“Der Anrufer bestimmt die Krise”

Im vergangenen November ging ein für Rheinland-Pfalz einzigartiges Pilotprojekt an den Start: der “Psychosoziale Krisendienst”, der an Wochenenden und Feiertagen  zwischen 12 und 24 Uhr ein offenes Ohr für Menschen in  psychischen Notlagen hat. Das Angebot ist kostenlos und anonym, unter anderem zählen auch mehr als 30 Studierende des Fachs Psychologie der Universität zum Team, das ausnahmslos ehrenamtlich arbeitet. 

TRIER. “Vergiss es, das kriegst du in Trier niemals hin”. Diesen Satz hörte Dieter Ackermann oft als er den Plan hatte, einen telefonischen Krisendienst speziell für Wochenenden und Feiertage einzurichten. “Unnötig” nannten die Gegner das Vorhaben, die Region sei psychiatrisch sehr gut aufgestellt, ein Sorgentelefon gebe es schon seit Jahren, wozu also noch ein Angebot? Dabei waren es Betroffene selbst und deren Angehörige, von denen die Initiative ausging. Vor allem psychiatrische Patienten, die nicht in Einrichtungen lebten, litten darunter, an Wochenenden völlig auf sich allein gestellt zu sein, erinnert sich der Psychiatrie-Koordinator für die Region Trier.

Es war also einiges an Überzeugungsarbeit nötig, bevor im vergangenen November erstmalig der Psychosoziale Krisendienst ans Netz gehen konnte. Mit dem “Haus der Gesundheit” hatte man einen Träger gefunden und im Trierer Gesundheitsamt in der Paulinstraße die nötigen Räume, die am Wochenende leer und somit frei standen. Seitdem nimmt samstags, sonntags und an Feiertagen ein geschultes Beraterteam die Anrufe entgegen. Gebildet werden die Tandem-Teams aus je einem professionellen Seelsorger und zwei Studierenden der Psychologie.

“Unsere Zielgruppe sind vor allem diejenigen, die nicht oder nur leicht in die bestehenden psychiatrischen Strukturen eingebettet sind”, erklärt Werner Quetsch, Leiter des
Gemeindepsychiatrischen Betreuungszentrums in Hermeskeil. Quetsch übernimmt regelmäßig Telefondienste: “Vielschichtig” seien die Sorgen, mit denen die Mitarbeiter des Krisendienstes konfrontiert würden. Ungefähr drei Viertel der Anrufer, schätzt er, waren oder sind in einer psychotherapeutischen Behandlung. Damit bilden sie einen Großteil, aber nicht den ausschließlichen Nutzerkreis des Angebots. “Der Anrufer bestimmt die Krise”, fasst er das Angebot zusammen.

Anrufen kann jeder, der mit einer aktuellen Situation in seinem Leben nicht fertig wird. Ein Aspekt, der Professor Bernd Krönig, Leiter des Trägervereins “Haus der Gesundheit”, besonders wichtig ist: “Jeder Mensch befindet sich einmal in einer Situation, die er nicht alleine stemmen kann. Aber vielleicht hat er niemanden, an den er sich wenden könnte”, gibt Krönig zu bedenken. Wie das klassische Sorgentelefon funktioniert der Krisendienst ebenfalls anonym und kostenlos. Was ihn von diesem Angebot unterscheidet, sind die weiterreichenden Möglichkeiten: Anrufer können persönlich beim Team im Gesundheitsamt vorbeikommen und sich vis-à-vis mit den psychologisch geschulten Beratern unterhalten. Wird im Gesprächsverlauf deutlich, dass eine hohe Selbsttötungsabsicht oder Fremdgefährdung vorliegt, arbeitet das Team mit der Polizei zusammen. Fälle, die in der kurzen Geschichte des Krisendienstes durchaus schon eingetreten sind.

Mehr als 30 Studierende im Team

In den Augen von Bernd Krönig ist es ein gesellschaftliches und strukturelles Defizit, das die Krisenhotline ausfüllt: “Nicht zuletzt die Abnahme der zwischenmenschlichen Empathie macht ein solches Angebot überhaupt erst nötig”, merkt der ehemalige Chefinternist des Elisabeth-Krankenhauses an. Zu den schwierigen Aufgaben des Teams gehört auch, zu differenzieren, ob es sich beim Anrufer “nur” um eine melancholische Verstimmung oder aber um eine Depression im klinischen Sinne handelt, die einer Therapie bedarf.

