“Bologna wird scheitern!”

Bundesweit wehren sich Studenten gegen die "Bologna"-Reform. So auch in Trier vor wenigen Wochen auf einer Demonstration. Archiv-Foto: Marcus StölbWegen der Umstellung auf das Bachelor/Master-System kündigte Professor Marius Reiser der Universität Mainz. Im Januar veröffentlichte er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Aufsehen erregenden Beitrag, in dem er die Gründe für seinen Rückzug darlegte und die Studienreform scharf kritisierte. Nun kam er auf Einladung des Bernhard-Vogel-Kreises nach Trier, um über die Probleme der “Bologna”-Reform zu sprechen. Doch nur wenige Studenten nahmen die Gelegenheit wahr, mit jemandem zu diskutieren, der ihre Kritik weitgehend teilt und prophezeit, dass “Bologna” scheitern wird. Für Reiser war es einer seiner letzten öffentlichen Äußerungen zu diesem Kapitel, das er zum Jahresende für sich abschließen möchte.

TRIER. Marius Reiser ist wütend. Das merkt der Zuhörer gleich im ersten Satz. Der Professor beginnt seinen Vortrag damit, von der “Bologna-Affäre” zu sprechen. Dieses vor zehn Jahren in der italienischen Stadt ausgehandelte Reformpaket der europäischen Hochschulen ist verantwortlich dafür, dass der habilitierte Theologe seinen Lehrstuhl räumte und nun durch Deutschland tourt, um seine Überzeugung zu verbreiten. Doch bald soll Schluss sein mit den öffentlichen Diskussionen und Interviews: Reiser hat sich für 2010 vorgenommen, das Thema abzuhaken und sich auf sein Privatleben und neue Herausforderungen zu konzentrieren. Seine Affinität zur Moselstadt sei der Grund gewesen, weshalb er eine seiner letzten Tiraden gegen das Bachelor/Master-System am vergangenen Donnerstagabend in der Promotionsaula des Priesterseminars schwang.

Der gebürtige Schwabe ist seit einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 20. Januar diesen Jahres eine Art Märtyrer des neuen Studiensystems. In dem Artikel “Warum ich meinen Lehrstuhl räume” verurteilt Reiser die Bildungspolitik samt ihrer Vorstellung von der Hochschule von Morgen. Berühmt geworden ist sein Vergleich, mit dem er die Reform der alten Diplom- und Magisterstudiengänge beschreibt: dies sei wie mit dem Bauern, der seine Scheune anzünde mit der Begründung “Feuer ist gut gegen Mäuse”.

Für Reiser ist die derzeitige Entwicklung in einem historischen Kontext zu sehen. So habe schon Wilhelm von Humboldt während des 19. Jahrhunderts gegen die sophistischen Tendenzen im Bildungswesen angekämpft. Mit der vergangenen Jahrtausendwende hätten sich die Sophisten in ganz Europa durchgesetzt und die akademische Freiheit abgeschafft. Die Universitäten würden zu reinen Lernfabriken und Tretmühlen der Wirtschaft: “Sie werden sehen, dass in 20, 30 Jahren an den Hochschulen nur noch englisch gesprochen wird”. Reiser wollte sich nicht in dieses aus seiner Sicht unwürdige System einordnen und legte deshalb vorzeitig seinen Lehrauftrag nieder: “In 20 Jahren hätte ich vor der Wahl zwischen Gott und dem Mammon gestanden. Diese Situation wollte ich mir ersparen”. Sein Widerstand gegen das neue Studiensystem ist derart drastisch, dass er auf christliche Grundwerte zurückgreift: “Ich opponiere aus christlichem Gewissen”.

Dabei sei er nicht von Anfang an entschlossen gewesen, mit der Umstellung auf Bachelor/Master seinen Hut zu nehmen. Anlass hierfür habe eine Verordnung gegeben, die vorschreibt, dass Seminararbeiten im Bachelor in höchstens 14 Tagen anzufertigen seien – “in dieser Zeit kann man doch keine vernünftige wissenschaftliche Arbeit schreiben, das ist nicht mehr als eine aufwändige Hausarbeit in der Schule”, so Reiser.

