Mit neuen Konzepten aus der Krise?
In Triers Kultur- und Medienlandschaft hat sich viel getan im vergangenen Jahr. Erstmals seit ihrer Gründung 1998 gab es keine Antikenfestspiele, die “produktion” am Dom machte pleite, der lokale Radio- und Fernsehsender Antenne West meldete Insolvenz an und der junge Kulturverein “Karussell” musste seine Räume in der Zuckerbergstraße verlassen. 16vor fasst die bemerkenswertesten kulturellen und medialen Veränderungen 2009 zusammen.
TRIER. Fast ein Jahr, nachdem die Antikenfestspiele für 2009 mangels Erfolgsaussichten abgesagt wurden, stellten die Stadt und das Theater ein neues Konzept für die Fortsetzung vor. Dieses stützt sich weiterhin auf die drei Säulen Oper, Schauspiel und Festspielkonzert. Doch die Verantwortlichen haben gemerkt, dass sie keinen Mainstream bieten dürfen, wenn sie kein Mainstream-Festival haben wollen. Also wird in diesem Jahr nicht mehr wie auf Dutzenden anderen Bühnen der “Gefangenenchor” aus “Nabucco” ertönen, sondern die selten aufgeführte Oper “Nerone”. Das Drama “Ödipus/Antigone” kommt vom Schauspiel Frankfurt und beim Festspielkonzert wird das Auftragswerk “Mosella” uraufgeführt. Das Amphitheater ist ein besonderer Veranstaltungsort, in dem auch besondere Veranstaltungen stattfinden sollten.
Das dachte sich nach der Absage für das vergangene Jahr auch der Trierer Pianist und Autor Klauspeter Bungert, der in den folgenden Monaten drei Stücke für das Festival verfasste, die die Trierer Spätantike mit zeitgenössischer Thematik verbinden. Obwohl sich einige Stadtratsmitglieder, die sich sorgfältig mit den Werken befassten, positiv darüber äußerten, war die grundsätzlich reizvolle Idee – Dramen mit Trier-Bezug eines heimischen Künstlers – offensichtlich keine echte Alternative für die Festspielleitung.
Ob es an einem falschen Konzept, am Missmanagement, an einem konkurrenzbedingten Besucherschwund oder an allem zusammen gelegen hat, dass die “produktion” Ende April dichtmachen musste, spielt letztlich keine große Rolle mehr. Die Betreiber der erfolgreichen Partyformate suchten sich andere Tanzlokale, und auch der ehemalige Vereinsvorsitzende Peter Stablo und seine Kollegin Kerstin Rubas zogen unter anderer Fahne mit ihren Zugpferden (zum Beispiel dem Comedy-Slam) um. Zurück blieben 300.000 Euro Schulden.
Nachmieter im Palais Walderdorff ist seit einigen Wochen der Kunst- und Kulturförderung e.V. So beliebig wie der Name ist auch bisher das Programm im neuen “KulturGut” am Domfreihof 1b. Freitags und samstags finden Partys statt, und zwischen einem französischen Konversationskurs, einem Französisch-Crash-Kurs für Anfänger, einem deutsch-französischen Zirkus-Workshop, kostenloser Deutsch- und Französisch-Nachhilfe und einem “Spezial-Stammtisch ‘Deutsche und französische Freundschaft’” werden ein Trommel-Workshop, ein Workshop für Nachwuchs-Journalisten (“Die Workshopleiterin hat Germanistik studiert”), ein Salsa-Kurs und eine Disco-Fox-Tanzstunde angeboten. “Offenheit für Impulse von außen” ist laut Aussage von Vereinsmitglied Robin Junker in einem Beitrag auf hunderttausend.de ein Grund dafür, “dass man keine Konzepte übers Knie brechen möchte”. So kann man es natürlich auch sagen.
Dass sich außer einer gewissen Frankophilie noch keine Handschrift des Vereins erkennen lässt, könnte man vielleicht noch mit seiner erst vor wenigen Monaten erfolgten Gründung erklären, wenn, ja, wenn hinter der Einrichtung nicht ein Trierer Discotheken-Betreiber und einige seiner Mitarbeiter stünden. Das hat zumindest einen Beigeschmack, da die Räume der Nikolaus-Koch-Stiftung nicht an kommerzielle Betreiber vermietet werden dürfen (“Konkurrenzschutzklausel”). So wurde es Stablo untersagt, mit einem externen Caterer zusammenzuarbeiten.