Weil das keine leichte Aufgabe ist, gehören zum Team auch ausschließlich Psychologie-Studierende, die sich bereits im Hauptstudium befinden. Über 30 Studierende der Universität sind beim Krisendienst tätig und nehmen die Möglichkeit zur Praxiserfahrung dankbar an: “Man hat selten die Möglichkeit, eine so langfristige Erfahrung zu sammeln”, findet Katharina Helming, die vor Kurzem ihr Studium abgeschlossen hat. Zudem sei es interessant, auch selber am Telefon sitzen zu dürfen und direkten Kontakt zu haben, ergänzt ihre Kommilitonin Jenna Golda.

In Zukunft wollen die Organisatoren sich darum bemühen, das Angebot flächendeckend bekannt zu machen. Dutzende Anrufer haben die Hotline (0651-715-517) bereits in Anspruch genommen. Dieter Ackermann, der Initiator, wehrt sich allerdings dagegen zu definieren, ab wie vielen Anrufern sich das Angebot gelohnt haben wird: “Es ist ein wenig wie mit Zahnschmerzen”, sagt er, “sobald man weiß, dass man zu einem Arzt gehen könnte, nehmen die Schmerzen bereits ab”.

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5 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Psychologiestudent schreibt:

    Als einer der Psychologiestudenten, die beim Krisendienst tätig sind, freue ich mich darüber, etwas über uns auf 16vor zu lesen. Ein großes Problem des Krisendienstes ist, dass er noch nicht ausreichend bekannt ist und solche Artikel tragen sicher dazu bei, dieses Problem zu lösen.
    Es gehört allerdings keinenfalls zu den Aufgaben des Krisendiensts, “zu differenzieren, ob es sich beim Anrufer “nur” um eine melancholische Verstimmung oder aber um eine Depression im klinischen Sinne handelt, die einer Therapie bedarf.”. Eine solche Diagnose kann nur ein dazu ausgebildeter und erfahrener Psychologe vornehmen, der über ausreichend Zeit und eine Vielzahl standartisierter Testverfahren verfügt.

  2. Linde Andersen schreibt:

    Dieses Angebot ist ohne jeden Zweifel gut. Was ich lediglich zu bedenken gebe, ist die Tatsache, dass es auch Kinder in entsprechenden Situationen gibt, für die dieses Angebot ebenfalls in einer zweckmäßigen Form erfolgen müsste.

    Linde Andersen

  3. Tausch schreibt:

    Als professionelle Ehrenamtliche im Krisendienst freue auch ich mich über die Berichterstattung bei 16vor. Deutlich distanzieren möchte ich mich allerdings davon, als Seelsorgerin bezeichnet zu werden. Ich sorge mich nicht um die Seele im kirchlichen Kontext. Psychische und psychiatrische Krisen sind Krisen von Menschen, die in oder an ihrer Seele/Psyche leiden” – und sie haben einen Körper, einen Geist, eine Biografie und ein soziales Umfeld. Ich möchte Menschen in Krisen etwas anbieten. Und was ich anbieten möchte, orientiert sich an dem, was nötig und machbar ist.

  4. Kathy Kreuzberg schreibt:

    Ganz schön viel Haarspalterei seitens der Kommentatoren, die dem besagten Krisendienst angehören. *kopfschüttel*

  5. Linde Andersen schreibt:

    Liebe Frau Kreuzberg!
    die Leserbriefschreiber bemühen sich, den vorliegenden Artikel durch Fakten und reguläre Erkenntnisse in diesem Bereich zu ergänzen. m.E. gibt es hier keine Widersprüche, das Thema ist ausgesprochen komplex und für mich wird lediglich die Bemühung um Verdeutlichung dieser notwendigen, aber auch die durch hohe Konzentration der Diensthabenden gekennzeichnete Arbeit beschrieben

    Mit freundlichen Grüssen

    Linde Andersen

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