“Wir mussten auf das Mögliche umschalten”

“Haute Couture” für den Laufsteg, ausgefallene Kollektionen, eigene Marke – mit Modedesign verbinden Laien häufig Glamour. Für viele muss Mode aber nicht nur schön, sondern eben auch tragbar, praktisch und erschwinglich sein. Daher brauchen auch die Textilproduzenten Designer, die für Privat- und Geschäftskunden die richtigen Schnitte anfertigen. Studentinnen des Studiengangs Textildesign/Modedesign der Fachhochschule Reutlingen haben nun erste Erfahrungen mit dem Zusammentreffen akademischer Ausbildung und unternehmerischem Pragmatismus gemacht: Für das Trierer Traditionsunternehmen  Holzland Leyendecker entwickelten sie ein Konzept für die “Corporate Fashion” der Mitarbeiter.

TRIER/REUTLINGEN. “Corporate fashion” bedeutet Kompromiss: “Wir mussten von künstlerischer Freiheit auf das Mögliche umschalten”, beschreibt eine der fünf angehenden Designerinnen die Herausforderung, die eigenen Vorstellungen zugunsten finanzieller, logistischer und betrieblicher Voraussetzungen zurückzustellen. Bisher waren die Reutlinger Studentinnen Miriam Bossert, Hanna Erz, Annelie Gross, Karoline Ihling, Lena Langegger es eher gewohnt, sich in ihrem Studium künstlerisch zu verwirklichen; sich auf die Bedürfnisse eines Kunden einzulassen, war für alle eine neue Erfahrung. Dozentin Brigitte Scheufele hält diese Erfahrung jedoch für wesentlich: “Wenn man die gestalterische Welt gerade entdeckt, ist es geradezu eine Zumutung, andere Vorstellungen anzunehmen – aber anders geht es nicht, das muss man lernen”.

Die Professorin der Fakultät für Design war bei einem Branchentreffen mit der Firma Leyendecker in Kontakt gekommen und hatte die Kooperation initiiert, die als Industrieprojekt Teil des Bachelorstudiengangs Textildesign/Modedesign an der Fachhochschule Reutlingen ist. In den letzten Jahren sei es wegen der anhaltenden wirtschaftlichen Rezession schwieriger gewesen, Partner aus der Wirtschaft zu finden. Bezahlt ist das Projekt nicht, die Arbeit der Studierenden wird aber als Prüfungsleistung benotet. Sei Semesterbeginn im Oktober hatten mehrere Teams aus jeweils vier bis fünf Studierenden unabhängig voneinander an der Entwicklung eines Modekonzepts gearbeitet.

Dabei ging es vor allem darum, im Handel verfügbare Kleidung hinsichtlich ihrer Materialien und ihrer Farbe zu einem schlüssigen Gesamtkonzept zu kombinieren – selbst entworfen haben die Studierenden lediglich eine Krawatte und ein Tuch mit dem Firmenlogo. Der geschäftsführende Gesellschafter Edwin Steffen von HolzLand Leyendecker erläutert den Hintergrund dieser Einschränkung: “Die Kleidung unserer Mitarbeiter muss in vielen Größen lieferbar und nachbestellbar sein, da wir sie über einen Zeitraum von zehn Jahren nutzen wollen; ein einzigartiges Design müsste extra produziert werden und wäre vergleichsweise teuer.”

Die Studierenden ermittelten zunächst mit einem Fragebogen die Erwartungen und Wünsche der Mitarbeiter im Hinblick auf ihre Arbeitskleidung, von der Unternehmensleitung gab es keine Vorgaben. Im Dezember stellten die Teams dann ihre Ideen einer Jury aus Hochschuldozenten und Vertretern des Unternehmens vor. Schließlich entschied man sich einstimmig für das Konzept der fünf Studentinnen der Gruppe “Amaranth”, deren dezent-klassisches Konzept aus hellen und dunklen Blautönen und verschiedenen Schnitten und Kombinationen für einhellige Begeisterung sorgte. Für die Marketing-Mitarbeiter stehen Kombinationen aus Hemd, Anzug und Krawatte beziehungsweise Bluse, Hosenanzug und Seidentuch zur Auswahl, bei den Beratern im Verkauf wurde auf Beweglichkeit geachtet, dort werden von nun an Polohemden, T-Shirts und Strickjacken getragen.

Von den farblich auffälligen, mit Firmenlogo versehenen Oberteilen und der Uneinheitlichkeit bei Hosen und Schuhen wollte man laut Edwin Steffen bewusst abrücken: “Wir wollten unsere Mitarbeiter nicht mehr als laufende Werbesäulen missbrauchen, die neue Linie wirkt eleganter und hochwertiger, so können Mitarbeiter auch mal in die Stadt gehen, ohne direkt aufzufallen”. Die Reaktionen auf die neue “Corporate fashion” sind indes geteilt: Während sich mancher Mitarbeiter im neuen Outfit bereits wohl zu fühlen scheint, fällt das Urteil der hauseigenen Großhandelsmitarbeiter verhaltener aus: “Geschmackssache”, sagt einer lakonisch, sein Kollege schaut einfach skeptisch drein. Sofern das Personal zustimmt, soll auch der Großhandel die neue Geschäftskleidung in Zukunft übernehmen.

Die Studenten äußern sich jedenfalls zufrieden über den Verlauf des Projektes: “Auch wenn ich mir nicht unbedingt vorstellen kann, später in diesem Bereich zu arbeiten, ich habe trotzdem viel dabei gelernt”, berichtet eine der Teilnehmerinnen. Überhaupt seien sie glücklich, ein praktisches Projekt von Anfang bis Ende bearbeitet zu haben: “Das ist doch ein gutes Gefühl, mal das Ergebnis der eigenen Arbeit zu sehen.”

von Dennis Drögemüller

2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Chris schreibt:

    Warum ein solches Projekt mit der FH in Reutlingen durchgeführt wurde und nicht mit der in Trier ist mir nicht klar geworden. Die neue Bekleidung sieht meiner Meinung nach doch eher langweilig und einfallslos aus.

  2. Hanna schreibt:

    Weste, Blazer und Bluse oder Polohemd kann mir jede einigermaßen geschulte Verkäuferin im Einzelnhandel auch raussuchen. Wo ist denn da der Pfiff? Warum den Print mit dem Firmenlogo weglassen, dann können die Mitarbeiter auch mit Privatkleidung arbeiten kommen…?!

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