Als Mensch geschätzt, als Politiker glücklos

Mehr als ein Jahrzehnt lang prägte Ulrich Holkenbrink die Trierer Stadtpolitik entscheidend mit – als CDU-Kreisvorsitzender, Kultur- und Schuldezernent sowie glückloser OB-Kandidat. Mit dem heutigen Tag endet nun die politische Laufbahn des Christdemokraten, von dem Klaus Jensen (SPD) sagt, er sei ein “Mensch mit Charakter und Persönlichkeit”. Vielen war Holkenbrink, der im Februar 2002 ein Amt übernahm, das er und seine Partei noch wenige Monate zuvor hatten abschaffen wollen, indes auch ein Rätsel. Er selbst hätte gerne noch ein paar Jahre weiter gemacht, und obschon der 54-Jährige politisch scheiterte, scheint er mit sich und der Bilanz seiner Amtszeit im Reinen. 

TRIER. Sie könnten gegensätzlicher kaum sein, und wahrscheinlich eint die Beiden auch nicht viel mehr als ihre Mitgliedschaft in derselben Partei und das Ende ihrer Amtszeit: Die vergangenen acht Jahre verbrachten Georg Bernarding und Ulrich Holkenbrink gemeinsam im Stadtvorstand, nun verlassen sie die kommunalpolitische Bühne. Während Bernarding, der fast drei Jahrzehnte am Augustinerhof wirkte – zunächst als Referent des damaligen OB Felix Zimmermann, dann als Sozialdezernent und seit 2002 auch als Bürgermeister – in den vergangenen Wochen einen regelrechten Reigen an Abschiedsfestivitäten absolvierte, richtete Ulrich Holkenbrink selbst einen Empfang in der Tarforster Grundschule aus. Rund 350 Freunde, Wegbegleiter und Vertreter des öffentlichen Lebens hatte der Schul- und Kulturdezernent eingeladen, teilte das städtische Presseamt hernach mit.

Ausdrücklich nicht eingeladen hatte Holkenbrink die örtlichen Medien. Offenbar war dem Unionsmann in den vergangenen Tagen nicht mehr danach, Pressevertretern Auskunft über seinen Gemütszustand zu geben; jetzt, da seine kommunalpolitische Laufbahn ein Ende fand. Schon der Auftakt geriet wenig verheißungsvoll, denn Holkenbrink übernahm im Februar 2002 ein Amt, das er und seine eigene Partei nur wenige Monate zuvor hatten abschaffen wollen. Auf Antrag der UBM beriet der Stadtrat im Mai 2001 über die Abschaffung einer Beigeordnetenstelle zum nächstmöglichen Zeitpunkt, betroffen wäre das Kulturdezernat gewesen, an dessen Spitze damals der Sozialdemokrat Dr. Jürgen Grabbe stand. Während die UBM auf die geschlossene Unterstützung der Christdemokraten hoffen konnte, traten SPD und Grüne für den Erhalt des Dezernats ein. Doch auch der seinerzeitige OB Helmut Schröer (CDU) votierte gegen das Ansinnen. Am Ende fehlten UBM und Union genau eine Stimme, blieb es vorerst bei einem fünfköpfigen Stadtvorstand. Sechs Monate später wählte der Rat Ulrich Holkenbrink zum neuen Kulturdezernenten. Nachfolger Grabbes im Amt des Bürgermeisters wurde Georg Bernarding.

Nach acht Jahren im Stadtvorstand tritt Holkenbrink nun ab, und wer erwartet hatte, der Mann gönne sich jetzt erst einmal eine wohl verdiente Auszeit, lag daneben: Schon in der kommenden Woche beginnt der 54-Jährige seine neue Aufgabe als Rektor der Blandine-Merten-Realschule. Dass die Lokalzeitung am Mittwoch berichtete, er sei im Urlaub, wollte Holkenbrink denn auch nicht stehen lassen: “Ich arbeite bis zu meinem letzten Dienst-Tag als Beigeordneter am Freitag”, ließ er das Blatt gestern klarstellen.

Holkenbrink ist ein Pflichtmensch und Workaholic. Oft war er bis in die frühen Morgenstunden in seinem Büro am Augustinerhof zugange – von den nächtlichen Arbeitszeiten kündeten am nächsten Morgen E-Mails, deren Absendezeitpunkt eine 0 vorne trugen. Holkenbrink wirkte oft rastlos und gehetzt, selten souverän, fast immer freundlich. Die mitunter in Herablassung übergehende Gelassenheit eines Georg Bernarding strahlte er nie aus. Dabei fielen in seine Amtszeit bemerkenswerte kulturelle Ereignisse, an deren Erfolg er einigen Anteil hatte: die Konstantin-Ausstellung oder die Eröffnung des neuen Stadtmuseums etwa, die Fortentwicklung des Bildungs- und Medienzentrums; und auch die Karl-Berg-Musikschule war ihm ein Herzensanliegen.

