Schueberfouer und Tanktourismus
Tausende Trierer pendeln täglich ins Großherzogtum, gehen dort ihrer Arbeit nach oder decken sich mit Waren ein, die sie im hiesigen Einzelhandel nicht finden. Auch das Kulturangebot Luxemburgs wird von immer mehr Moselstädtern nachgefragt. Doch Nähe und Verbundenheit zum Trotz – die Ahnungslosigkeit der meisten Menschen diesseits der Sauer über die Besonderheiten des einzigen Großherzogtums weltweit ist enorm. Diesem Wissensdefizit könnte nun ein Nachschlagewerk abhelfen: “Der Luxemburg-Atlas” oder “Atlas du Luxembourg”, wie das zweisprachige Werk heißt, beschreibt eine Vielzahl von Facetten des Landes: von der Braukultur bis zur Nationalsprache, von der zeitgenössischen Architektur bis zur “Schueberfouer”. Doch der im Kölner Verlag emons erschienene Atlas hat auch Schwächen.
LUXEMBURG. Wer weiß? Wäre die vor den Stadtmauern Triers gelegene Reichsabtei St. Maximin seinerzeit nicht zum Tausch bereit gewesen, vielleicht hätte es Luxemburg nie gegeben – oder aber unter anderem Namen. 963 erwarb Graf Siegfried einen kleinen Felsen samt bescheidener Befestigung, welche die Bezeichnung “Lucilinburhuc” trug. Im Gegenzug erhielt St. Maximin ein paar Ländereien, die nicht annähernd jene Bedeutung erlangten, welche die Festung Luxemburg über Jahrhunderte hinweg inne hatte. 120 Jahre nach besagtem Tauschgeschäft betrat mit Konrad I. erstmals ein “Graf von Luxemburg” die Bühne. Aus der Grafschaft entwickelte sich das Großherzogtum, dessen Grenzen seit 1843 praktisch unverändert blieben.
Für viele Trierer ist Luxemburg heute so etwas wie das gelobte und doch unbekannte Land: Tausende pendeln täglich zu ihren Arbeitsstellen jenseits der Grenze, viele profitieren vom kulturellen Angebot der zahlreichen Theater und Museen oder der grandiosen Philharmonie auf dem Kirchberg. Doch selbst Grenzgänger, die seit vielen Jahren ihre Werktage im Nachbarland verbringen, wissen meist nur wenig über den zweitkleinsten EU-Mitgliedsstaat, der kaum mehr Einwohner zählt als Wuppertal und doch ein international geachteter Akteur ist. Wer mehr erfahren möchte über das Juncker-Land, sollte sich den nun bei emons erschienenen”Luxemburg Atlas” zulegen. Vor drei Jahren von der Université du Luxembourg und dem Institut Ceps/Instead angestoßen, entstand das Werk nach dem Vorbild des im selben Verlag erschienenen “Köln Atlas” Mehr als 70 Autoren beschreiben in annähernd 100, selten mehr als zwei Textseiten umfassenden Beiträgen die vielseitigen Facetten des Großherzogtums – wobei ein Schwerpunkt der Darstellung auf der Hauptstadt liegt.
So erfährt der Leser, dass Luxemburg neben Norwegen und Schweden zu den großzügigsten Entwicklungshilfegebern weltweit zählt: Rund 0,9 Prozent des Bruttonationaleinkommens, etwas mehr als 230 Millionen Euro jährlich, fließen in zehn ausgewählte Länder. Der Atlas erklärt, weshalb ein so überschaubares Land wie Luxemburg derart hohe Bekanntheit und einen unverhältnismäßig großen Einfluss in internationalen Organisationen wie Nato und EU erlangen konnte, und beschreibt, wie und wo das Großherzogtum diplomatische Vertretungen unterhält. Ein Kapitel widmet sich der Bedeutung der Hauptstadt als zweitwichtigster Kapitale EU-Europas – vor Straßburg, hinter Brüssel; ein anderer Beitrag befasst sich mit der Schleifung der Festung.
