“Die Kirche hatte ein Monopol aufs Soziale”
Seit 50 Jahren verbindet eine Partnerschaft das Bistum Trier und die katholischen Kirche Boliviens. Jetzt macht sich Bischof Ackermann Sorgen, dass auf die gemeinsamen Projekte in dem Andenstaat schwere Zeiten zukommen könnten. Denn am Sonntag wird in Bolivien gewählt. Es gilt als sicher, dass Präsident Evo Morales und seine MAS-Partei die Wahlen deutlich gewinnen werden. Das Verhältnis der Sozialisten zur Kirche ist angespannt. “Angesichts der großen Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft Boliviens steht, sollte die soziale Arbeit der Kirche auch respektiert werden”, verlangte Ackermann am Donnerstag. Die Kirche habe einen großen Rückhalt in der Bevölkerung und könne eine wichtige Rolle bei der sozialen Entwicklung des Landes spielen. ist der Bischof überzeugt. Ein Bericht aus der bolivianischen Stadt Potosi.
POTOSI. Europäer sind nicht bei allen gerne gesehen in Potosi. 300 Jahre Ausbeutung durch die Kolonialherren haben ihre Spuren hinterlassen. So streckt ein Passant dem mit zehn Journalisten besetzten Bus den Mittelfinger entgegen. Er kann ja auch nicht wissen, dass sie auf Einladung des Bistums Trier gekommen sind. Und Gäste aus der Partnerdiözeses sind offenbar besondere Besucher. Das bekommen die Journalisten auf ihrer Bolivienreise überall zu spüren. Auch in Potosi: In der Schule wird eine Fanfare geblasen, die Jüngsten stehen in der Aula Spalier, und am Ende verlangen sie auch nach Autogrammen.
Die katholische Kirche ist für die Bergarbeiter-Familien in Potosi die einzige Institution, die sie tatkräftig unterstützt. Und seit 50 Jahren, seit dem Beginn der kirchlichen Partnerschaft, kommt ein Großteil des Geldes für die Projekte aus dem Bistum Trier. So fließen jedes Jahr 1,1 Millionen Euro an Spenden in den Andenstaat. Aber nicht nur Geld kommt aus der Partnerdiözese: Lioba Pinn aus Trier macht ein Freiwilliges Soziales Jahr in Potosi. An der Mädchenschule gibt sie Deutschunterricht. “Es ist schwer für die Kinder, zu lernen, wenn sie abends arbeiten, um die Familie mit zu ernähren. Viele sind Halbwaisen”, berichtet sie.
Jeden Tag stirbt ein Minenarbeiter in Potosi, sagen Einheimische – an Staublunge oder durch ein Unglück in einem der unzähligen Stollen im “Teufelsberg” – so nennen sie hier den Cerro Rico, der kegelförmig über der Stadt thront. Gegen ein paar Stangen Dynamit und eine Tüte Koka-Blätter aus dem kleinen Laden am Fuße des Berges können Besucher die Mine besichtigen. Mit dem Dynamit sprengen sie ein neues Loch in einen der unzähligen Stollen. Das Kauen der Kokablätter hilft gegen die Höhe und die staubige Luft.
Gebückt geht es durch die mit dünnen Holzbrettern abenteuerlich abgesicherten Gänge ins Innere des Berges. Kaum zu glauben, dass es die Minenarbeiter in der stickigen Luft den ganzen Tag aushalten. Ohne Mundschutz. Ohne Essen. Über die Nahrung würden sie noch mehr Giftstoffe aus der Luft aufnehmen. Mit Hammer und Meißel klopft ein Minenarbeiter einen Brocken Stein von der Wand. Er sucht nach Zink, Zinn, Antimon, Blei oder gar Silber. Ohne Erfolg. Wieder einmal. “Meistens finden wir nichts”, sagt er. Er wirkt müde und resigniert. Die Arbeitsbedingungen sind fast noch so wie zur Kolonialzeit. Doch damals war der Berg noch voll Silber. Die Arbeiter wurden nicht bezahlt, das Silber ging nach Spanien.
Damals hat auch die Katholische Kirche weggeschaut in Potosi. Inzwischen aber gilt sie vielen als Anwalt der kleinen Leute. Zumindest dort, wo sie mit sozialen Projekten hilft. Einen Anteil daran hat auch die Partnerschaft mit dem Bistum Trier. Mit ihr kamen engagierte Leute nach Bolivien, die pragmatisch halfen und nicht nur missionierten. Als die Trierer Josefs-Schwestern 1964 in Sucre ein Exerzitienhaus bauen wollten, da legten die Leute ihnen Neugeborene vor die Tür. Die Schwestern planten um. Heute haben sie ein Kinderheim und eine Muttter-Kind-Klinik.
