Menschliche Abgründe im bürgerlichen Alltag
Eheschlachten kannte man auf der Bühne bisher fast nur als oberflächlich dargebotene Glorifizierung von stupiden Mann-Frau-Klischees. Yasmina Rezas “Der Gott des Gemetzels”, das am Samstagabend unter der Regie von Judith Kriebel im Stadttheater seine zurecht umjubelte Premiere erlebte, lässt hingegen zwei Paare aufeinandertreffen, die einen Kampf “Jeder gegen Jeden” ausfechten und äußerst unterhaltsam die Selbstdarstellungsfassade bürgerlicher Spießigkeit enthüllen, ohne die dahinter steckende, tragisch anmutende Absurdität zu verschleiern.
TRIER. Jeder von uns muss in seinem täglichen Einerlei soziale Rollenerwartungen erfüllen. Bisweilen kann das recht anstrengend sein, auch wenn die meisten Menschen damit bestens klarzukommen scheinen. Bei manch sensiblerem Wesen dagegen offenbart sich nicht selten eine gewisse psychische Überforderung. Und gelegentlich zerbrechen Menschen sogar an diesem gesellschaftlichen Simulationsdruck.
Temporeich durchlaufen zwei Ehepaare in “Der Gott des Gemetzels” alle drei Stufen bis hin zur Klimax des Wahnsinns. Dabei ist der Anlass der Aufregung trotz seiner vordergründigen Härte ein eher banaler: Michel (Paul Steinbach) und Véronique Houillé (Sabine Brandauer) erhalten Besuch von Alain (Tim Olrik Stöneberg) und Annette Reille (Barbara Ullmann). Der elfjährige Sohn der Reilles hat dem gleichaltrigen Houillé-Sprössling zwei Schneidezähne ausgeschlagen. Nun versuchen beide Parteien das Problem redend zu bewältigen. Mit katastrophalen Folgen: Die Bandbreite der überwiegend aggressiv zutage tretenden animalischen Auswüchse ist mit Brüllen, Schlagen, Saufen, Kotzen und Knutschen nicht gerade gering.
Zunächst jedenfalls wollen der rundliche, strickjäckchentragende Haushaltsgerätehändler Michel und die leicht verklemmt wirkende Véronique – die gerade an einem Buch über den Darfur-Konflikt arbeitet – die Angelegenheit nicht zu einem Drama machen. Nachdem es allerdings mit dem prolligen Anwalt Alain und dessen divenhafter Gattin Annette Meinungsverschiedenheiten über die moralische Bewertung des Tathergangs der Filius-Prügelei gibt, rücken die gekünstelten Manieren der Protagonisten in den Hintergrund, aus dem sie fortan auch nicht mehr zurückkehren werden.
Den Rahmen für die sich minütlich zu gegenseitiger Abscheu verstärkende Stimmung bilden die ständigen Handytelefonate von Alain (in dem Stöneberg einmal mehr seine akkurat vermittelte Paraderolle des aufgeblasenen Arschlochs gefunden zu haben scheint), mithilfe derer der ausgefuchste Jurist einen Pharma-Skandal zu vertuschen trachtet. Da passt es mehr als gut, dass die empfindliche Annette schon im Anfangsstadium des Streits erstmals den von Véronique liebevoll servierten Versöhnungskuchen effektvoll über einen Bildband des Expressionisten Oskar Kokoschka wieder ausspeit.
Fertig ist eine giftige Atmosphäre, die in hochkomischen Sentenzen und mit erhöhter Alkoholzufuhr auch in rasant wechselnden Koalitionen kulminiert. Ob nun Véronique die Geschichte vom ausgesetzten Hamster der Tochter immer wieder ausgräbt, um ihren sich mehr und mehr als unbeherrschter Choleriker offenbarenden Ehemann zu demütigen oder aber selbiger sich über die Kosenamen des Gastpaares köstlich amüsiert – stets sind es die Kleinigkeiten des Alltags konservativer Heile-Welt-Imitatoren, welche den Gang der von wuchtiger Emotionalität durchtränkten Handlung voranbringen. Der unheilvolle Streit der Söhne wird nun nur noch hervorgekramt, wenn eine neue Gängelei initiiert werden muss.
Das Bühnenbild kommt dabei ohne großen Prunk aus. Ein von wenigen Stühlen flankierter großer Tisch, ein paar Bücherstapel, ein Blumenstrauß, spärliche Videoprojektionen und nicht zuletzt ein Telefon reichen aus, um das hell erleuchtete Podest angemessen zu zieren. Es sind vielmehr die Schauspieler, die dem Stück durch ihre facettenreichen Verkörperungen der Charaktere einen Glanz verleihen, der dem vielschichtigen Werk vollends gerecht wird.
Besonders Barbara Ullmann brilliert in ihrer slapstickvernarrten Rolle der hysterischen Anwaltsgemahlin. So nimmt es nicht wirklich Wunder, dass sie das Publikum am ehesten zum Johlen bringt – ob sie nun diabolisch, aber doch sympathisch dem schurkenhaften Alain das Mobiltelefon entreißt und schwungvoll im Blumenwasser versenkt oder aber ebenso betrunken wie freudenstrahlend ihren Mageninhalt in einer Plastiktüte unterbringt. Dass weniger manchmal durchaus mehr sein kann, beweist lediglich Sabine Brandauer an einigen Stellen. Ihre ansonsten adrette Darbietung wirkt etwa in jenen Momenten allzu affektiert, in denen es darauf ankommt, die verbalen Angriffe des zwischen demütiger Unterwürfigkeit und trotzigem Starrsinn schwankenden Michel durch physische Angriffslust zu parieren. Die große Herausforderung, ebenjene ambivalente Gestalt des Michel glaubwürdig zu figurieren, gelingt Paul Steinbach hingegen in schier unnachahmlicher Manier.
Den gewiss sehr schmalen, in Yasmina Rezas Vorlage jedoch fabelhaft komponierten Grat zwischen hoffnungsloser Absurdität und tragischer Komik gekonnt gemeistert zu haben, gebührt allerdings letztlich dem gesamten Schauspielerquartett. Wunderbar transportieren die vier Akteure in Judith Kriebels erster Inszenierung auf der großen Bühne eine der zentralen Botschaften dieser Tragikomödie. So sind es einmal mehr unmündige Kinder, deren scheinbar zu tadelndes Handeln die vorgeblich kultivierte elterliche Auseinandersetzung als das offen legt, was sie nur allzu oft ist: ein widersinniges Schlachtfeld, auf dem die eigenen psychischen Unzulänglichkeiten unter dem Diktat der Alltagsmaskerade in unreif-hitziger Weise kompensiert werden.
Weitere Aufführungstermine im Großen Haus des Trierer Stadttheaters: 18. Dezember, 20 Uhr; 22. Dezember, 20 Uhr; 2. Januar, 19.30 Uhr; 10. Januar, 19.30 Uhr; 13. Januar, 20 Uhr; 16. Januar, 19.30 Uhr; 5. Februar, 20 Uhr.
von Christian Baron




