Im Paradies ist die Hölle los

Ein außergewöhnliches Gastspiel in der Tufa thematisierte am Donnerstagabend das große Menschheitsthema der steten Suche nach dem glücklichen Dasein. Unter der Leitung der Schweizer Regisseurin Barbara Duss inszenierte ein vierköpfiges Schauspielensemble aus Burkina Faso das mit einer gehörigen Portion afrikanischem Humor angereicherte Auswanderungsdrama “Paradies”. Bei der kraftvollen und leidenschaftlichen Darbietung wurde munter in vier Sprachen parliert (französisch, englisch sowie die burkinischen Sprachen Moré und Doula), ohne dass die Verständlichkeit des Stückes darunter litt, wofür die Protagonisten am Ende von einem sichtlich beeindruckten Publikum einen verdient anhaltenden Applaus einheimsten.

TRIER. Kurz vor dem Jahreswechsel ließ die Hamburger Wochengazette Die Zeit eine Ausgabe ihres Feuilletons von dem prominenten Theaterregisseur Christoph Schlingensief gestalten. Sein Schwerpunktthema: Burkina Faso. In dem westafrikanischen Staat beginnt in diesen Tagen mit dem Bau eines Operndorfes Schlingensiefs bislang größtes Projekt. Auf den ersten Blick wirkt das Bestreben, einem der am ärmsten gehaltenen Länder der Welt eine elitär und altbacken daherkommende Kultureinrichtung hinzustellen, wie der neueste Spleen eines bisweilen als wahnsinnig titulierten Künstlers. Müsste den Menschen dort nicht viel eher auf ökonomische Weise geholfen werden, statt ihnen das Gefühl zu vermitteln, von den eigenen Unterdrückern aus dem reichen Areal der Erdkugel Kulturalmosen nachgeworfen zu bekommen? Da mag vielleicht etwas dran sein, aber bei genauerem Hinsehen wird ebenso deutlich, dass selbst in von absoluter Armut betroffenen Lebensverhältnissen die Herausbildung einer eigenen Identität der Hochkultur nicht unmöglich erscheint.

Den eindrücklichen Beweis dafür lieferte im Großen Saal der Tufa jenes Ensemble aus Burkina Faso, das mit der Tragikomödie “Paradies” in ihrem Heimatland bereits als Teil des hiesigen Aufklärungstheaters arriviert ist und sich derzeit auf Deutschlandtour befindet. Im Zentrum steht dabei Alain (Moussa Sourgou), der sich als illegaler Immigrant im vermeintlichen Paradies USA mithilfe mies bezahlter Jobs halbwegs über Wasser zu halten versucht. Allzu lange hält er es hier aber nicht aus. Entnervt von den schlechten Lebensbedingungen und von Heimweh geplagt, bereitet er seine Rückkehr nach Burkina Faso vor. Alain steht in regem (und teurem) telefonischem Austausch mit seinem burkinischen Freund Bouba (Maxim Sawadongo), der seinerseits 200 Dollar benötigt, um der Erfüllung seiner tiefen Sehnsucht nach einem glücklicheren Dasein im Westen näher zu kommen und kaum begreifen kann, warum Alain ihm diesen Wunsch auszureden trachtet. Eine besondere Rolle kommen dabei den Frauen Binta und Berti (beide herausragend gespielt von Albertine Kam) zu, die immer wieder als Puffer herhalten müssen für die angestauten Probleme ihrer Männer.