Durch Gelder aus Trier wird für das Internat “El Chaco” im Umland von Sucre das Essen für die Schüler gezahlt und Unterricht in höheren Klassen ermöglicht. “Ohne das Geld aus Trier würde das alles nicht gehen”, sagt die Direktorin. In der Armen-Stadt El Alto werden Hausaufgabenprojekte und ein Kindergarten unterstützt. Dutzende solcher vom Bistum Trier geförderter Projekte gibt es. “Die katholische Kirche hatte bislang ein Monopol aufs Soziale”, beschreibt Pastor Erwin Graus die Situation. Der Trierer Bistumspriester baut derzeit in San Luis eine neue Kirche. Mehr als 80 Prozent der Bolivianer sind Katholiken. Und die Bevölkerung im Umland der Städte wächst. Neben der Kirche soll ein Gemeindezentrum entstehen.
Doch die überall gegenwärtige Kirche ist vielen in der Regierung ein Dorn im Auge; besonders das kirchliche Engagement im Bildungsbereich. Die Regierung hat den Ärmsten der Armen schließlich selbst Hilfe versprochen.
Es gab einen offenen Streit zwischen Kirche und Staat. Markige Worte auf beiden Seiten. Vor allem konservative katholische Kräfte wollten für ihre Kirche Sonderrechte verankern. Der Staat pochte auf kulturelle und religiöse Vielfalt. Dieser Streit ist offiziell beigelegt. Ein Vertrag sichert zu, dass die katholische Kirche alle Projekte in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Soziales für fünf Jahre weiterführen kann. Doch Gesetz ist das noch nicht. Der Vorsitzende der Bolivianischen Bischofskonferenz, Kardinal Julio Terrrazas, ist skeptisch: “Wer weiß, ob das auch nach der Wahl noch zählt und auch umgesetzt wird?”
Für alle Beobachter ist klar: Die Wahl gewinnen werden Präsident Evo Morales und seine MAS-Partei – unterstützt von den sozialistischen Freunden in Venezuela und der großen Masse der Bolivianer, die stolz ist auf ihren ersten indogenen Präsidenten. Für was der charismatische Politiker und sein Zusammenschluss aus sozialen Gruppen aber genau steht, das ist auch nach vier Jahren Regierungszeit immer noch nicht so klar. Zu verschieden sind die Strömungen innerhalb der MAS. Eine dieser Strömungen ist sozialistisch und klar gegen die Kirche.
Die MAS-Abgeordnete Ximena Flores beschwichtigt: “Wir wissen, dass der Großteil der Bolivianer katholisch ist. Wir wissen auch, dass viele Priester Teil der Revolution sind. Deshalb achten wir auch die Arbeit der Kirche. Aber die Führer der Kirche haben sich aus der Politik herauszuhalten”. Auch viele kirchliche Vertreter glauben nicht an einen Bruch. “Der Staat ist weiter auf die Unterstützung der Kirche angewiesen”, sagt etwa Juan Carlos Velásques von der Caritas in Santa Cruz. Zu groß scheint ihr Einfluss in Bolivien. Und zu groß scheinen die Probleme des Landes, als dass die MAS ihre Politik wirklich gegen die Kirche durchsetzten könnte. Es droht in einigen Gebieten eine Wasserknappheit, überall fehlt es an Infrastruktur, vor allem in den Ballungsräumen gibt es gravierende Umwelt- und Müllprobleme.
Aber vor allem ist da die Armut. Auf dem Land lebt weit mehr als die Hälfte der Menschen in extremer Armut. Evo Morales und seine MAS-Partei wollen vor allem diesen Menschen helfen. Die katholische Kirche auch. Es bleibt spannend, ob sie es nach der Wahl gemeinsam helfen werden.
Ansgar Zender
von 16vor





4. Dezember 2009 (10:02 Uhr)
Die Probleme in Bolivien sind komplex – so wie das Verhältnis der kath. Kirche Boliviens zum Staat bzw. zum Establishment.
Die Sicht: Evo Morales gegen kath. Kirche ist wirklich zu schlicht.
Morales will den Erfolg, den er nur mit den positiven Kräften in seinem Land erreichen kann. Daher wird er sich den Kräften, die eine positive Entwicklung wollen, nicht entgegenstellen. Dazu gehört auch die kath. Kirche, wenn sie sich ihrer durchaus zwiespältigen Rolle im Land bewusst ist.
