Der liebestolle Vetter kriegt was auf die Ohren

Ingo Naujoks liest "Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage".Vor zwei Jahren legte der dampfplaudernde Trierer Werbetexter und leidenschaftliche 16vor-Leserbriefschreiber Frank Jöricke sein Romandebüt “Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage” im Solibro Verlag vor. Die skurillen Geschichten aus Eifel und Hunsrück, die Zeitgeschichte im Schnelldurchlauf präsentierten, wurden zu einem kleinen verlegerischen Überraschungserfolg, dem nun – rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft – eine von Ingo Naujoks professionell eingelesene Hörbuchfassung folgt. 16vor hat schon mal reingehört.

Hörbücher sind Verkaufsschlager. Während noch vor wenigen Jahren lediglich TKKG und Co. als Kassettchen über die Ladentheke gingen, erscheint mittlerweile gefühlt jede zweite Neuerscheinung auch als CD. Dass dabei auch viele Hörfassungen lieblos produziert werden, versteht sich von selbst. “Vorlesen kann doch jeder”, denkt sich mancher Verleger und verpflichtet dann Sabrina “Schwester S.” Setlur Kafkas “Die Verwandlung” ins Mikrofon zu knödeln. Das klingt dann, als käme Gregor Samsa direkt aus Rödelheim. Bizarrer ist eigentlich nur noch die im selben Verlag erschienene Thomas Bernhard Rezitation von Kirmesmusikant H.P. Baxxter.

Dass ein Hörbuch mehr sein kann als ein flott ins Mikro genuscheltes Manuskript, zeigt die Einspielung von Frank Jörickes Debütroman. Während bereits das gedruckte Buch fuderweise wohlwollende Kritiken einheimste, legt das gesprochene noch eine Schippe drauf. Die Jörickesche Zeitreise durch die verschiedenen Dekaden der jüngeren bundesrepublikanischen Geschichte gewinnt als Hörbuch an Tempo und Unterhaltungswert, was der lebendigen Umsetzung von Ingo Naujoks zu verdanken ist. Der am Schlosstheater Moers verpflichtete Schauspieler, der einem größeren Publikum wohl vor allem als Tatortfigur Martin Felser und als “Spießer” aus der LBS-Werbung bekannt ist, hat sich als hervorragende Besetzung erwiesen: Während viele Verlage – um “Nähe” zum Autor zu erzeugen und wohl auch aus Kostengründen – zum Einsprechen der Texte auf die jeweiligen Schriftsteller zurückgreifen, hat sich der Radioropa-Verlag also glücklicherweise für einen Könner mit ausgebildeter Stimme entschieden.

Er variiert und interpretiert das Gesprochene mit einer Souveränität, die sich selbst bei guten Autorenlesungen nicht finden lässt. Es ist alles andere als ermüdend, dem schnodderig und trotzdem präzise lesenden Naujoks zuzuhören. Seine Stimme trägt den Text scheinbar mühelos über die knapp sechseinhalb Stunden der sechs Audio-CDs . Naujoks erzählt Jörickes Buch mit gelassener Ironie und einem nonchalantem Witz, der dem Text eine sehr entspannte, neue Ebene der Komik entlockt. Er bringt auch die schwächeren Passagen der Buchvorlage zum Funkeln, die starken potenziert er. Naujoks versteht es, dem oberklugen Ich-Erzähler eine Abgeklärtheit zu verpassen, die einfach großen Spaß macht. Man glaubt ihm die Stories, die er aus dem Hunsrück zu berichten weiß.

Den sehr positiven Gesamteindruck der Hörbuchfassung rundet die beigelegte MP3-CD ab. Statt mit den sechs Audio-CDs hantieren zu müssen, kann man Naujoks’ Jöricke auch am Stück im CD-Schacht des Autoradios verschwinden lassen. Und die kurzen, witzigen und präzise beobachteten Alltagsgeschichten von Frank Jöricke eignen sich hervorragend für die lange Fahrt in den Hunsrück oder die Eifel, wenn man – alle Jahre wieder – der indigenen Verwandtschaft einen Besuch abstatten möchte.

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