Die Stadt Trier, die Untermieter im Palais Walderdorff ist, teilte nach Bekanntgabe des neuen Mieters mit, dass der Verein nach juristischer Prüfung die Voraussetzungen, die für sie bei der Vermietung maßgeblich sei, erfülle. Zudem wolle sie dafür Sorge tragen, dass die Untervermietung nicht den vertraglichen Bindungen, die die Nikolaus-Koch-Stiftung mit ihren eigenen Mietern eingegangen ist, widerspreche.
Ganz andere Mietprobleme gab es für das “Karussell am Zuckerberg”. Seit 1. September hatte es sich eine Gruppe sehr engagierter Studenten zur Aufgabe gemacht, in der ehemaligen Druckerei Sonnenburg lokalen und regionalen Künstlern eine Bühne zu bieten. Vier Monate lang stellten sie ein üppiges Programm aus Theateraufführungen, Ausstellungen, Konzerten und Workshops auf die Beine. Seit Silvester ist Schluss damit. Zumindest am Zuckerberg. Aufgrund von Nachbarsklagen wegen zu hoher Geräuschentwicklung bei Veranstaltungen räumen die Betreiber ihr kurzzeitiges Domizil. Der Karussell e.V. besteht jedoch weiter und sucht eine neue Bleibe.
Im Gegensatz zu dem jungen Kulturverein war beim lokalen Radio- und Fernsehsender Antenne West in den letzten Monaten seines Bestehens kein Konzept zu erkennen. Während der Geschäftsführer Sven Herzog noch mit einer unattraktiven Satellitenausstrahlung und neuen Studios in Merzig und Daun prahlte, wurden die wenigen erfahrenen Mitarbeiter nach und nach aus Kostengründen entlassen oder zur Kündigung getrieben; er bewarb sich um die landesweite Hörfunkkette, die von RPR1. genutzt wird, und hatte nicht mal genügend geschweige denn qualifiziertes Personal, um einen ernstzunehmenden Betrieb in den vorhandenen Studios zu gewährleisten; er ließ sich in der Regionalausgabe der BILD als Retter des insolventen Privatsenders SaarTV feiern und konnte oder wollte selbst wenig später Rechnungen und Honorare nicht mehr bezahlen; er legte sich mit der RTL-Group-Tochter CLT-UFA an, weil sie ihm das Vermarktungsmandat von RTL Radio in Luxemburg entzogen hatte, und die CLT-UFA drehte den Spieß um, da es zu Unregelmäßigkeiten bei Zahlungen gekommen war. Obwohl Herzog bis zuletzt abstritt, in finanziellen Schwierigkeiten zu stecken, hat er Ende November für drei seiner Unternehmen Insolvenz beantragt. Die Frequenzen von Antenne West werden im Frühjahr neu ausgeschrieben.
Während der Insolvenzverwalter Hans-Albrecht Brauer sich derzeit noch einen Überblick über die Insolvenzmasse und die Forderungen von Gläubigern verschafft, ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz wegen möglicher Insolvenzverschleppung und Steuerhinterziehung gegen den ehemaligen Geschäftsführer. Ehemalige Mitarbeiter hatten Strafanzeige gestellt.
Nach all diesen Veränderungen darf man also unter anderem gespannt sein, wie das neue Konzept der Antikenfestspiele aufgeht, welche Entwicklung das “KulturGut” nimmt, ob das “Karussell” einen adäquaten Raumersatz findet und an seine bisherigen Erfolge anknüpfen kann, und wer den Zuschlag für die Radio- und Fernsehlizenz in Trier erhält. Manche dieser Entwicklungen machen Hoffnung.





3. Januar 2010 (13:38 Uhr)
Das Dilemma der Trierer Kultur- und Medienlandschaft liegt schlicht und einfach darin, dass die Akteure – in gutem Glauben an ihre Mission – oft zu viel wollen und dabei zu wenig bewegen.
Dabei sehe ich die Person Sven Herzog fast schon im Lichte eines verkannten Stars! Die Film- und Fernsehwelt ist ein einziger Schrei nach Glamour! O.K. – damit scheidet Antenne West aus, qualitativ erreichte der Sender nie auch nur die Nähe des Offenen Kanals Trier.
