Beliebte Lokale und was daraus wurde

Der Verleger Michael Weyand, der Denkmalpfleger Peter Ahlhelm, der Stadtarchivar Bernhard Simon, der Lokalredakteur Roland Morgen und der Fotograf Josef Tietzen vor einem Hotel und Lokal, das sich in den vergangenen 110 Jahren gut entwickelt hat. Foto: Christian JörickeMan nehme einen Lokaljournalisten, der sich gut mit Trierer Gastronomiebetrieben der vergangenen 30 Jahre auskennt, einen Stadtarchivar, der herausfinden kann, welche Kneipen, Restaurants und Hotels es vor diesem Zeitraum in Trier gab, und einen Denkmalpfleger, der weiß, was an den Gebäuden baulich bemerkenswert ist. Das ist die personelle Grundlage für den Bildband “Trierer Lokale – gestern und heute”, der jetzt im Verlag Weyand erschienen ist.

TRIER. Roland Morgen, Bernhard Simon und Peter Ahlhelm sammelten und untersuchten Jahrzehnte alte Fotos und Postkarten von traditionsreichen Wirtshäusern, Cafés und gehobenen Herbergen und recherchierten, welche Entwicklung sie bis heute genommen haben. Josef Tietzen machte derweil aktuelle Aufnahmen von den Gebäuden beziehungsweise von dem, was davon übrig geblieben ist. Neben den nicht übertrieben ausführlichen Informationen sind in dem inzwischen fünften Band der Reihe “Weißt du noch?” die alten und neuen Bilder gegenübergestellt. Nach dem Betrachten und der Lektüre von “Trierer Lokale – gestern und heute” lässt sich zusammenfassen: Gastronomisch und architektonisch war früher nicht alles besser, aber vieles.

Die erste Gaststätte, deren Verlust der Verfasser dieses Beitrags bedauerte, war die Trierer Löwenbrauerei (fehlt in dem Band). Als sie vor über 12 Jahren geschlossen und abgerissen wurde, ging für viele ein Stück Heimat verloren. Fast jedes Mal, wenn der Schöpfer dieser Zeilen den oberen Teil der Bergstraße hoch- oder hinuntergeht, erinnert er sich wehmütig daran, wie er als Kind im herrlichen Biergarten unter den Kastanien große Portionen Cevapcici mit Fritten verspeiste und mit Bierfilzen Türme baute.

Der erste Besitzer der Löwenbrauerei, Friedrich Mohr, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, was aus seinem Brau- und Wirtshaus geworden ist. Allerdings läge er dann wieder richtig im Sarg, denn Anlass zum Im-Grabe-umdrehen hätte er schon Mitte der 50er Jahre gehabt. Dann nämlich wurde das von ihm 1897/98, im gotischen Stil errichtete “Hotel Reichshof” am Bahnhof abgerissen und gegen das schmucklose “Heitkamp-Haus” ersetzt. Weil der Kontrast kaum größer sein könnte, befinden sich Aufnahmen beider Bauwerke auf dem Umschlag von “Trierer Lokale”. Und damit der Schmerz derer, die sich an schöner Architektur erfreuen können, schnell vorübergeht, folgen den ebenfalls im Innenteil veröffentlichten Bildern zwei Fotos vom dem aus der Gründerzeit stammenden “Hotel Porta Nigra” und seinem unansehnlichen Nachfolger aus den zweckmäßig orientierten 60ern.

Manches hat sich jedoch auch zum Besseren gewendet, wie das Beispiel “Zum Christophel” zeigt. An der Stelle des prächtigen, neogotischen Gebäudes, wie wir es kennen, stand bis Ende des 19. Jahrhunderts ein schlichtes Wohnhaus. Noch größere Verwunderung dürfte bei manchen Lesern das Foto von der Steipe aus den 60er Jahren hervorrufen. Darauf ist nämlich keine Steipe zu sehen. Nachdem das Bauwerk und das Nachbarhaus während des Krieges 1944 völlig zerstört wurden, erfolgte erst knapp ein Vierteljahrhundert später der Wiederaufbau. Erfreulicherweise nicht von den Architekten, die den Bahnhofsvorplatz und den Porta-Nigra-Platz so nachhaltig geprägt haben.

WerbungBei den Beschreibungen und dem Layout im Innenteil wurde weitgehend auf Einheitlichkeit verzichtet. Mal sind die zum Teil sehr kurzen, recht lieblos betitelten Beiträge, die sich durch ihren Inhalt und Sprachstil leicht den drei Autoren zuordnen lassen, reine Erläuterungen zur Architektur (zum Beispiel “Calchera”), mal lockere Porträts (“Zur Glocke”) und mal selbst erlebte Anekdoten (“Paulusschenke”). Im Vordergrund steht jedoch, die Entwicklung zu skizzieren, die die insgesamt über 60 vorgestellten Cafés, Restaurants, Kneipen und Hotels in den vergangenen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten genommen haben.

“Trierer Lokale – gestern und heute” wird viele Trierer aus unterschiedlichen Gründen ansprechen. Die einen erfreuen sich an den alten Aufnahmen oder daran, amüsante Details darauf zu entdecken (beispielsweise den Berhardiner auf dem Kockelsberg, die finster dreinblickenden Jugendlichen vor dem “Domstein” oder dass gerade Circus Sarrasani in der Stadt war, als das Foto vom “Hotel Porta Nigra” entstand). Andere interessieren sich dafür, welche Geschichte hinter den Gaststätten steckt. Vor allem aber geht es um persönliche Erinnerungen, die beim Blättern hochkommen: um lauschige Nachmittage mit der Familie vor dem “Altenhof”, um viezlastige Abende mit Freunden beim “Alberg” oder vielleicht auch um blutige Nächte mit französischen Soldaten in der “Tabaksmühle”. Ereignisse, wo man beim Betrachten eines Bildes zu einem daran beteiligten Partner sagt: “Mensch, weißt du noch…?”

Ahlhelm, Peter; Morgen, Roland; Simon, Bernhard; Tietzen, Josef. Trierer Lokale – gestern und heute (= Weißt du noch?, Band 5). Trier: Verlag Weyand. 2009

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Altgruftipunk schreibt:

    Als Studentin im Grundstudium habe ich von meiner Bank einen Kalender “Trier – früher und heute” überreicht bekommen. Darauf waren in großformatigen Doppelaufnahmen Gebäude im Wandel der Zeit einander gegenübergestellt. Unter anderem auch das alte Hotel am Bahnhof und das gegenüber der Porta. Der diesen Kalender zusammengestellt hatte, war ein Sadist. Jeder Monat entlockte mir neue Tränen, ich litt ein ganzes Jahr.* Die Bankleute haben sich noch viele Dezember lang gewundert, warum ich keinen Kalender mehr geschenkt haben wollte.

    * (Rhetorische Übertreibung)

  2. kneilewatz schreibt:

    … jaja, Männer in der Midlifecrisis brüten so was aus …..
    Ich kann’s ja verstehen …

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