Faust goes Paris

Charles Gounods Oper “Faust (Margarethe)”, uraufgeführt 1859 in Paris, verwandelt die “Faust”-Tragödie in ein lyrisches Drama verliebter Seelen. Die Komposition kontrastiert den schweren Stoff mit lyrischem Wohlkang und spielerischer Leichtigkeit. Die Premiere am Stadttheater wurde zu einer gelungenen Manifestation der Musik, der Sänger und Chöre, die im Zusammenspiel mit dem Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Victor Puhl rundum überzeugten.

TRIER. Der alternde Faust will es noch einmal wissen. Mephistopheles, immer auf der Suche nach verzweifelten Seelen, ist gleich zur Stelle, um ihm Jugend und Liebesfreuden zu verschaffen. Faust verführt Marguerite, und beide steuern der Katastrophe zu. Statt Goethescher Weltaneignung fokussiert die Oper (Libretto von Jules Barbier und Michel Carré) den seelischen Konflikt der Liebenden, die zwischen Liebesglück und rigider Moral zermahlen werden.

Die Musik illustriert Geschehen und Gefühle. Gounods geniales Sampling zitiert Walzer, Märsche, Orgel- und Kirchenmusik und sein eigenes “Ave Maria” und verwebt musikalische Muster ineinander. Originelle, gegenläufige Duette und Terzette treiben die seelischen und moralischen Konflikte auf die Spitze. Im fünften Akt steigern sich die Gesangspartien von Marguerite, Faust und Mephistopheles im Wechselspiel mit dem Chor zu einem beklemmenden Tribunal.

Andréana Kraschewski formt die Seelenlage Marguerites mit sängerischer und darstellerischer Brillanz. Ihr subtile Gesangskunst verwandelt mädchenhaftes Sehnen in verliebte Koketterie und warmherzige Fraulichkeit in den schrillen Schrei der Verzweiflung. Svetislav Stojanovic überzeugt als verliebter und verzweifelter Faust. Francis Bouyer singt einen phänomenalen Valentin, Marguerites strengen Bruder. Ein kraftvoller László Lukács als Mephistopheles, eine perlende Evelyn Czesla in der Rolle des verliebten Siébel, eine ironisch aufspielende Eva Maria Günschmann als Dame Marthe, ein gut aufgelegter Pawel Czekala als Wagner/Brandner und ein präziser und differenzierter Theater- und Extrachor – es sind die phantastischen Sänger und Chöre, Gounods Musik und die Interpretation des Orchesters, die die Oper zum Erlebnis machen.

Die Inszenierung von Gerhard Weber ist eine Kooperation mit der Opéra de Dijon und war dort bereits 2007 zu erleben. Sie lässt die Oper entsprechend ihrer Entstehungszeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielen und ist schlüssig im Hinblick auf den dramatischen Konflikt zwischen Seele und Moral. Gültige musikszenische Bilder gibt es jedoch selten, zum großen Teil kommen die Akteure wie bei einer Nummernrevue auf die Bühne und gehen wieder ab. Die Inszenierung schwankt zwischen Burleske und Ernst, vereint aber beides nicht zu einem Ganzen. So erinnern zum Beispiel schwarz verhüllte Gestalten, die Kruzifixe vor sich halten, an alte Draculafilme, treffen aber keinen ironischen Unterton.

Bühnenbild (Claude Stephan) und Kostüme (Jean-Michel Angays, Stéphane Lavergne) weisen Gimmicks auf, die man sich hätte sparen sollen: eine Pappkameradin als Traumbild, ein überdimensionaler Bierkrug auf Rädern, ein Kanonenrohr, das von rechts nach links durchs Szenenbild fährt. Invaliden im Rollstuhl, Marguerite in Krankenschwesterntracht, Schwestern mit Flügelhauben – alles unnötig. Am unnötigsten aber ist das riesige Kreuz, das mal umgedreht hin und her schaukelt, mal bedrohlich aus der Wand ragt und zum Schluss auch noch von der Kirchenwand schwebt – und knapp über der sterbenden Marguerite anhält.

Das Publikum sieht über diese Schwächen hinweg und feiert seine Sängerinnen und Sänger, seinen Chor und das Orchester – und hat Recht damit.

Weitere Aufführungen im Januar: Dienstag, 12. Januar, 20 Uhr; Sonntag, 24. Januar, 16 Uhr; Freitag, 29. Januar, 20 Uhr.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Uschi Britz schreibt:

    Es ist sicher kein Zufall: Das Theater präsentiert nach dem Schauspiel Faust I/ II nun die Adaption des Stoffes durch eine Oper.

    Dies kann zu neuen Sichtweisen und Erkenntnissen der “Standortsuche Deutschland” führen. Sei es durch einen veränderten plot- sei es durch mentalitätsgeschichlich relevante Einsichten in das Frankreich des 19. Jahrhunderts.

    Zunächst: Stück und Figuren verlieren – leider- ihre Vielschichtigkeit und Ironie. Dies trifft besonders auf Faust und Mephistopheles zu. Das tut dem Stoff nicht gut. Er läuft Gefahr trivial zu werden- warum Faust Margarethe verläßt, bleibt eher unmotiviert.

    Die Regie (Gerhard Weber) versucht denn auch den verlorengegangenen Goethschen doppelbödigen Witz durch pointierte Requisiten wieder einzufangen. Allerdings entläßt uns der Schluss moralschwanger mit einem – zugegeben -einduckvoll sich auf die Sünderin Margarethe und uns sich herabsenkenden Kreuz.

    Fazit: Vielleicht ein oppulentes Musikerlebnis; neue Perspektiven auf den Fauststoff aber eher nicht!

  2. Ramon Klein schreibt:

    Über die Regie lässt sich streiten, da gebe ich der Vorschreiberin Recht – dennoch finde ich die Oper verteidigen müssen.
    Es geht hier um das Darstellen von Emotion durch Musik – und nicht um das Auseinandernehmen von Goethes Idee hinter dem Faust.
    Denn wer sich tatsächlich mit dem Stoff befassen will, der sollte das Drama lesen und nicht die Oper hören.
    So sind auch Verdis Schilleropern und Rossinis Tell nur Kernwiedergaben des Stoffes – aber wer von Opern Philosophische Auseinandersetzungen erwartet, der sollte vielleicht doch lieber in den Hörsaal der Universität gehen als ins Theater.

    So ist Faust die Idee hinter der Oper – und zeigt hier, dass auch die Grundzüge des Fausts ein wenig “trivial” erscheinen.
    Die Regie finde ich gut beschrieben, dem kann ich nur zustimmen – Weber ist eben nicht Friedrich oder Bieto.

    Ansonsten kann man nur empfehlen: Reingehen, Augen schließen (oder auch nicht) und der wunderbaren Musik lauschen!

  3. Ramon Klein schreibt:

    Und PS: Fehlt hier nicht eine Kritik?
    Wo ist die Kritik der Operette? Oder ist 16vor sich selbst zu fein, eine Operettenkritik zu schreiben?
    Nicht nur Goethe und Gounod haben als Kunstform Daseins – und Kritikrecht!
    Ich finde nicht, dass es ein besonders gutes Licht auf ein Portal wirft, wenn man solche Dinge eben kaum erwähnt – Besonders wenn sie fast jede Vorstellung ausverkauft sind!
    Am 23.1 kommt sie nochmal – man könnte einiges Gutmachen!
    Vor allem, da man in der Luciakritik Estelle Krüger in den Himmel gelobt hat.
    Verdient hätten es die gute Sängerin und die poppige Regie – der tolle Chor und der Rest der Darsteller!

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