Die Armut ist dort erschütternd groß auf dem Land und um die Städte herum und die indigene Bevölkerung hat gute Gründe, sich den bestehenden Machtverhältnissen entgegenzustellen.
Der größte Teil der indigenen Bevölkerung, der ohne geregelte Wasser -und Elektrizitätsversorgung in gefährdeten Hängen und auf dem nassen Hochplateau z.B. um LaPaz herum leben muss und bis heute keinerlei Gewalt befürwortet oder angewandt hat, wird nicht ohne eine Berücksichtigung der berechtigten Interessen auskommen können.
Es gibt mit Sicherheit positive Strukturen in Politik und Kirche ( sogar Don Bosco ist vertreten ) die genutzt werden können.
Ich wünsche Morales und den o. g. positiven Kräften der kath. Kirche den notwendigen Erfolg.
Linde Andersen
5. Dezember 2009 (14:38 Uhr)
Es sind in Bolivien wie in ganz Lateinamerika die beiden gegensätzlichen Flügel der Kirche: “Rechts” die Traditionskirche der Würdenträger, die als Teil der herrschenden Klasse bis in die Gegenwart hinein den spanischstämmigen Eliten den geistlichen Rückhalt gegeben hat, “links” die nicht nur sozial, sondern auch theologisch progressiven Vertreter der “Theologie der Befreiung”, die JoPoZwo seinerzeit rüde zurückgepfiffen hat. Daß die erstgenannte Gruppe zumindest die Ausbeutung der Urbevölkerung durch die ehemals herrschende Klasse zumindest theologisch gerechtfertigt hat, wenn sie nicht sogar an dieser Ausbeutung beteiligt war, dürfte zumindest für aufgeklärte Europäer – Deutsche – Trierer unstrittig sein. Daß andererseis die indianischen bolivianischen Wähler, wenn sie denn eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen erreichen wollen, nicht die Vertreter der konservativen Kräfte wählen können, dürfte den selben aufgekärten Europäern – Deutschen – Trierern ebenso klar sein. Daher verbreitet also bitte keine Christenverfolgungspanik!
6. Dezember 2009 (11:00 Uhr)
zu R. Scholzen:
Danke für die sachlich richtige Ergänzung, die ich in vollem Umnfang unterstütze.
Die erwähnte “Traditionskirche der Würdenträger” kann kein Bolivianer, der Gerchtigkeit für alle Menschen in seinem Land will, stützen Sie sollte von den Hiesigen auch klar als Gegner einer gerechten Gesellschaftsordnung erkannt werden.
L. Andersen
8. Dezember 2009 (17:13 Uhr)
Hallo!
Ich war in Bolivien. Dort genießt die konservative katholische Amtskirche -völlig zu Recht- hohes Ansehen.
Aber wir inDeutschland/Europa wissen ja mal wieder, was für die Bolivianer besser ist.
Viel Spaß bei der Revolution!
11. Dezember 2009 (10:50 Uhr)
Zu Profi
Nein, ich weiß nicht, was für Bolivien richtig oder falsch ist. Ich weiß aber,
- aus eigener Anschauung- wie die dortige indigene Bevölkerung benachteiligt
leben muss.
Allein die bauliche Situation der Wohnbezirke rund um LaPaz sind eine Katastrophe
Es wird an einsturzgefährdeten Hängen – mit Genehmigung der Verwaltung -
gebaut und es ist abzusehen, wann dort Einstürze stattfinden werden.
Auf dem Hochplateau rund um LaPaz ist die Witterung durchgängig mehr als
unwirtlich. Lediglich dort können die de Angehörigen der indigenen Bevölkerung
leben.
Mich wundert die immernoch relativ friedfertige Art und Weise, wie dort
die in den stark befestigten und bewachten Wohnanlagen wohnenden Angehörigen der Oberschicht immernoch unbehelligt ihren Tätigkeiten
nachgehen können. Im Stadtinneren gibt es in jeder größeren Mietwohnung, jedenfalls in den bis zu 17 Stock hohen Häusern jeweils ein “Bedienstetenzimmerchen”, in dem wenig gut bezahlte Hausangestellte leben,
um für ihre Dienstherren ständig präsent zu sein.
Dies ist nur ein Bespiel für die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse.
Nein, ich weiss nicht, was gut für Bolivien ist,
aber was wirklich verändert werden muß, kann jeder dort leicht feststellen,
wenn er eine gerechtere Gesellschaft als das Ziel von Politik anerkennt.
Linde Andersen