Der verdrängte Teil des Rassenwahns
Wer mit dem Nationalsozialismus bislang nur im Schulunterricht und in den prätentiösen Filmdarstellungen von Guido Knopp in Berührung gekommen ist, wird kaum glauben, dass es auf diesem Gebiet noch immer zahlreiche Forschungsnischen gibt. Der Trierer Historiker Dr. Thomas Schnitzler versucht seit mehreren Jahren, einige dieser Aufklärungslücken zu schließen. Vor wenigen Tagen zeigte er hierzu in der Volkshochschule den Dokumentarfilm “‘Komm doch mit, sei ganz ruhig, wir gehen mal dahin…’ – Die Zwangssterilisation des Hans Lieser”, der durch einen Vortrag und ein Podiumsgespräch mit Hans Lieser sowie den Zeitzeugen Valentin Hennig und Dr. Annemarie Körholz ergänzt wurde.
TRIER. Der praktischen Realisierung des in Berlin befindlichen Holocaust-Mahnmals war eine jahrelange, kontrovers geführte Debatte über dessen Ziel und Form vorausgegangen. Mit der feierlichen Einweihung des Werkes am 10. Mai 2005 war dann die offizielle Funktion als zentrales Denkmal für die ermordeten Juden Europas endgültig durchgesetzt. Dass damit zahlreiche andere Gruppen offenkundig übergangen wurden, die dem NS-Regime ebenfalls zum Opfer fielen, steht als wichtiger Kritikpunkt noch immer im Raum. Eines der Hauptanliegen des Geschichtswissenschaftlers Thomas Schnitzler liegt nun darin, mithilfe seiner Forschungsarbeit die Leiden allzu wenig beachteter Opfergruppen ins öffentliche Bewusstsein zu transportieren.
Einen entscheidenden Schritt dazu wagte er vergangenen Donnerstag im Anschluss an seinen Vortrag und die Vorführung des Dokumentarfilms zur Zwangssterilisation von Hans Lieser aus Kordel. In Anbetracht der geringen Beachtung dieser Verbrechen, so Schnitzler, sei eine Initiative zur Errichtung eines Mahnmals für die mehr als 400.000 zwischen 1933 und 1945 zwangssterilisierten Menschen überlegenswert: “Damit würde sicher auch ein Anreiz gesetzt, die bisher unzureichend verfolgten Spuren der Täter intensiver als bisher aufzunehmen.”
Dass Trier für ein solches Vorhaben ein überaus geeigneter Ort wäre, zeigt der an diesem Abend thematisierte Fall des Hans Lieser. 1925 geboren, wurde der Gehörlose im Alter von sechzehn Jahren zwangssterilisiert. Lieser zufolge sogar ohne Wissen seiner Eltern: “Mein Berufsschullehrer hat mich damals ins heutige Kreiskrankenhaus nach Saarburg gebracht, ohne dass ich genau wusste, was geschehen würde.” Im Rahmen des so genannten Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurden ab 1934 behinderte Menschen aufgrund ihrer im “Dritten Reich” geltenden Minderwertigkeit zeugungsunfähig gemacht.
1974 wurden die letzten, auch noch nach Inkrafttreten des Grundgesetzes geltenden Vorschriften vom Deutschen Bundestag aufgehoben. 1988 stellte der Bundestag in einer Entschließung fest, dass die auf der Grundlage des “Erbgesundheitsgesetzes” vorgenommenen Zwangssterilisierungen nationalsozialistisches Unrecht waren, und erst 1998 wurden die Entscheidungen der Erbgesundheitsgerichte per Gesetz aufgehoben. Das mag einerseits daran liegen, dass das noch heute hierzulande rechtsgültige Inzesttabu dieser wahnhaften Ideologie durchaus nahe kommt, indem es behindertes Leben latent als minderwertig einstuft. Zugleich jedoch dürfte eine gewisse Ignoranz seitens der Politik ebenso mit diesem Missstand verbunden sein. Ein Desinteresse, aufgrund dessen den psychisch und physisch Geschädigten eine angemessene Entschädigung über Jahrzehnte hinweg versagt blieb.
Ein Mann, der sich unermüdlich für die Belange der Opfer einsetzte, ist Liesers Schwager Valentin Hennig. Dessen Buch “Zur Wiedergutmachung von Zwangssterilisation im Nationalsozialismus” zeichnet den Kampf des heute 83-Jährigen um eine rechtliche Anerkennung der ihm zugefügten Schäden nach. 1968 wies beispielsweise das Landgericht Trier Liesers Klage mit der unglaublichen Begründung ab, dass die Unfruchtbarmachung auf einem wissenschaftlichen Gutachten beruhte, namentlich des damals an der Uni Frankfurt tätigen “Taubstummendiagnostikers” Maximilian Theodor Schwarz, dem bezeichnenderweise nach dem Krieg eine steile Karriere als HNO-Arzt in Tübingen ermöglicht wurde. Fünf Jahre später gelang die Erwirkung einer unangemessen niedrigen Einmalzahlung in Höhe von 3.000 DM, mit der die politisch Verantwortlichen wohl den Mantel des Schweigens über die Schandtaten zu breiten trachteten.