Jensen stellte sich oft vor seinen einstigen Kontrahenten

Doch in Erinnerung bleibt auch sein kopfloses Agieren bei den Vorbereitungen der Antikenfestspiele 2009: Mit erheblicher Verzögerung das Programm präsentieren und dann, keine zwei Wochen später, die komplette Veranstaltung abmoderieren und dies mit der mutmaßlichen Wirkung eines einzigen Zeitungskommentars zu begründen, das war dillentantistisch. Erst vor wenigen Monaten legte er dann das seit Jahren von Rat und Ausschuss immer wieder eingeforderte Konzept für die Festspiele auf den Tisch. Auch bei der Never-Ending-Story Schulentwicklungskonzept oder den immer neuen Nachforderungen für Brot & Spiele gab der Christdemokrat keine gute Figur ab.

Holkenbrinks Popularität tat all das wenig Abbruch. Seine unprätentiöse Art, seine Offenheit und Herzlichkeit wussten und wissen viele Trierer zu schätzen. “Ich habe Sie als einen Menschen mit Charakter, Persönlichkeit und als loyalen und hilfsbereiten Kollegen kennen lernen dürfen, dem ich vertrauen konnte und der meine Wertschätzung und meinen Respekt hat”, bescheinigte Klaus Jensen dem einstigen Kontrahenten bei der OB-Wahl. Der Sozialdemokrat meinte weiter, dass “in der kritischen und kontroversen Auseinandersetzung die demokratischen Grundtugenden eines fairen und respektvollen Umgangs gegenüber Holkenbrink nicht immer die entsprechende Beachtung gefunden” hätten. Man kann Jensens Satz auch als Kritik an Sozialdemokraten und Grünen verstehen – attackierten diese in den vergangenen zweieinhalb Jahren den Dezernenten, war es häufig der OB, der sich im Stadtrat demonstrativ vor Holkenbrink stellte. Dass der OB über einen Verbleib Holkenbrinks im Amt glücklich gewesen wäre, darf – aller lobenden Worte zum Abschied – jedoch bezweifelt werden.

Holkenbrink wäre gerne Dezernent geblieben – man muss ihm das glauben

Der Sohn des langjährigen Mainzer Wirtschafts- und Verkehrsministers Heinrich Holkenbrink (CDU) konnte mit den Leuten – anders als etwa sein Freund Christoph Böhr, der seinen Aufstieg an die Spitze der Stadt-CDU beförderte und maßgeblich mit dafür sorgte, dass Holkenbrink zunächst Kulturdezernent wurde und sich dann 2006 um die Nachfolge Helmut Schröers bewarb. Doch schon in der OB-Wahlkampagne schien die christdemokratische Frohnatur oft allein auf weiter Flur, hielt sich die Unterstützung aus der eigenen Partei in Grenzen. Am Ende stand ein Wahldebakel, versank die über Jahrzehnte selbstgewisse Trierer CDU in Selbstzweifeln und Frust. Wenige Monate später übergab der glücklose OB-Kandidat den Kreisvorsitz seiner Partei an Bernhard Kaster. Seit jener Zeit war Holkenbrink angezählt, und auch wenn ihn CDU-Fraktionschef Berti Adams nun als “unermüdlichen Kämpfer für Schulen und Kultur” würdigte – auch der Union fiel es zunehmend schwerer, für den eigenen Mann Partei zu ergreifen.

Als nur wenige Tage vor der Kommunalwahl bekannt wurde, dass sich die Fertigstellung der Grundschule in Tarforst weiter verzögern würde, soll der Unmut in den eigenen Reihen besonders groß gewesen sein: Allein das habe der CDU mindestens 2 Prozent Stimmenanteil gekostet, meinte einer, der nah dran war am Geschehen. Spätestens am Tag nach der Wahl war auch klar, dass Holkenbrink über das reguläre Ende seiner Amtszeit hinaus nicht mehr zu halten war. Wenn überhaupt würde sich nur noch Bernarding retten lassen, hoffte die Unionsspitze um Kaster. Ende Oktober stellte ihn die eigene Partei dann nicht mehr für eine Wiederwahl auf. Einen Wirtschafts- und Kulturdezernenten Ulrich Holkenbrink – das konnte und wollte sich innerhalb der CDU offenbar niemand mehr vorstellen.

Außer Holkenbrink. Der erklärte kürzlich in einem Interview mit der Rathaus-Zeitung, dass er gerne weitergemacht hätte. Man muss ihm das glauben, schon weil sich das Gegenteil schlecht beweisen lässt und man in einen Menschen bekanntlich nicht hinein schauen kann.

