Jahrzehntelang frische Ideen
Wenn am heutigen Samstag Joachim Reidenbach nach 40 Jahren im Dienst der holden Musica sacra seiner Heimatstadt in den wohlverdienten Ruhestand tritt, verlässt mit ihm sicherlich das letzte Kirchenmusiker-Urgestein Triers die Orgelbank. Streitbare Musiker, also solche, die klare Positionen haben und diese auch gegenüber Autoritäten vertreten, sind bei Kirchen eine ohnehin selten anzutreffende Gattung, mit Reidenbachs Dienstende schrumpft ihre Zahl in bedrohlichem Maße. Doch ans Aufhören denkt der agile Vollblutmusiker noch lange nicht. Zu sehr war und ist die Musik Teil seines Lebens, als dass er sie mal eben so ad acta legen könnte.
TRIER. Die Perspektiven eines Kirchenmusikers sind heute in den allerseltensten Fällen rosig. Wie anders war es da noch vor 40 Jahren. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte soeben stattgefunden, und zumindest in der römisch-katholischen Kirche herrschte allerorten eine Aufbruchstimmung, vergleichbar mit den vielzitierten Wirtschaftswunderjahren eine Dekade zuvor. Etliche der kirchenmusikalischen Erneuerungen von damals sind inzwischen zwar längst schon wieder vergessen, andere, wie etwa das so genannte “Neue Geistliche Lied”, sind anhänglich wie Goethes Geister, die er einst rief. Auch bezüglich Orgelmusik und -bau herrschte damals ein gänzlich neuer Geist. Neobarock lautete die Maxime. Mit ebenso sprödem wie scharfem Schneid bohrten sich die schrillen Spaltklänge geradewegs in die Gehörgänge der Kirchenbesucher.
In diesem Umfeld trat Joachim Reidenbach 1971 seine erste Stelle als Kirchenmusiker in St. Martin an. Zu diesem Zeitpunkt war der junge Musiker aufgrund seiner progressiven Ideen in Trier längst schon kein Unbekannter mehr, hatte er doch bereits fünf Jahre zuvor mit der Gründung der Cantores Trevirensis das örtliche Chorleben um eine damals gänzliche neue Nuance bereichert. Wie frisch müssen anno 1966 da etwa die Madrigale von Schütz und Monteverdi aus den Kehlen junger motivierter Menschen geklungen haben, die mit Joachim Reidenbach den Aus- und Aufbruch gewagt und sich als Cantores Trevirensis rasch eine weithin beachtete Reputation über die beengte Tal-Lage Triers hinaus ersungen hatten. Der erste Preis beim 18. belgischen Musikfestival für die Jugend war wohl als klarer Etappensieg für eine neue Art des Musizierens zu werten. Wenn er die Cantores auch gegründet hat, so hat Reidenbach doch auch rechtzeitig nach immerhin 28 Jahren loslassen können. Auch hier ist er in gewisser Weise ein Progressiver, der nicht an der weitverbreiteten Chor-Krankheit leidet, wonach Chorleiter und Sänger sich die Treue halten, um dermaleinst in geselliger Runde von den vermeintlich besseren Zeiten zu schwärmen.
Reidenbachs “Ausbruch” aus dem Domchor etwa, wo er seine chorischen Lehrjahre absolviert hatte, spiegelt da sicherlich eine Unzufriedenheit mit dem an prominenter Stelle gepflegten status quo der römisch-katholischen Kirchenmusik wider. Diese lag (und liegt heute vielerorts noch immer) in den Nachwehen des Cäcilianismus. Würde und Erhabenheit von Kirchenmusik wurde und wird noch immer mit behäbig breiten Tempi (natürlich wegen des Nachhalls – auch da wo keiner ist) gleichgesetzt, kontrapunktische Künstelei war und ist der doktrinäre Maßstab für die (geistliche) Qualität der Musica sacra.
