“Die Entscheidung ist mehr oder weniger willkürlich”
Die drei, seiner Meinung nach besten amerikanischen Romane des Jahres 2009 stellt Hubert Spiegel (gemeinsam mit den Literaturwissenschaftlern Dr. Martin Genetsch, Professor Gerd Hurm und Professor Wolfgang Klooß) heute um 19 Uhr beim 2. Trierer Literaturgespräch zu aktueller amerikanischer Literatur in den Viehmarktthermen vor. Ausgewählt hat der ehemalige Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Werke “Solange du lebst” von Louise Erdrich, “Empörung” von Philip Roth und “Retter der Welt” von John Wray. Im Interview mit 16vor erklärt der Journalist unter anderem, wie die Auswahl zustande kam.
16vor: In den USA erscheinen jedes Jahr mehrere Tausend Romane. Wie wählt man daraus die besten drei aus?
Hubert Spiegel: Diese Entscheidung muss mehr oder weniger willkürlich getroffen werden. Nicht in jedem Jahr ist das Angebot gleich groß und gleich gut. Aber ich hätte auch mit guten Gründen den einen oder anderen Titel aus dieser Dreierliste gegen einen anderen auswechseln können. Diese Zusammenstellung soll natürlich auch unterschiedliche Strömungen, unterschiedliche Tendenzen, unterschiedliche Themen deutlich werden lassen.
Wenn man sich beispielsweise überlegt, was Louise Erdrich und Philip Roth gemein haben – ein alter jüdischstämmiger Autor, der auf die 80 zugeht, und eine Autorin der mittleren Generation, mit einem indianischen Hintergrund –, dann haben die erst einmal gar nichts miteinander zu tun. Dass ihr Philip Roth auf dem Klappentext bescheinigt, mit ihrem neuen Roman den Zenit ihres Könnens erreicht zu haben, war für mich nicht ausschlaggebend. Das habe ich auch ziemlich spät erst wahrgenommen. Wenn man das und auch noch das Buch von John Wray nebeneinanderstellt, zeigt das, wie breit das Spektrum ist. Und dass nach wie vor die amerikanische Literatur immer noch sehr stark davon profitiert, dass sich in diesem Land sehr viele Ethnien mischen.
16vor: Was sind ihre wichtigsten Kriterien bei der Bewertung eines Romans?
Hubert Spiegel: Ich glaube, es kommen mehrere Sachen zusammen. Die Sprache spielt natürlich eine große Rolle. Die literarische Qualität ist ausschlaggebend. Dann die Frage, wie der Roman gebaut ist, aus welcher Perspektive erzählt wird und wie es technisch gemacht ist. Auch die Emotionalität spielt eine Rolle. Es gibt Romane, die sehr kalt geschrieben sind, und es gibt Romane, die ihre Leser berühren wollen. Dann ist auch das ein Kriterium, wenn sich ein Autor das erkennbar vorgenommen hat.
Auch die Thematik spielt eine Rolle. Das Buch von Philip Roth spielt in den 50er Jahren, John Wray in der Gegenwart, nach 9/11, und der Roman von Louise Erdrich umfasst etliche Jahrzehnte. Diese Zusammenstellung hat mir gut gefallen. Man sieht, bei Autoren dieser Qualität ist es egal, welche Zeit sie sich rausnehmen.
16vor: Lesen Sie die Werke im Original oder in der Übersetzung?
Hubert Spiegel: Ich lese die Übersetzungen. Manchmal schaue ich mir das Original an, wenn ich Übersetzungsfragen habe. Man denkt ja manchmal: Moment, dieser Satz ist so komisch, da kann irgendwas nicht stimmen. Oder man versteht es nicht, weil der Übersetzer vielleicht einen Fehler gemacht hat. Dann schaue ich mir das im Original an.
16vor: Wie oder wann wurde Ihr Interesse für Literatur geweckt? Kam das durch Studium?
Hubert Spiegel: Viel früher. Ich habe mein ganzes Leben lang gern gelesen.
16vor: Und wo und wann lesen Sie am liebsten?
Hubert Spiegel: Wenn das Buch gut ist, kann ich immer und überall lesen. Wenn es schlecht ist, brauche ich Ruhe. Aber ich nehme jede Gelegenheit dazu wahr. Ich lese gerne im Zug, aber am liebsten zuhause. In Ruhe, in einem bequemen Lesesessel.
16vor: Besitzen Sie ein Kindle oder ein anderes Lesegerät oder planen sie dessen Anschaffung?
Hubert Spiegel: Ich habe ein Kindle. Den habe ich allerdings zu Recherchezwecken angeschafft, weil ich darüber geschrieben habe. Da musste ich mir das Ding natürlich anschauen. Zu meiner Überraschung habe ich die Erfahrung gemacht: Ja, man kann damit lesen. Man kann damit auch lange Texte lesen, man kann damit Literatur lesen. Es hat den Vorteil, dass man sehr viele Bücher auf einmal in einem sehr kleinen Gerät transportieren kann. Aber auf das sinnliche Erlebnis – wenn man ein schönes Buch in der Hand hat – muss man beim Kindle oder bei den Konkurrenten verzichten. Das werden die auch nicht ersetzen können.
Hier finden Sie den Artikel zur Premiere des Trierer Literaturgesprächs zu aktueller amerikanischer Literatur im vergangenen Jahr.


