Ein Spiel für den Giftschrank

Mit 85:86 verliert die TBB eine ebenso hochspannende wie niveauvolle Partie gegen die Eisbären Bremerhaven – mit der Schluss-Sirene und durch eigenes Verschulden. Beide Teams spielten mit topaktuellen Neuverpflichtungen – während Drew Neitzel auf Trierer Seite allerdings kein Faktor war, erzielte Andrew Drevo den Siegtreffer für Bremerhaven.

TRIER. Es gibt Spiele, an die erinnert man sich noch nach Jahren – der Trierer Traumsieg gegen Alba Berlin im Jahr 1998, der Charly Browns Legendenstatus zementierte, ist das beste Beispiel dafür. Und dann gibt es die Spiele, an die man sich erinnert, obwohl man das nicht will – Asterix-Leser kennen den Spruch “Wir wischen nischt, wo dieschesch Aleschia liegt”. Zu diesen Erinnerungen gehört unzweifelhaft der 21. Spieltag der BBL-Saison 2009/2010: TBB Trier gegen Eisbären Bremerhaven.

Die TBB hatte über weite Strecken den Tabellen-Dritten aus Bremerhaven dominiert, hatte zeitweilig mit zwölf Punkten geführt und sich auch nicht von einigen sehenswerten Comebacks der Gäste aus dem Konzept bringen lassen. Die Sensation lag also in der Luft – doch dann kam eine Schlussphase, die leider doch in den Giftschrank der jüngeren Trierer Basketball-Geschichte gehört. Zu einem BJ McKie, der sich in der Verlängerung gegen Alba Berlin auf den Fuß dribbelt; zum Leverkusener Gordon Geib, der in der ersten von drei Verlängerungen einen Dreier aus der eigenen Hälfte trifft; zu den beiden Tübinger Buzzerbeatern von Igor Perovic und AJ Moye – und eben auch zu Miladin Pekovic, der jüngst in Frankfurt im entscheidenden Augenblick die falsche Entscheidung traf.

Der Beginn war beidseits verhalten – es brauchte einige Zeit, bis sich die Partie zu einem der besten in der Arena ausgetragenen Spiele entwickeln konnte. Trier konnte sich gegen die verschlafen wirkenden Eisbären durch fünf Punkte von Evans und einem eiskalten Fastbreak-Dreier von Pekovic auf 14:7 absetzen, als Bremerhavens Coach Doug Spradley genug gesehen hatte und zur Auszeit rief. Trier konnte die Führung noch kurz halten, dann wachten die Eisbären auf – der unermüdlich ackernde Stiernacken Jeff Gibbs (effizientester Spieler der Liga mit sehenswert auf 188 Zentimetern verteilten 110 Kilo) und der erst kurz zuvor in Deutschland angekommene Eisbären-Neuzugang Andrew Drevo beendeten einen 0:7-Run für die Gäste; Drevos Dreier zur Viertelpause bedeutete das 21:22.

Trier blieb dran, hatte eine gute Mischung aus Inside und Outside gefunden und traf vor allem hochprozentig. Vor allem Miladin Pekovic lieferte wieder eine starke Partie ab, traf einen Dreier zum 38:34, erkämpfte sich wenig später den Ball und schickte Chris Copeland auf die Reise, der zum 43:36 abschließt. Mit 49:41 ging es in die Pause, dem vorangegangen war ein umstrittener Buzzer Beater von Jamal Shuler zum 46:39 – eine Fehlentscheidung des schwachen Schiedsrichtergespanns – sowie ein weiterer Dreier von Pekovic, der die Führung erstmals zweistellig machte (49:39).

Die zweite Hälfte sah stärkere Gäste, die sich unter Führung des routinierten Point Guards Lou Campbell den Trierern entgegenstellten. Trier wirkte wackeliger als im zweiten Viertel und hatte Probleme mit einer deutlich verbesserten Bremerhavener Verteidigung. Die TBB konnte den Vorsprung aber durch mannschaftliche Geschlossenheit halten; Chris Copeland sorgte für das Trierer Highlight des Viertels, als er nach mehreren missglückten Versuchen den Ball mit unglaublicher Energie durch die Reuse stopfte – 57:47, Siegeswille deutlich artikuliert. Höhepunkt im Spiel der Eisbären war ein spektakulärer Kick-Out-Pass von Campbell auf Drevo, der zum 65:58 abschloss – ein Topspiel.

Im vierten Viertel zog Bremerhaven die Zügel weiter an, die gute Defense produzierte Trierer Ballverluste, die schnelle Offensive ein Unsportliches Foul von George Evans – der 67:60 Vorsprung zur Viertelpause war auf 67:66 geschmolzen, Auszeit Trier. Die Gastgeber fingen sich, Dreier von Pekovic und Raivio bedeuten das 79:75, Jamal Shuler beantwortet einen Dreier von Louis Campbell eiskalt zum 82:78 – Showdown in der Arena.

Und dann ging schief, was nur schief gehen kann. Yves Defraigne musste machtlos zusehen, wie mehrere individuelle Fehlentscheidungen nacheinander 39 Minuten exzellenter Arbeit zunichte machten.

17,6 Sekunden zu spielen, Stand 83:80, zwei Freiwürfe für Chris Copeland. Er trifft den ersten. Defraigne gibt Order, den zweiten absichtlich zu verwerfen – auch wenn die Eisbären den Rebound kriegen sollten, kann deren Coach Doug Spradley dann keine Auszeit mehr nehmen; Defraigne wollte genau das verhindern, da die Gäste bisher aus allen Auszeiten stark zurück gekommen waren. Copeland gibt sich redlich Mühe und schießt eine schöne Bogenlampe, die allerdings genau von oben durch den Ring fällt: 85:80, Auszeit Bremerhaven.

