Nächstenliebe als Marketing-Strategie
In vollständiger Expeditionsmontur und mit reichlich afrikanischen Jagdutelsilien im Gepäck, dozierte der Safari-Unternehmer Carsten Möhle am Mittwochabend an der Universität Trier auf Einladung der gemeinnützigen Organisationen “Go Ahead” und “Suni” über den namibischen Stamm “Ju/Hoansi San”. In einem lebendigen Vortrag stellte Möhle das Leben des südafrikanischen Naturvolkes vor, deren Vorfahren vermutlich am Beginn des menschlichen Stammbaums stehen. Doch vergaß der Abenteurer dabei nicht den Lobbyismus in eigener Sache und warb besonders offensiv für sein Prestigeprojekt “Historic Living Village”.
TRIER. Die Beziehung zwischen Verkäufer und Käufer beruht in Marktwirtschaften nicht selten auf Täuschung, oftmals sogar auf Selbsttäuschung. Und zwar auch dort, wo durchaus anzunehmen sein dürfte, dass die Umworbenen die Tricks des Werbenden ohne größere Geistesmühe durchschauen. Zum Beispiel, wenn ein Werbender an einer höheren Bildungsanstalt eine erheiternde Darbietung seines Geschäftsmodells abliefert, ohne mit einer einzigen Silbe die vorrangige Profitabsicht seines Projektes zu erwähnen. Ein wahrer Meister dieser Disziplin ist Carsten Möhle.
Seine Vorstellung von Entwicklungshilfe ist schnell umrissen: Den unzivilisierten Buschmännern in Afrika unternehmerische Kompetenzen antrainieren, damit sie ihre mehr als 20.000 Jahre alte Kultur an wohlstandsdurchtränkte Touristen verscherbeln und sich selbst ebenso wie den sich in Selbstlosigkeit aufopfernden Kapitalismustrainern zu Wohlstand verhelfen können. In der bisweilen nicht ganz unzynischen Welt der Wirtschaftswissenschaft nennt man so etwas gemeinhin “Win-Win-Situation”: Die armen “Buschis”, wie Möhle sie halb liebevoll und halb herablassend nennt, werden aus ihrem statischen Gesellschaftsleben befreit und erlernen bereitwillig das vermeintlich glückbringende Handwerksrepertoire von Marketing bis Finanzbuchhaltung. Ob bestimmte Bedürfnisse in diesem Prozess hin und wieder nicht vielleicht doch auch künstlich erzeugt sein könnten, spielt für Möhle keine wirkliche Rolle.
Seit mehr als 25 Jahren organisiert er Touren durch das südliche und südwestliche Afrika. Neun Monate im Jahr verbringt der 45-jährige Abenteurer aus Schleswig-Holstein hierzu in dem Gebiet rund um die Kalahari-Wüste. Eines der Länder, auf das sich seine Firma spezialisiert hat, ist die ehemalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Etwa 38.000 Buschleute sind hier heute noch ansässig. Die Bezeichnung “Buschleute” ist dabei entgegen der landläufigen Meinung laut Möhle völlig wertneutral: “Den Menschen selbst ist es relativ egal, ob man sie ‘Buschleute’ oder ‘San’ nennt“. Viel wichtiger sei ihnen der respektvolle Umgang. Mit augenscheinlich großem Respekt und sichtlichem Enthusiasmus plaudert der Tourismusmanager dann auch anekdotenhaft von seinen Erlebnissen mit den fremden Völkern. So seien sie der meist ohne Technik nicht überlebensfähigen westlichen Bevölkerung etwa in den Fähigkeiten zum Spurenlesen oder Feuermachen weit überlegen.
Auch gelegentlich komplett realitätsferne westliche Archäologen verspürten ihre Mängel schon am eigenen Leib: “Einige der über 40.000 Felszeichnungen im Kalahari-Areal sind bis heute nicht zweifelsfrei identifizierbar. Am Brandberg beispielsweise gibt es an manchen Wänden gehäuft Malereien, die eindeutig keine Menschen, Tiere oder damals gebräuchliche Gegenstände zeigen”, erklärt Möhle. Um nicht als ahnungslos dazustehen, interpretierten die Forscher die Umgebung der Bilder als “Buschmannschule”, in welcher der San-Nachwuchs unterrichtet worden sein soll.