Professor kritisiert mangelnden Widerstand der Kollegen

Nun möchte er mit seinem Boykott auch dafür sorgen, das öffentliche Bewusstsein für die Probleme des neuen Studiensystems zu verändern. In vielen Kritikpunkten stimmt er dabei mit den Protestierenden des Bildungsstreiks überein, die in ganz Deutschland Hörsäle besetzt halten und demonstrieren. Auch in Trier besetzten Studierende den Audimax, nach 9 Tagen wechselten sie dann in Raum B22. Die Streikenden und Reiser eint die Ablehnung der Vereinheitlichung der Studiengänge in Europa, weil dies zu einer Abschaffung der akademischen Freiheit an der Alma Mater führe. Daneben sehen sie den Einfluss externer Entscheidungsträger kritisch, da hierdurch die Autonomie der Hochschulen gefährdet sei und die Wirtschaft auf lange Sicht die Ausrichtung der universitären Ausbildung bestimme. Bei einem anderen Punkt gehen die Ansichten jedoch auseinander: Während Reiser die Nivellierung der Hochschulen und damit einhergehend den Niveauverlust an deutschen Universitäten beklagt, fordern die Protestler, möglichst vielen jungen Menschen ein Hochschulstudium zu ermöglichen. “Nicht jeder kann an der Universität studieren. Dies sollte den Begabten vorenthalten bleiben”, sagt Reiser.

Es bleibt offen, ob dieser inhaltliche Unterschied der Grund dafür war, dass unter den knapp 50 Zuhörern nur wenige Studenten saßen, um sich an der Diskussion zu beteiligen. Man hätte erwarten können, dass nach den Protesten der vergangenen Wochen die Resonanz auf jemanden, der wie kaum ein Zweiter die Klagen der Studierenden unterstützt, größer ausfällt. Überraschend klingt Reisers Meinung darüber, wem die Hauptschuld an den jetzigen Zuständen zufällt. Zwar erwähnt er das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann-Stiftung und den ehemaligen Bildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) als Initiatoren der Studienreform, doch sind es seiner Ansicht nach die Professoren, die für ihn die größten Fehler gemacht haben. “Sie haben sich widerstandslos von Dilettanten die Kompetenz nehmen lassen, wie sie ihren Beruf zu machen haben”. Dabei wisse er aus Erfahrung, dass der Großteil der Hochschullehrer innerlich genauso gegen das System opponiere wie er. Er erwartet von seiner Aktion keinen Nachahmungseffekt, doch würden die Dozenten “nur sagen, was sie denken – das würde schon ausreichen, um die Reform zu stoppen”.

Der Zufall wollte es, dass zeitgleich mit Reisers Rede in Trier die Sitzung der Kultusministerkonferenz (KMK) sowie der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in Bonn stattfand, auf der Verbesserungen für das Hochschulsystem beschlossen wurden. An den Demonstrationen am Rande dieses Treffens nahmen auch rund 35 Studenten aus Trier teil. Zu den in Bonn verabredeten Maßnahmen gehört die Flexibilisierung der Regelstudienzeit von sechs auf acht Semester im Bachelor, die Reduzierung von Prüfungsleistungen und eine größere Wahlmöglichkeit beim Modulangebot. Reiser kann diesen Modifizierungen wenig abgewinnen, weil er den Bachelor-Prozess in seinen Grundstrukturen ablehnt: “Ich möchte dafür sorgen, Bologna den Todesstoß zu geben, und bin mir sicher, dass die Reform scheitern wird”.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Christian Hörbelt schreibt:

    Tja, unter den 50 Leuten nur eine handvoll interessierter Trierer Stundenten. Die Veranstalltung war sicherlich nicht an einen zeitlich ungünstigen Termin, es gibt momentan kein Prüfungsdruck: da kann es wohl nur mangelende Interesse sein, oder schlicht “kein Bock”.
    Nein, die Studiensituation ist anscheinend nicht so schlimm, als dass die Mehrheit auf die Barrikaden geht. Des Deutschen Tugend sei, dass er sich gut anpassen kann. Obrigkeitsdenken ist auch im 21 Jahrhundert noch “in” – auch unter Stundenten und Professoren.
    Aber man muss abwarten; vielleicht sollte es Herr Reiser auch. Was vor 200 Jahren gut war, muss es heutzutage nicht mehr sein. In Zeiten einer “Leistungsgesellschaft”, aufgequellone Hirne voller Ritalin und immer mehr exzessive flüchtende in den Rausch: Da muss sich auch die Hochschule dem Trimmpfad des (sozial?)marktwirtschaftlichen Leistungsdrucks (positiv: Innovationsdrucks) anpassen.
    Gegen den Schwall gelber Studenten muss- aus staatlicher Sicht, europäischer – ein Schwall neuer Bachelorstundeten straff stehen. “Mehr” ist manchmal doch mehr, quantität nicht immer qualität.
    Aber in zehn Jahren gibt es ja wieder einen “Knick” in der Demographie; dann haben sicher die Studierendne mehr Zeit, die Profs auch. Was sind schon zehn Jahre, was sind schon einzelne Biografien wie meine, was sind schon Werte, Herr Bologna, in Angesicht einer vermeintlich bröckelnde Vorherrschaft?

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