Die Eisbären wollen schnell abschließen, der stark spielende Brandon Brooks geht an George Evans vorbei, der ihn gewähren lassen müsste: nur zwei Punkte für Bremerhaven bei eigenem Ballbesitz wären goldrichtig. Doch Evans foult, Brooks trifft und verwandelt seinen Bonusfreiwurf: 85:83. Ein grober Anfängerfehler vom ältesten Spieler der Liga – Auszeit TBB, danach Einwurf von der Mittellinie bei verbleibenden 11,8 Sekunden.

Pekovic wird innerhalb der vorgeschriebenen fünf Sekunden gegen harte Bremerhavener Verteidigung den Ball nicht los, weil niemand sich freiläuft – Ballbesitz Bremerhaven. Trier verteidigt gut, entscheidet sich – zu Recht – gegen ein Foul. Und in der letzten Sekunde drückt ausgerechnet Andrew Drevo, mit der Hand von Chris Copeland im Gesicht, von jenseits der Dreierlinie ab. Im Flug ertönt die Sirene, der Dreier sitzt und der Korb zählt – 85:86. Der Neu-Eisbär ist wahrscheinlich noch nicht einmal dazu gekommen, in Bremerhaven seinen Wohnsitz anzumelden, hat aber bereits in 13 Minuten 14 Punkte für sein neues Team gemacht, darunter den “Game-Winner”. Ein denkwürdiges Spiel mit falschem Ausgang. Die Eisbären bleiben hart auf Playoff-Kurs und stehen auf Platz 2, Trier ist aktuell Tabellendreizehnter.

Beste Trierer:

Jamal Shuler: 19 Punkte, 5 Rebounds, 6 Assists, 3 von 6 Dreiern – “Shu” war hellwach und machte die “big points”.

George Evans: 14 Punkte, 100 Prozent aus dem Feld, 6 Rebounds, 3 Blocks – und dann das falsche Foul…

Miladin Pekovic: 17 Punkte, 4 Assists, 5 von 5 Dreiern, ganz stark in der Verteidigung – es wäre das perfekte Spiel gewesen, einmal mehr wurde er am Ende zum tragischen Helden.

Nachtrag: Dass an diesem Spiel wirklich alles dran war, was der Basketballsport zu bieten hat, zeigt das letzte Detail: Die TBB hat Beschwerde gegen die Wertung der Partie eingelegt, weil “begründete Zweifel über die Spielberechtigung von Andrew Drevo” vorliegen. Es bleibt also spannend…

von Tom Rüdell

6 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Chris schreibt:

    Hi Tom!

    Das ist der beste Basketball-Artikel, den ich seit langem gelesen hab… das tut ja noch beim lesen weh ;-). Respekt und mach weiter so!

    Chris

  2. Heiko Schmitz schreibt:

    Ja, wirklich perfekt!
    Da macht das Lesen sogar bei einer solchen Niederlage noch Spaß!

    Klasse!

    VG

    Heiko

  3. Chrisotph schreibt:

    “Buzzer Beater von Jamal Shuler zum 46:39 – eine Fehlentscheidung des schwachen Schiedsrichtergespanns –”

    Wieso war das eine Fehlentscheidung? Er hat gezählt und es ist richtig so!! Der Ball wurde definitiv vor Ablauf der 24 Sekunden Uhr losgelassen.

    Ansonsten fehlt mir noch die Kritik am Trainer. Denn, er hat ohne Grund die gut Spielenden Evans und Raivio im 1. Viertel ausgewechselt und somit kam der Lauf der Eisbären zustande.

    Des Weiteren hätte Pekovic (was man in der C-Jugend lernt) den Ball einfach gegen die Beine eines Gegenspielers werfen können.

  4. Tom schreibt:

    Hallo, Christoph;

    die Frage, ob ein Buzzer zählt oder nicht, wird ohne Videobeweis oder zumindest optische Signalgeber an der Korbanlage niemals endgültig geklärt werden können – 3000 Zuschauer, 3000 Perspektiven. Von meiner Position (entgegengesetztes Spielfeldende, aber Shuler genau “auf 12 Uhr”) war der Ball definitiv noch in der Hand, als der Buzzer ging, und as ziemlich deutlich – diesen Eindruck bestätigten mir mehrere Kollegen von anderen Positionen beim Pausengespräch.

    Gerade weil diese Entscheidung teuflisch schwer zu fällen ist, möchte ich meine Schiedsrichter-Kritik ausdrücklich nicht alleine an diesem Buzzer fest machen – die No-Calls gegen Neitzel und ausbleibende Drei-Sekunden-Pfiffe gegen Gibbs waren da um einiges eindeutiger.

    Bei Pekovic muss ich leider zustimmen – er hätte ihn nun wirklich IRGENDWO hin werfen können. Da fehlt noch ein bisschen was zum echten Clutch Player…

  5. Chrisotph schreibt:

    Naja Jamal Shuler stand auf 45 Grad und bei der Wetung hat sich kein Spieler der Eisbären beschwert, also bin ich mir sehr sicher das dies eine Richtige Entscheidung der Schiedsrichter war und keine Fehlentscheidung!

  6. Tom schreibt:

    Doug Spradley hat sich an diesem Abend über ALLES beschwert :-)

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