Der Mythos lebt

Mit dem Musical “Cabaret” zeigt das Theater Trier Unterhaltungskunst auf höchstem Niveau. Glänzend aufgelegte Sänger, Tänzer, Schauspieler und ein hinreißend swingendes Orchester lassen das vergnügungsüchtige und politisch aufgeladene Berlin der 1930er Jahre lebendig werden. Da stimmen Performance, Gesang, Tanz, Timing und Bühnenbild. Das Stück ist mit seinen anrührenden und zeitkritischen Momenten weit mehr als eine flotte Revue der “Cabaret”-Klassiker – und hat das Zeug zum Publikumsmagneten.

TRIER. Die Liebesgeschichte um die lebenslustige Nachtclub-Sängerin Sally Bowles und den amerikanischen Schriftsteller Cliff Bradshaw führt in das sagenumwobene Berlin der 1930er Jahre, mit seinen Lastern, seiner verzweifelten Anarchie und dem aufkommenden Nationalsozialismus. Wie können die Protagonisten ihr privates Glück leben in einer Welt der allgegewärtigen Politisierung und Massenpsychose?

Die Trierer Inszenierung (Regie: Peter Zeug) lässt die geradezu zwangsläufige Assoziation von “Cabaret” mit Liza Minelli als der Verkörperung der Sally Bowles vergessen. Sie kopiert nicht die oskarprämierte Filmversion von 1972, sondern schafft mit dem wundervollen Ensemble ein eigenständiges Bühnenstück.

Der Schauspielerin Sabine Brandauer als Sally Bowles ist dennoch der Respekt vor den großen Fußstapfen des Weltstars anzumerken. Doch sie meistert die sängerischen und tänzerischen Herausforderungen und sollte sich bedenkenlos in die Rolle fallen lassen. Helge Gutbrod als amerikanischer Schriftsteller Clifford Bradshaw und Liebhaber Sallys überzeugt mit Sensibilität und Leidenschaft.

Mit herausragender sängerischer und körperlicher Präsenz zieht Peter Koppelmann als Conférencier alle Register des Verführers, der auf den jeweils angesagten Wellen mitschwimmt. Dem Rollenklischee des Lasziven und Diabolischen gibt er eine gehörige Portion Verachtung mit, und es entsteht die Doppelbödigkeit mit dem gewissen Etwas.

Im Trierer Bühnen-Musical nehmen, anders als im berühmten Film, die Nebenfiguren und -handlungen einen größeren Raum ein, so zum Beispiel die aufkeimende Liebe zwischen Fräulein Schneider und Herr Schultz, die durch die Rassenhetze der Nazi zerstört wird. Angelika Schmid und Hans-Peter Leu spielen und singen die Liebe im Alter wunderbar subtil, relaxt und verhalten ironisch. Eine weitere Entdeckung ist das männerfressende (bevorzugt Matrosen) Fräulein Kost, von Vanessa Daun mit Lust und Schalk verkörpert.

Die Choreographie (Sven Grützmacher, Peter Zeug) changiert zwischen erotisch aufgeladenem Grotesktanz und Revue-Elementen, zwischen Totentanz und Komik. Die wunderbaren Tänzer haben Spaß daran, so vielseitig gefordert zu sein, und stellen neben ihren tänzerischen auch ihre komödiantischen und zum Teil auch sängerischen Qualitäten unter Beweis.

Das geniale Bühnenbild von Anita Rask-Nielsen ermöglicht fast unmerklich ineinander greifende Szenenwechsel, indem es die jeweiligen Spielräume in die Vorstellungskraft des Zuschauers verlegt. Der Bühnenraum zeigt den Blick in das Innere einer Kamera und spielt mit dem medialen Verhältnis von Film, Foto und Bühne. Überdimensionale Filmstreifen evozieren ganz en passant eine Art-Deco-Ästhetik mit dem Zeitbezug zu den 1930er Jahren.

Die Inszenierung ist extrem gut getimet – flott bis rasant in den Show-Teilen und angenehm unhektisch in den Beziehungssequenzen. Das Trierer Orchester unter der Leitung von Christoph Jung spielt die weltbekannten Musical-Klassiker ungeheuer mitreißend und präzise, und so mancher Zuschauer wippte begeistert mit.

Mit “Cabaret” hat das Trierer Theater ein kleines Gesamtkunstwerk geschaffen, in dem alle Elemente – Musik, Gesang, Tanz, Schauspiel, Bühnenbild, Kostüme und das famose Ensemble – eine echte Symbiose eingehen. Große Unterhaltung mit Tiefgang für ein enthusiastisches Publikum.

Weitere Aufführungen: 2. Februar, 20 Uhr; 6. Februar, 19.30 Uhr; 14. Februar, 16 Uhr; 19. Februar, 20 Uhr; 21. Februar, 19.30 Uhr; 24. Februar, 20 Uhr; 26. Februar, 20 Uhr und 28. Februar 19.30 Uhr.

von Christa Blasius

1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Peter Spang schreibt:

    Eine geniale Umsetzung dieses am Ende dramatischen Werkes ist dem Trierer Theater gelungen.

    Glückwünsche an alle Beteiligten und insbesondere an Peter Koppelmann, Angelika Schmid und an das Ballett-Ensemble.

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