Herzog gebührt dennoch Anerkennung – er hat (vgl. im Bericht beschriebene Aktivitäten) alles getan, um ein wenig Glamour in die Provinz zu bringen – darauf eine Nase!
Und so geht es nahtlos weiter – das Elektroblatt 16vor will eigentlich gar nicht online sein sondern – wie es Mitgründer C. Jöricke an dieser Stelle selbst postulierte – am liebsten eine Druckerpresse aufstellen.
Der Volksfreund hingegen muss online gehen und will noch vieles mehr. Zum Online-Auftritt brauche ich nichts weiter zu schreiben – dass der nicht funktioniert, kann jeder selbst nachsehen – ich warte nur noch darauf, dass der Verlag einen Frühstücksbrötchen-Service anbietet, das zumindest würde ich begrüßen.
Bei der Kultur geht es mehr um das Zielpublikum. Da haben die Institutionen beschlossen, die Sache biologisch und final zu lösen! Das Theater bleibt – trotz vieler guter Aktivitäten – Refugium der rüstigen und disziplinierten Generation Ü 70, die Tufa setzt konsequent weiter auf die junggebliebenen Ü 50ér. Die verschwindend geringe Anzahl an Studenten und Jugendlichen braucht nun wirklich keine kulturelle Heimat. Die wenigen Euros, die der Stadt noch verbleiben, werden zur Unterstützung von einem Unternehmer benötigt, dessen tägliches Brot tolldreiste Spiele sind.
Jetzt könnte ich locker noch was zum Sport in dieser Stadt sagen aber das geht mich nun wirklich nichts mehr an!
4. Januar 2010 (23:16 Uhr)
Theater Trier nur für die Generation Ü 70!?
Lieber Uwe Thein, liebe Mitleser,
diese Einschätzung finde ich denn doch heftig übertrieben! Kürzlich war ich in einer Vorstellung der überaus frischen Faust I/II – Inszenierung – und das Durchschnittsalter der Besucher dürfte deutlich unter 30 gelegen haben, dank der nahezu quantitativen Anwesenehit der Trierer Oberstufen-Deutschkurse. Und die allermeisten der jungen Leute machten nicht den Eindruck, gelangweilt zu sein!
ALLERDINGS: So ein Abend darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Theater Trier im Hinblick auf jüngere Besucher durchaus einheftiges Image- und Akzeptanzproblem hat – und das liegt m. E. nicht am “Prinzip Theater”, sondern an einer Reihe von hausgemachten Gründen, u.a.
- neben einer Reihe Ausrufezeichen doch auch manch langweiliger Inszenierung,
- sehr altbackener Vermarktung,
- geringen Kartenrabatten für Schüler und Studierende sowie
- dem mehr als angestaubten, gerade Jüngere eher abschreckenden Ambiente des gesamten Theaters.
Was das letztere Problem angeht, so bleibt zu hoffen, dass mit der anstehenden Generalsanierung des Gebäudes nicht nur Brandschutzprobleme behoben werden, sondern alle Bereiche – von den Probenräumen (zu eng, zu wenige) über die Besuchertoiletten (Original 60er Jahre) bis zum Foyer (das Gegenteil von einladend – allein schon die niedrige Decke verursacht Kopfschmerzen) – komplett überarbeitet werden.
Wir Trierer sollten uns dabei – auch und gerade angesichts der Etatprobleme – zudem erlauben, die angestammten Denkpfade zu verlassen: Falls die Sanierungskosten auch nur in die Größenordnung derjenigen eines Neubaus kommen sollten, wären das überjahrte, ungeliebte Gebäude, aber auch der Standort in Frage zu stellen: Warum z. B. nicht ein guter Neubau als Leuchtturm auf günstigen Flächen in Trier-West (ohne goldene Türmchen, aber mit Platz und Stil), und die frei werdenden Flächen in Innenstadtlage meistbietend vermarkten?
Was dann fehlt, wäre nur noch etwas Obama-Mentalität statt bequemer Zögerlichkeit — und Trier könnte sich mit einem Theater positionieren, dass für Besucher aller Altersgruppen wieder attraktiv ist!