Der Atlas ist in insgesamt fünf Oberkapitel (Luxemburg in Zeit und Raum; Städte und Projekte; Natur und Umwelt; Wirtschaft und Mobilität; Gesellschaft und Kultur) gegliedert, etwa die Hälfte der Texte ist auf Französisch, weshalb man dieser Sprache halbwegs mächtig sein sollte, möchte man sich das Buch zulegen. Und für den Kauf spricht einiges, gibt es doch bislang nichts Vergleichbares, was auch nur annähernd so viele Informationen über das Nachbarland bereithält. In kurzen Texten, sprich in stark komprimierter Form, wird die Entwicklung des Flughafens ebenso nachgezeichnet wie die Bedeutung des Finanzplatzes oder das Phänomen Tanktourismus, das den Luxemburgern die Kyoto-Bilanz verhagelt, weil der – unter anderem von vielen Trierern – jenseits der luxemburgischen Landesgrenzen verfahrene Sprit der Emissionsbilanz des Landes angerechnet wird. Der Leser erfährt etwas über die Braukultur Luxemburgs und über die Entwicklung des Luxemburgischen vom Dialekt zur Nationalsprache. Zahlreiche Beiträge widmen sich auch ambionierten städtebaulichen Projekten wie der Konversion Esch-Belvals vom Hüttenstandort zum Uni-Campus, den Bestrebungen, zwischen Ettelbrück und Diekirch eine “Nordstad” zu entwickeln, oder den Plänen für eine völlige Umgestaltung des Bahnhofsviertels in der Hauptstadt.
So entsteht das Bild eines Landes, das sich seit Jahren wandelt und doch einige Eigen- und Besonderheiten bewahren konnte. Ein Kapitel befasst sich mit der 1340 von “Jang dem Blannen”, hierzulande besser bekannt als Johann dem Blinden, König von Böhmen, gegründeten “Schueberfouer”, die allein 2008 mehr als zwei Millionen Menschen anzog. Die Schobermesse ist heute der größte Jahrmarkt der Großregion.
Es sind solche Beiträge, in denen man viel erfährt über Luxemburg und die Luxemburger, und sich als Trierer einmal mehr glücklich schätzen kann, nur einen Steinwurf vom Großherzogtum entfernt zu leben. Doch mitunter wird es selbst dem geneigten Leser zu viel, verliert sich der Atlas in belanglosen Detailinformationen, bekommt die Auswahl der behandelten Themen etwas Wahlloses. Man muss nicht wissen, dass seit dem 18. September 2006 “die neue Linie 13 in einem Halbstundentakt die Strecke Esch-Sanem-Rodange-Frontiére” befuhr, wie es im Kapitel über das Busnetz im Süden heißt. Beiträge wie “Gut betreut: Kindertagesstätten in der Stadt” hätten sich die Herausgeber gleich sparen können.
Zumal im Gegenzug wesentliche Aspekte gar nicht oder nur unzureichend behandelt werden, wie etwa die weltweit beispiellose Dichte an Tageszeitungen, die nur dank der großzügigen staatlichen Pressehilfe aufrechterhalten wird. Und wenn schon nicht der Presse, so doch dem Hörfunk und Fernsehen hätte man ein eigenes Kapitel einräumen müssen – schließlich steht in Luxemburg die Wiege von RTL. Auch der großherzoglichen Familie und der Monarchie ist kein eigener Beitrag gewidmet – dabei trägt das Herrscherhaus wesentlich zur nationalen Identität der kleinen Nation bei. Zudem hätte auch die lange Zeit außerordentlich starke Stellung der katholischen Kirche mehr Beachtung verdient – jährlich stattfindende Ereignisse wie die Echternacher Springprozession oder die mehrwöchige “Octave” in der Hauptstadt strahlen bekanntlich weit über die Landesgrenzen hinaus.
Diesen Schwächen, zu denen auch teilweise veraltetes Datenmaterial gezählt werden muss, zum Trotz – wer sich für das Land interessiert, dessen Wohlstand auch Trier und vielen Trierern zugute kommt, sollte sich den Atlas zulegen.
Patrick Bousch, Tobias Chilla, Philippe Gerber, Olivier Klein, Christian Schulz, Christophe Sohn und Dorothea Wiktorin (Herausgeber):”Der Luxemburg-Atlas” / “Atlas du Luxembourg”, Verlag Emons, 224 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 59,80 Euro.
von Marcus Stölb