Wer Reidenbachs oftmals rhythmisch geprägten Improvisationsstil kennt, kann sich sehr wohl vorstellen, wie gänzlich neu und anders seine impulsive Behandlung der Orgel in einer bis dahin von devoter Zurückhaltung und sachlicher Strenge geprägten Art des Orgelspiels für so manchen Gottesdienstbesucher gewesen sein muss. Überhaupt wurde die Improvisation auf konzertantem Niveau zur damaligen Zeit in Deutschland nur sehr selten gepflegt. Vielleicht wurde mit seinem Spiel dem ein oder anderen erstmals auch bewusst, dass die Orgel weit mehr als nur ein erbärmlicher Leierkasten, versteckt hinter nebulösen Weihrauchschwaden auf nicht einsehbaren Emporen ist. Nach eigenem Bekunden war ihm die Orgelausbildung, so wie er sie während seines Studiums an der Musikhochschule des Saarlandes in Saarbrücken erfahren hatte, zu sehr an den alten Meistern orientiert. Streng an den Formen der Altvorderen geschultes Handwerk war ihm denn auch zu wenig für die eigene Ausübung der Improvisation. Schließlich sollte ein Musiker des 20. und 21. Jahrhunderts auch die Sprache seiner Zeit sprechen, die sich eben nicht als Melange barocker Floskeln gewürzt mit romantischen Sentiment versteht.
Aber auch der Chormensch Joachim Reidenbach fühlt sich neben der Pflege des einschlägigen Repertoires der Moderne verpflichtet, ohne modisch zu sein. So hat er sich etwa in seinen schon traditionellen Silvesterkonzerten bis heute der so genannten historischen Aufführungspraxis verweigert, da diese unter dem Aspekt einer verklärenden Retrospektive nur bedingt Impulse für die Gegenwart und Zukunft der Musik geben kann.
Von St. Martin führte der kirchenmusikalische Weg 1976 weiter nach Euren, 1978 erfolgte die Ernennung zum Regionalkantor. Anschließend ging es für neun Jahre nach St. Maternus. Nach einer zweijährigen Interimszeit in St. Valerius wechselte er schließlich 1994 nach St. Paulin, womit sich ein nahezu konzentrischer (Wirkungs-)Kreis schloss. Ausgestattet mit dem A-Kantorenexamen (1972) und der künstlerischen Reifeprüfung im Fach Orgel, dazu weitere Studien im Fach Dirigieren in der Sonder- und Meisterklasse sowie in der Kapellmeister- und Kompositionsklasse für Neue Musik, war es ihm spielend gegeben, hier in nur kurzer Zeit ein der Bedeutung des Ortes und des Raumes angemessenes kirchenmusikalisches Programm zu etablieren, dass einschließlich der Konzerte schnell zu einem festen Bestandteil der Trierer Kultur geworden ist.
Pläne und Ideen für die Zeit nach seinem Kirchenmusikerdasein sind auch schon da. So hat sich Reidenbach in den letzten Jahren wieder verstärt dem Komponieren zugewandt. Neben den geistlichen Werken (“Der Richter muss brennen”, “Requiem”, “Der Herr ist meine Hirte”) will er sich nun auch eingehender der weltlichen Chormusik widmen. Aber auch Dirigierverpflichtungen liegen bereits vor, und in Kursen will er seinen reichen Erfahrungsschatz weitergeben. Doch zunächst gönnt er sich eine Schaffenspause, die für seine gesundheitliche Stabilisierung dringend erforderlich ist.





16. Januar 2010 (19:47 Uhr)
Gut dass ein Insider, wie Wolfgang Valerius, hier geschrieben hat. Joachim Reidenbach ist ein streitbarer und deswegen umstrittener Musiker. Ich habe ihn kennengelernt Mitte oder eher gegen Ende der 1980er Jahre. Die Zeit der “Cantores Trevirensis”. Meine damalige Frau gefiel ihm wohl auch, aber das mache ich ihm nicht zum Vorwurf. Ihre Stimme war super. Er band mich als Schlagzeuger ein und in St. Maternus , mit Pater Hoffmann, zelebrierten wir wunderbare Jazzmessen. Auch für mich als “Antichrist” am Schlagzeug. Nie werde ich einen Auftritt in einem Stuttgarter Partnerchor vergessen, bei dem ich als Ehemann mitfahren durfte. Bei Trollinger trocken saß ich auf einmal auf dem Piano, was Achim spielte, mit einem Waschbrett auf meinen Knien. Wir “bluesten”. Pianoblues. Auf einmal liebte er den. Ich, als Laie, sage: Er hat irre Klavier und Orgel gespielt. Irre.
Gut, dass es dich gibt Achim.
Norbert Damm
17. Januar 2010 (21:04 Uhr)
Kompliment Herr Valerius! Eine treffliche Würdigung des künstl. Schaffens einer interessanten ,wichtigen und immer spannenden Musikerpersönlichkeit nicht nur der Region Trier!
Joachim Reidenbach einen grossen Dank für wunderbare musik. Momente!
Aber da kommt ja sicherlich noch was…..