“Wir waren ein bisschen tapfer”
Rudolf Bauer hat es sich in seinem Buch “Waren damals alle Feiglinge? 1933 bis 1945 zwischen Trier und Koblenz” zur Aufgabe gemacht, den leisen Protest der Bevölkerung zwischen Trier und Koblenz zur Zeit des Nationalsozialismus auf der Grundlage von Tagebuchaufzeichnungen, Archivmaterial, eigenen Erinnerungen und mündlichen Berichten damaliger Zeitgenossen zu beleuchten. Nicht ohne die wiederholte Betonung, dass dieser gedämpfte Widerstand viel zu gering gewesen ist. Aber dennoch erwähnenswert.
TRIER. Leben gerettet haben die meisten Menschen nicht, deren mal stillen, mal offenkundigen Protest gegen das NS-Regime Rudolf Bauer in den vielen Berichten in seinem Buch zusammengetragen hat. Sie haben keinen Juden vor dem KZ bewahrt, keinen Nachbarn vor dem Abtransport durch die Gestapo. Um diese Darstellungen schien es dem Autor nicht in erster Linie zu gehen, als er zwischen Koblenz und Trier im Bekanntenkreis und auch in Archiven Nachforschungen anstellte. Bauer will auf 110 Seiten deutlich machen, dass es viele Bürgerinnen und Bürger gegeben hat, die im Verborgenen Mut bewiesen haben – und wenn sich dieser Mut in stiller Standhaftigkeit äußerte, mit dem sie in Verteidigung ihres Glaubens und ihrer Werte dennoch ein hohes Risiko eingingen.
“Das Buch beschreibt absichtlich nicht große Geschichte, sondern Geschichten aus einem bisher nicht beschriebenen Alltag, in dem Menschen sich bewährt haben – oder auch nicht”, heißt es im Nachwort Bauers. Dies gelingt ihm einerseits durch fundierte und eingängig aufbereitete Hintergrundinformationen dieses Alltags. Sie fließen teilweise in den Text selbst ein, finden sich aber auch in zahlreichen Tafeln, die beispielsweise Gesetzesänderungen durch Hitler oder die Entwicklung der Arbeitslosigkeit und des Einkommens dokumentieren, sowie in dem bestens wiedergegebenen Bildmaterial, das vor allem Trier und Koblenz in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts darstellt.
Andererseits ist es Bauer durch seinen syntaktischen, nüchternen Stil möglich, eine dichte Atmosphäre zu gestalten, in der die sehr persönlich erzählten Einzelschicksale dem Leser unmittelbar begegnen. “Wir waren keine Widerstandskämpfer, auch keine Helden. Aber wir waren ein bisschen tapfer”, beurteilt Bauer sich und die Menschen, deren Geschichten er erzählt.
So etwa das Schicksal des jungen Kommunisten, der mutig für seine Überzeugungen einstand und als gebrochener Mann aus Dachau zurückkehrte; der Handwerksmeister, der trotz zu versorgender Familie lieber weiterhin schwarz arbeitete, als für eine offizielle, gesicherte Anstellung in die Partei einzutreten; der Kaplan, der sich trotz des eindringlichen Rats seines Pastors, er solle die antinationalsozialistische “aktive Jugendseelsorge bleiben lassen” und abwarten, bis alles vorbei sei, antwortete: “Herr Pastor, es geht um die jetzige Jugend. Da können wir nicht warten.”
Nur gelegentlich wird der Stil zu schlicht, die Ausführungen geraten stellenweise zu persönlich – was das Buch dadurch weitschweifig wirken lässt; es interessiert den Leser im Kontext nicht unbedingt, ob jemand in “erstaunlicher Rüstigkeit mehr als 90 Jahre alt” wurde.
Das Buch ist ein Muss für jeden Geschichtsunterricht und jeden, der sich nochmals eingehender mit dem dunkelsten Kapitel Deutschlands befassen möchte. Es verbindet die Geschichte des Dritten Reiches, die den Schülern zumeist lediglich in Darbietung von allgemeinen Daten und Geschehnissen vermittelt wird, mit einem direkten Bezug zu ihrer Heimatstadt. Geschichte wird greifbar. Das Grauen, die perfiden Methoden des Naziterrors, das Gefühl ängstlicher, eingeschüchterter Beklommenheit als Atmosphäre innerhalb der Bevölkerung kann den Schülern über die zusammengetragenen Berichte verdeutlicht werden.
Wer heftige Diskussionen zwischen den Jahren liebt, dem sei das inhaltlich wie optisch sehr ansprechend gestaltete Buch als Weihnachtsgeschenk für die Familienmitglieder ab 12 Jahren empfohlen. Heftige Diskussionen werden sich ergeben, weil sich drängende Fragen bei den Jüngeren bilden und bei den Älteren wieder ins Bewusstsein kommen werden, sich möglicherweise an den zwei Antworten, die Bauer selbst auf die Frage, warum es “keinen größeren Einsatz für die Freiheit” gegeben hat, gibt. Eine Frage nach Schuld und Hilflosigkeit, nach Graden des Mutes und der Feigheit, nach den Spuren all dessen in der eigenen Geschichte.
Bei aller Berechtigung, ein Buch über jene Menschen zu schreiben, deren Mut im Verborgenen blieb, der sich zumeist in stiller Standhaftigkeit und selten in lautem Protest äußerte, der aber nichtsdestoweniger für jeden von ihnen hohes Risiko bedeutete, wird die Frage während des Lesens immer lauter: Wieso habt ihr es nicht verhindert? Wenn doch das Bewusstsein über ein sich anbahnendes Unrechtsregime bei so vielen vorhanden gewesen ist. Bauer schildert eindringlich die Einschüchterungen etwa durch die Gestapo, die eine permanente, tief greifende Angst verbreiteten. So kann aus heutiger Sicht sich niemand anmaßen zu behaupten, er hätte diese Angst überwunden und wäre zum Widerstandskämpfer geworden. Das nicht.
Und doch: Ist nicht der Mensch verpflichtet, über sein eigenes Leben und das seiner Familie hinauszublicken? Steht er nicht auch in der Verantwortung für seine Mitmenschen, wie sie ihm in der Nachbarschaft, in seiner Stadt, seinem Land, in den nächsten Generationen begegnen?
Betont man den stillen Protest als das typisch Menschliche, so erscheinen die tätigen Widerstandskämpfer, die Geschwister Scholl, Dietrich Bonhoeffer, als übermenschlich. Aber das waren sie nicht. Sie haben ihr Leben eingesetzt für eine Idee, die ihr eigenes Dasein weit überstieg, als ganz normale Menschen mit Familie, Freunden, in Angst und Unsicherheit. Zum Helden wird man nicht geboren. Zum Helden wird man erst in den Geschichtsbüchern. Die Chance zu ergreifen, eine Katastrophe zu verhindern – ist das nicht Aufgabe jedes Einzelnen?
Das Buch von Rudolf Bauer “Waren damals alle Feiglinge? 1933 bis 1945 zwischen Trier und Koblenz” ist im Kliomedia-Verlag Trier erschienen und in der Buchhandlung des Verlages (Neustr. 45) und im Handel für 16,80 Euro erhältlich.
von Annika Hand