Um das zu überprüfen, fuhr Möhle vor einigen Jahren mit einer Gruppe seiner Hoansi San-Leute – die im Flachland leben und bis dahin noch niemals Felszeichnungen gesehen hatten – zu dem rätselhaften Ort. Binnen weniger Minuten brachen die meisten in Gelächter aus, wie Möhle amüsiert berichtet: “Damals war es üblich, dass sich benachbarte Sippen ab und an gegenseitig etwa auf halber Strecke besuchten. Wenn sich ein Clan verspätete, haben sich die Wartenden wohl mit Felszeichnungen die Zeit vertrieben.” Was bornierte westliche Wissenschaftler also nach jahrzehntelangem Kopfzerbrechen als Buschmann-Penne deklarierten, erkannten die San in kürzester Zeit schlicht als Graffiti.
Zu einem Prestige-Projekt ist für Möhle in den vergangenen Jahren das “Historic Living Village” avanciert. Zehn Dörfer wurden zu diesem Zweck erfolglos gecastet, bis sich endlich eine Gemeinde namens “Grashoeck” als würdig erwies und eineinhalb Jahre in Buchhaltung und Organisation ihres neuen Business geschult wurde. Da die wenigsten San heute noch auf traditionelle Weise leben, stellt das Dorf nun seit fünf Jahren die ursprüngliche Lebensweise ihres Stammes für Touristen dar. Jagdtrips mit dem Giftpfeilbogen, traditionelle Tänze und Spiele inklusive.
Umgerechnet 88.000 Euro setzen die 44 Vollbeschäftigten seither im Jahresdurchschnitt mit dem Verkauf von Schmuck um, während nochmals 40.000 Euro durch andere Programme eingenommen werden. Bei einer Drei-Tage-Woche gewährt das Tourismusunternehmen den Arbeitern 150 Euro pro Monat, was laut Möhle den dort üblichen Lebensstandard klar übersteigt. Angesichts der Goldgrubenqualitäten seiner Idee dürfte es nun auch kaum ernsthaft überraschen, dass er sein Projekt schnellstmöglich auf weitere Ethnien ausdehnen möchte, um – so Möhle – “auch anderen Stämmen die Chance zu bieten, ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben zu führen.”
Seine Maßnahmen vermögen den heutzutage meist als Farmer angestellten und in überdurchschnittlicher Zahl von Alkoholmissbrauch betroffenen San sicher dazu verhelfen, ihren Lebensunterhalt angemessen zu bestreiten. Dass viele Menschen damit zugleich eine soziale Aufwertung erfahren, weil sich weit gereiste Touristen für ihre Kultur zu interessieren scheinen, liegt ebenfalls auf der Hand. Gleichwohl sind Zweifel erlaubt, ob es tatsächlich den Lebenswünschen der San entspricht, ihr Gemeinschaftsleben auf diese Weise radikal umzustellen und von der Wiege bis zur Bahre als museale Objekte zu fungieren. Letztlich kann Möhle noch so sehr betonen, sein Wirken sei von Selbstlosigkeit und Respekt vor der Bewahrung einer bewundernswerten Kultur motiviert, das konsequent-penible Aussparen seiner unternehmerischen Mission schwingt in jedem einzelnen Satz dennoch mit.
Bei den erwähnten Umsatzzahlen nämlich dürfte die Interpretation nicht allzu gewagt anmuten, wonach es in erster Linie der reine Profit ist, der hier als Triebfeder seines Handelns offenbar wird. Daran allein ist natürlich nicht das Geringste auszusetzen, zumal sich als Nebenwirkung der materielle Lebensstandard der San verbessert zu haben scheint. Doch sollte man sein Publikum schon im Interesse der eigenen Glaubwürdigkeit nicht für blöder halten, als es ist.
von Christian Baron



22. Januar 2010 (15:46 Uhr)
Gut der Artikel. – Die Überschrift als Motto (Programm) könnte auch den Kirchen dienen. Auch allen Politikern. – Lieben wir unsere Nächsten wie uns selbst?