Gleiches versuchte offenbar auch die Evangelische Kirche. Zwischen 1934 und 1944 wurden allein im Evangelischen Elisabeth-Krankenhaus 2220 Menschen gegen ihr Einverständnis sterilisiert, wie Dr. Annemarie Körholz erzählt: “1945 tauschte man die Schwesternschaft komplett aus und versuchte immer mehr, die dort zuvor begangenen Verbrechen zu verdrängen.” Eine Vermutung, die Schnitzler nur bestätigen kann. Vor zwei Jahren kontaktierte er das Hospital, um Akteneinsicht zu erfragen: “Darauf ist man aber leider überhaupt nicht eingegangen”, so der Wissenschaftler. Aufarbeitung und Aufklärung werden auch von der hiesigen Bürokratie aktiv verhindert. Aus rechtlicher Sicht nämlich ist es nur den Betroffenen und deren unmittelbaren Nachfahren erlaubt, Akteneinsicht zu nehmen. Da die meisten Opfer bereits verstorben sind und Zwangssterilisierte naturgemäß keine unmittelbaren Nachfahren haben, kann das Fehlen einer Ausnahmeregelung hier nur als pure Absicht interpretiert werden.
Die von der 16vor-Mitarbeiterin Bettina Leuchtenberg und Harry Günzel unter wissenschaftlicher Beratung durch Schnitzler bereits im Juli 2006 realisierte Dokumentation zum “Fall Hans Lieser” bietet nun die Möglichkeit, mit dem Thema auch in der breiten Öffentlichkeit auf mehr Resonanz zu stoßen. Eindrücklich nähert sich der Film dem sensiblen Sujet, indem die Kamera den gelernten Schneider beim erneuten Besuch der Stätten seines Leidens begleitet. Nacheinander berichtet Lieser etwa am Saarburger Krankenhaus oder an der ehemaligen “Provinzial-Taubstummenschule” in der Trierer Kaiserstraße von seinen Erlebnissen. Auch wenn an wenigen Stellen das für Nazi-Dokus scheinbar obligatorische Einspielen dämonischer Bösewichtmusik beim Einblenden von Hitler-Portraits dem Werk eine unangebrachte Emotionalität verleiht, glänzt der Film ansonsten weitgehend durch seine ebenso sachliche wie präzise Darstellung, die auch interessante Nebenpfade nicht ausspart.
So berichtet Körholz, die Tochter des damals am Elisabeth-Krankenhaus als Belegarzt beschäftigten Dr. Anton Hippchen, dass ihr Vater im Oktober 1935 entlassen wurde, weil er sich weigerte, das “Erbgesundheitsgesetz” auszuführen. Sicher eine Ausnahme, die die damalige Regel bestätigt, wonach entweder überzeugte oder angsterfüllte Linientreue unter deutschen Ärzten jedes Unrechtsbewusstsein betäubte. Zahlreiche Fälle von Zwangssterilisierung sind noch immer ungeklärt. Schnitzlers Arbeit leistet nun einen wesentlichen Beitrag, um den Tätern vielleicht doch noch auf die Spur zu kommen, auch wenn kaum ein Betroffener mehr zu Lebzeiten zu seinem Recht kommen dürfte. Aber jedes Verbrechen verlangt Aufklärung, denn aus normativer Sicht verjährt es nie.
In der Vortragsreihe zu der Ausstellung “Von wegen Heilige Nacht – Deutsche Kriegsweihnachten 1939-1944. Festkultur und Kriegspropaganda” geht es heute um 20 Uhr in der Volkshochschule am Dom um die bis in die jüngste Geschichte verschwiegenen “Trier-Beziehungen” des Kriegsverbrechers Klaus Barbie.
von Christian Baron





21. Januar 2010 (09:51 Uhr)
Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel!
21. Januar 2010 (11:27 Uhr)
Ich schließe mich dem Dank von “arthur” an. Sehr informativ und interessant.
21. Januar 2010 (15:35 Uhr)
Der oben erwähnte Filmbericht ist im Trier-Kino des Stadtmuseums Simeonstift während der Öffnungszeiten jederzeit abrufbar. Darüber hinaus wird die Geschichte des Dritten Reiches in einzelnen Stationen des Museums ausführlich behandelt.
21. Januar 2010 (18:40 Uhr)
@arthur
@metallkopf
Stadtmuseum: nicht nur dieser obige Filmbericht, sondern auch Zeitzeugen-Interviews von in Trier geborenen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, die den Holocaust überlebt haben (sei es durch Flucht, Deportation oder KZ-Haft) sind auf Medienstationen und im “Trier-Kino” im Stadtmuseum seit einigen Jahren einsehbar. Leider wird weder auf der Homepage noch auf den Rundgängen (selbst erlebt) des Arbeitskreises „Trier in der NS-Zeit“ der AG Frieden (AGF) darauf hingewiesen. Schade, denn dort finden sich Schilderungen der Vorgänge zB der Pogromnacht 1938 sozusagen aus erster Hand – von unmittelbar Betroffenen nämlich.
Möglicherweise muss das Stadtmuseum von manchen Trierern erst neu entdeckt werden?
22. Januar 2010 (22:40 Uhr)
Danke für die Anregung an die AGF, das werden wir beim nächstens Treffen des Arbeitskreises diskutieren. Gegenseitigen Hinweise auf andere gute Texte, Aufbereitungen oder Angebote zum Thema ist generell leider noch nicht konsequent erfolgt.
Die AGF hat den Film übrigens kurz nach Erscheinen Ende 2006 auch mit Anwesenheit von Hans Lieser, Valentin Hennig und Frau Dr. Körholz mit Gehörlosendolmetscher in der TuFa gezeigt – auch damals gab es gute Resonanz
– gut dass der Film jetzt im Stadtuseum läuft und wahrscheinlich müssen manche Trierer dies und die neue Abteilung zur NS-Geschichte tatsächlich erst noch entdecken