Geschützter Bereich

Nicht erst mit der Umstellung auf die Bachelor- und Masterabschlüsse hat der Leistungsgedanke andere Konzepte von Bildung an den Universitäten verdrängt, bestimmen auch auf dem Trierer Campus Prüfungsdruck und Lernstress den Alltag vieler Studenten. Doch nicht jeder kommt auf Dauer mit den Belastungen durch volle Stundenpläne und allgegenwärtigem Leistungsanspruch zurecht: In der psychosozialen Beratungsstelle des Studierendenwerks Trier bietet Diplom-Psychologin Iris Lorenz Hilfe für alle, die sich mit ihren persönlichen Problemen überfordert oder allein gelassen fühlen.
TRIER. Die gesellschaftliche Akzeptanz von psychischen Problemen findet an der Uni Trier schon in den baulichen Verhältnissen Ausdruck: Während die Mensa an zentraler Stelle neben dem Audimax unübersehbar und mehrere Stockwerke hoch das leibliche Wohl von Studenten und Hochschulpersonal sichert, liegen die nur knapp 100 Meter entfernten Räume der psychosozialen Beratungsstelle etwas versteckt im Haus I des Tarforster Studentenwohnheims; lediglich ein unauffälliges Schild weist den Weg.

“Die Psyche ist das, worauf sich jeder verlässt. Wenn die mal nicht mitspielt, gilt man schnell als schwach und nicht belastbar”, erklärt Iris Lorenz die Stigmatisierung, mit der viele Betroffene von psychischen Problemen noch immer zu kämpfen haben. “Mit einem gebrochenen Arm zum Arzt zu gehen, fällt den meisten deutlich leichter”. Die Befürchtungen, das eigene soziale Umfeld würde sich abwenden oder der künftige Arbeitgeber könnte Zugriff auf die eigene Krankenakte erhalten  – vor dem Hintergrund der Speicherung von Arbeitnehmerdaten im Rahmen des ELENA-Verfahrens eine nachvollziehbare Sorge – und das Schamgefühl, gesellschaftlich geforderte Leistung nicht erbringen zu können, führen dazu, dass Betroffene häufig lange warten, bevor sie sich Hilfe suchen.

Dabei gibt es für Studierende, die einen Leidensdruck verspüren, keinen Grund zu zögern: Unverbindlich können sie in der Sprechstunde oder telefonisch Termine vereinbaren, die Gespräche unterliegen der Schweigepflicht, die Atmosphäre ist entspannt und freundlich, die übliche Hektik des Alltags fehlt völlig. “Es geht nicht darum, die Leute möglichst schnell wieder einsatzfähig zu machen, sondern ihnen individuell zu helfen, ihre Lebenssituation zu verbessern. Jeder entscheidet selbst, wie weit er sich öffnet. Die Beratungsstelle soll ein geschützter Bereich sein, eine Oase ohne Druck”, beschreibt Iris Lorenz die Philosophie ihrer Arbeit.

Die meisten Betroffenen kommen durch eigene Recherche zur Beratungsstelle, manche über Mundpropaganda, gelegentlich weisen auch Dozenten einen Studenten auf das Angebot hin. Im Schnitt nutzen monatlich rund 50 Hochschüler das Angebot, in der Außenstelle in Birkenfeld, die von Lorenz‘ Kollegin Nicole Arendt betreut wird, sind es nochmal etwa 15 Studenten, zu Spitzenzeiten auch schon mal jeweils doppelt so viele. Die Probleme, mit denen die Hilfesuchenden kommen, sind vielfältig: Einen Schwerpunkt bilden studienbezogene Probleme wie seelische Erschöpfungszustände, Prüfungsangst oder depressive Verstimmungen, aber auch familiäre Schwierigkeiten, traumatische Erlebnisse wie sexueller Missbrauch oder Essstörungen werden besprochen.

Jedem Betroffenen sind dabei bis zu zehn Gespräche möglich, in denen Iris Lorenz mit ihnen Lösungsstrategien erarbeitet, Problemen nachspürt oder einfach nur Raum zur Reflektion bietet. Je nach Einzelfall übernimmt die Beratungsstelle dabei auch die Rolle des Vermittlers, empfiehlt alternative Wege zur Selbsthilfe, verweist an andere Institutionen wie beispielsweise Pro Familia, oder assistiert bei der Suche nach einem Therapieplatz.

Bereits seit 24 Jahren sorgt Frau Lorenz für das psychische Wohl Trierer Studenten. Die Entwicklung zu einer immer stärkeren Leistungsorientierung im Zuge der Bachelor-/Master-Umstellung sieht sie skeptisch: “Die Zahl der Betroffenen, die mit Symptomen von Depression oder seelischer Erschöpfung zu uns kommen, und auch die Intensität der Symptome hat sich in den letzten Jahren merkbar erhöht”. Während früher vor allem Frauen das Beratungsangebot wahrgenommen hätten, werde es heute gleichermaßen von beiden Geschlechtern genutzt.

Eine stärkere Öffentlichkeit für die psychosoziale Beratungsstelle sieht Iris Lorenz indes zwiespältig: Einerseits würden so mehr Leute von dem Angebot erfahren, andererseits wären zum Beispiel die kurzen Wartezeiten bis zu einem Gespräch bei höheren Betroffenenzahlen nicht mehr möglich. Für sie keine erstrebenswerte Vorstellung: “Dann könnten wir auch die Atmosphäre von Ruhe und Besinnung nicht mehr aufrecht erhalten. Und die ist uns wichtig”.

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