Print Friendly

von

8 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Chrisotph schreibt:

    Diese Überschrift passt zur Lustigen Karnevalszeit!
    Ich kann diese nämlich nicht ernst nehmen. Wer als Dezernent für Schulen zuständig ist und dann Oberbürgermeister werden will mit der Aussage ich will die Schulen sanieren, der ist für mich einfach zu lächerlich. Schade das die CDU durch diese Kandidatur sich ein Eigentor geschossen hat, sonst hätten wir heute einen geliebten Bernading an der Macht!

  2. Tim Roth schreibt:

    Ich kann dem Artikel über weite Strecken eigentlich nur beipflichten. Ich habe Herrn Holkenbrink in meiner Zeit beim Kulturbüro immer als sehr engagierten, fachlich höchst kompetenten Menschen kennengelernt, der jederzeit als Ansprechpartner für alle Mitarbeiter zur Verfügung stand und stets ein offenes Ohr hatte. Daher ein Dank für die vergangenen Jahre und alles Gute für die berufliche Zukunft!

  3. norbert damm schreibt:

    Ich weiß nicht genau wann es war. Da hat mein damaliger Bandboss Peter Güntzel mich animieren wollen zu folgenderer Aktion: Dem Vater von Herrn U.Holkenbrink, der damals Verkehrsminister in RLP war, in der Nacht zum 1. Mai die Mülltonnen zu zubetonieren. wegen des bevorstehenden Autobahnbaus direkt oberhalb von Trierweiler. Pit hat dieses Dorf geliebt und aus zichfachen Perspektiven gemalt. – Beide sind heute tot. Die Söhne Holkenbrinknd ja nun alle was geworden. Das Ullrich Holkenbrink nicht in der Politik tätig sein wollte, war mir immer klar. Er war immer schon besser in der Pädagogik auf gehoben. Dass er da wieder hingeht, ist gut. Und für unsere Kinder auch.

  4. Klartexter schreibt:

    Daß in der politischen Auseinandersetzung Dezernenten nicht mit Samthandschuhen angepackt werden – geschenkt.

    Aber auf verdiente Amtsträger bei deren Abgang noch einmal einzuprügeln – ist das der neue Stil in Trier?

  5. arthur schreibt:

    @Klartexter
    von “einprügeln” kann in diesem Artikel ja wohl keine Rede sein – im Gegenteil

  6. Gast schreibt:

    Hallo 16vor:

    Wäre Ihnen eine umgekehrte Bewertung in Ihrer Überschrift lieber?

    Wie masochistisch müsste ein Politiker denn sein, wenn er zu einem Umtrunk anlässlich seines Abschieds – mit persönlich eingeladenen Gästen – auch noch die Presse dazubittet, die ihn in der Vergangenheit nicht gerade verwöhnt hat?
    Sollte er den Trierer Medien letztmalig die Gelegenheit bieten, daß sie noch einmal eigene Ressentiments ausleben und genüsslich nachtreten können?
    Oder sollte er letzte Interviewwünsche erfüllen, deren Aussagen ihm dann wiederum negativ ausgelegt werden?

    Politiker stehen im Kreuzfeuer, das ist politischer Alltag, aber wer schützt einen ehrlichen, charaktervollen und immer zuverlässigen Menschen vor unfairen Angriffen profilneurotischer Journalisten oder – schlimmer noch – vor der eigenen Partei?

  7. Klartexter schreibt:

    @ arthur:
    Ich beziehe mich nicht auf den Artikel von Marcus Stölb.
    Ich beziehe mich auf manche Äußerungen von Leserbriefschreibern der jüngeren Vergangenheit, die unterhalb der Gürtellinie waren. Was nicht von Stil zeugt, und was auch menschlich unfair ist angesichts der Tatsache, daß die Schlacht um die Dezernentenämter längst geschlagen ist.

  8. Enttäuschter CDU-Wähler schreibt:

    Armer Uli Holkenbrink! Die CDU hätte ihm und Herrn Bernarding vor der Kommunalwahl die Wiederwahl sichern können. Stattdessen hat man ihn voll auflaufen lassen. Tja, wer solche Freunde hat, der braucht wenigstens keine Feinde.. Diese Erfahrung durfte ja kürzlich auch der Billen machen..
    Bei Frau Horsch und Herrn Neuhaus war es exakt genauso gewesen. Wer sich künftig noch einmal dieser Partei als Dezernent zur Verfügung stellt, der muss entweder masochistisch veranlagt oder völlig verzweifelt auf Jobsuche sein..
    An Frau Kaes-Torchiani wird hinter den Kulissen ja auch schon wieder kräftig herumgemäkelt obwohl diese wirklich eine gute Figur abgibt. Auch da darf man auf die weitere Entwicklung sehr gespannt sein..

Schreiben Sie einen Leserbrief

Angabe Ihres tatsächlichen Namens erforderlich, sonst wird der Beitrag nicht veröffentlicht!

Bitte beachten Sie unsere Kommentarrichtlinien!

Noch Zeichen.

Unterstützen

In Evernote merken