Jazz-Klassiker reduziert auf das Wesentliche
Guter Jazz lebt von dem Wechselspiel der Musiker innerhalb einer Combo. Von ihrem Gespür, sich in eine gemeinsame Atmosphäre einzufinden, den Stil des vorangehenden Soloparts aufzugreifen und um den eigenen zu erweitern. Das bestätigte der Jazzgitarrist Dany Schwickerath auch im Gespräch mit 16vor. Und beschrieb die Chancen und Risiken eines Projekts, das den Jazz auf Gitarre und Gesang reduziert. So zu hören auf der CD “Hidden Waltz”, die er gemeinsam mit der niederländischen Sängerin Edith van den Heuvel aufnahm.
TRIER. Innerhalb von zwei Tagen war die CD im Studio eingespielt. Sechzehn Stücke in einer Gesamtlänge von gut vierzig Minuten stellen für Schwickerath “eine Momentaufnahme eines Weges” dar, sind wie ein Snapshot, der einen ganz bestimmten Abschnitt der Zusammenarbeit zwischen dem Gitarristen und der Sängerin Edith van den Heuvel eingefangen hat.
Perfektionismus ist demnach kein treffendes Schlagwort in der Beschreibung dieser Aufnahmen und war auch nicht der Anspruch des Duos. Vielmehr bietet die CD Einsichten in die Arbeitsweise dieser beiden Musiker in ihrer kreativen Koproduktion: Stets geht es um Freude am Spiel und an dem Stück, das durchaus eine technische Herausforderung sein darf, dabei aber die nötige Leichtigkeit in der Umsetzung nicht untergraben soll. Gemeinsam gilt es, so Schwickerath, “den Kern des Stücks zu finden, die Aussagen zu verstehen und zu füllen”. “Die Aneignung des Songs macht ihn zum eigenen”, wobei es durchaus einmal passieren kann, dass man unbewusst “den eigenen Hörgewohnheiten auf den Leim geht” und den Stil der großen Jazzer adaptiert. Doch auch diesem Klangbild geht das Erarbeiten der harmonischen Struktur voran, mit der sich Schwickerath akribisch auseinandersetzt, um auf ihr eine originelle Auslegung des Titels aufzubauen.
Zur Aufnahme kommt es nicht etwa nach wochen- oder tagelangem Üben, sondern ad hoc im Studio. Das ermöglicht die Präsentation des für den Jazz Typischen – die freie Gestaltung des Titels, indem sich die Musiker darauf einlassen und etwas versuchen, während sie sich gleichzeitig “verantwortlich gegenüber der Musik fühlen”. Wie bei einem Live-Auftritt kann das gelingen oder scheitern. “Die seltenen Momente sind kostbar – und schön.”
Und so finden sich auch auf der CD gelungene, aber auch für meinen Geschmack zu oberflächlich interpretierte Stücke. Gelungen sind sie da, wo die perfekt ausgebildete Stimme van den Heuvels sich voll entfalten kann und ihre Leichtigkeit die Texte trägt, wie etwa bei “Dindi” oder “Joy Spring”. Diese Unbeschwertheit wird jedoch dort zum Manko, wo der Inhalt eines Liedes differenziertere Emotionen verlangt. Zwischen einem melancholischen “Once I loved” und einem ängstlichen “Never let me go” ist in stimmlicher Hinsicht kaum ein atmosphärischer Unterschied auszumachen, den hingegen der Gitarrist herausarbeitet.
Das wird besonders auffällig an dem Titel “When lights are low”, der sowohl als Opener der CD fungiert, wie auch als Ausklang der Folge von Jazzklassikern, bevor “Come together” den Schluss bildet. Schwickerath präsentiert in dieser zweifachen Wahl die Interpretationsfähigkeit des Jazz – und damit natürlich auch sein eigenes Talent, einen Song auf unterschiedlichste Weise aufzufassen und zu transportieren. Verspielt-rhythmisch in der ersten Aufnahme, wandelt er im zweiten Ansatz die Aussage in eine eher träumerisch-beschwingte Szenerie. Van den Heuvel greift diese Möglichkeit einander ergänzender Interpretationen aber leider nicht auf. Ihre Stimme bleibt perfekt, erweist sich jedoch als wenig wandlungsfähig. “Come together” fehlt es gerade deswegen an Temperament.
Nun verteidigt Schwickerath diesen Vorwurf fast schon überzeugend mit der Überlegung, er habe zu oft mit Sängerinnen gearbeitet, die zu viel wollten, die Inhalte der Stücke überbetonten und aufgesetzt klangen. Da sei ihm van den Heuvels Gelassenheit sehr viel lieber. Tatsächlich umgibt die CD eine abgeklärte Stimmung, die hier überhaupt nicht schlecht geredet werden soll, weil sie beide Musiker in ruhigen Einklang bringt, keiner sich in den Vordergrund drängt auf Kosten des andren.
Fazit: Freunde eines coolen, relaxten Grundtons im Jazz werden diese CD ebenso genießen, wie solche, die Spaß daran haben, zwei sehr guten Musikern genauestens zu lauschen. Da jedweder klangliche Hintergrund ausgeblendet ist, können sich die Ohren ganz auf Gitarre und Gesang einstellen. Das Duo Dany Schwickerath und Edith van den Heuvel bringt dem Hörer ihrer Aufnahme “Hidden Waltz” das Gefühl eines Live-Auftritts direkt ins Wohnzimmer. Wer es leidenschaftlicher und atmosphärisch dichter liebt, muss hier Abstriche machen.
Die CD ist bei Portabile Music erschienen und für 15 Euro im Handel erhältlich. Live kann man sich vom Können der Musiker am morgigen Sonntag um 20 Uhr im Chat Noir überzeugen, wo sie ihre CD vorstellen werden.
von Annika Hand