Omer Yameogo übersetzt den Plot in die Sprache des für mitteleuropäische Augen gewiss gewöhnungsbedürftigen, aber nicht minder mitreißenden modernen afrikanischen Ausdruckstanzes. Wie imposant Gestik und Mimik auch der anderen Akteure wirken, zeigt etwa die Szene, als Alain nach seiner Rückkehr dem noch immer ausreisewilligen Bouba verdeutlichen möchte, dass die Vereinigten Staaten bei weitem nicht jenes Schlaraffenland sind, für das sie gemeinhin gehalten werden. Indem er selbst in die Rolle des Chefs schlüpft und Bouba im Gewand des unterbezahlten Hilfsarbeiters die Demütigungen widerfahren lässt, die Alain am eigenen Leib erdulden musste, zeichnet er ein Bild der (hier als Symbol für alle Staaten des westlichen Kapitalismus zu verstehenden) USA, das mehr der Hölle denn dem Paradies gleicht. Binnen kürzester Zeit hat Alain seinen klaren Standpunkt unmissverständlich vermittelt: Freiheit muss nicht zwangsläufig gut sein, sofern sie vorrangig in der seit Jahrzehnten global grassierenden Form der “Jeder ist sich selbst der Nächste”-Ideologie hervortritt. Freiheit von Armut, Ausgrenzung und Diskriminierung kann nicht durch ökonomische Freiheit bekämpft werden, sondern erfordert vor allem eine Veränderung im Bewusstsein jedes Einzelnen. Solidarität also – so Alains Botschaft – gibt es nicht in der abstrakten Dimension der theoretischen Chance auf Reichtum, für welche die USA allzu oft eine Projektionsfläche darstellen, sondern nur auf der unmittelbar zwischenmenschlichen Ebene.

Die realen Erfahrungen von Moussa Sourgou, der drei Jahre im viel gepriesenen Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten verbracht hat, geben dem Werk eine sehr persönliche Note. Dort dürfte er nicht etwa die materielle Armut als bedrückendstes Problem verspürt haben, sondern vielmehr die alltägliche Erniedrigung, die im Gefühl des Verlusts jeglicher Würde auch auf der Bühne dank des sensitiven Spiels des Quartetts spürbar wird. Wie es sich für ein Drama gehört, ist schlussendlich jedoch alles vergebens: während Alain durch den eigenhändigen Bau eines Hauses gemeinsam mit Frau und Kindern einen Neuanfang in der Heimat wagt, verlässt Bouba seine Gemahlin im Streit und sucht sein Glück doch noch in der Ferne. Des einen Ernüchterung ist des andern Sehnsucht. Mit kaum einer Prämisse wäre es wohl mehr gelungen, trotz aller kultureller Unterschiede die größte Gemeinsamkeit ausnahmslos aller Menschen zu demonstrieren: Den Wunsch nach Anerkennung. Ein Desiderat, das sich scheinbar auch durch eine ernüchternde Realität nicht wirklich erschüttern lässt. Gut so.

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Markus Pflüger schreibt:

    Als Ergänzung die Homepage zum Stück bzw. Infos zu den verschiedenen Theaterensembles, die sich dafür zusammen getan haben:

    http://www.fair-culture.de/

    Einnahmen aus der Deutschlandtournee dienen übrigen auch dazu eine Tournee durch Burkina Faso zu ermöglichen. Beeindruckens wie die KünstlerInnen sich für ihr Land einsetzen. Im informellen Nachgespräch imTextorium erzählten sie übrigens, dass sie neben diesem Aufkllärungsstück für Afrika auch Stücke zum Thema die Mitverantwortung des reichen Westens für die MIsere in Afrika aufführen.

    Besondere Dank gebührt dem TuFa e.V., der die Aufführung möglich gemacht hat und dem Publikum, das trotz widriger Wetterbedigungen so früh im Jahr ein solches Experiment unterstützt und gewürdigt hat. Besonders dabei auch die zwei jungen Trierer, die – am Vortag eingeführt – sehr gelungen die Kinder des afrikanischens Paares spielten.

    (Mitglieder der AG Frieden bewarben die Aufführung gerne und beherbergten die KünstlerInnen)

  2. Raimund Scholzen schreibt:

    Sehr zutreffend finde ich den Satz: In Burkina Faso, “einem der am ärmsten gehaltenen Länder der Welt…” Ich frage: Wer ist es, der diese Länder arm hält?

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