christentum bzw. “ihre” symbolik mal wieder als opfer darstellt – sondern der berechtigte versuch, die nähe deutlich zu machen?

    p.s.: 54,2% protestanten & 23,7% katholiken in der allgemeinen SS ergibt 2/3? man sollte einfach mal die konfession aller in nürnberg angeklagten durchgehen, um die berechtigung ihrer aussage, die nazis seien keine christen gewesen, zu prüfen. was da wohl raus kommt…

  3. Michael schreibt:

    Herzlichen Dank für den sehr guten Artikel. Danke auch an die beiden Leserbriefschreier vom 29.11., in meinen Augen interessante Ergänzungen. Ich möchte in Bezug auf Religion und Nazis noch auf die Verbindungen zum tibetischen Buddhismus hinweisen, vor allem im Zusammenhang mit den Vorstellungen von Himmler.

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