“Papa” Heuss kam am häufigsten

Wenn Horst Köhler an diesem Donnerstag seinen als “Regionalbesuch” deklarierten Abstecher nach Trier unternimmt, reiht er sich ein in die Riege seiner Vorgänger: Mit Ausnahme Roman Herzogs hat noch jeder Bundespräsident die Moselstadt besucht. Manches Staatsoberhaupt kam mehrmals oder sogar für mehrere Tage nach Trier. Theodor Heuss etwa, den die Stadt 1959 zu ihrem Ehrenbürger ernannte. Horst und Eva-Luise Köhlers Besuch nimmt sich da eher wie eine Stippvisite aus, das rund sechsstündige Programm verzeichnet vier Stationen. Ob das Präsidentenpaar auch etwas von der Stadt zu sehen bekommt, steht noch unter einer Art Witterungsvorbehalt.

TRIER/BERLIN. Nicht wenige hatten ihn schon 2007 erwartet: Aus Anlass der großen Konstantin-Ausstellung werde der Bundespräsident doch wohl nach Trier kommen, so die Hoffnung mancher im Rathaus und auch in den beteiligten Museen. Schließlich hatte Horst Köhler – wie schon zuvor im Fall des Codex Egberti (April 2005 bis Januar 2006) – die Schirmherrschaft des Großereignisses übernommen. Doch es fand sich kein Termin für einen Besuch des Staatsoberhaupts, und so ließ Köhler seine erste Amtszeit verstreichen, ohne in der ältesten Stadt Deutschlands vorbei zu schauen. Das hatte vor ihm nur Roman Herzog geschafft, der sich -wenige Monate nach seinem Ausscheiden aus dem Schloss Bellevue und nun als “Bundespräsident a.D.” – am 26. Oktober 1999 ins Goldene Buch der Stadt eintrug.

Keiner kam häufiger als Theodor Heuss, und niemand aus der Riege seiner Nachfolger blieb länger: Als das erste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik im Mai 1953 nach Trier reiste, dauerte der Besuch noch drei Tage – da blieb noch Zeit für den Besuch einer Aufführung des Stadttheaters. Fünf Jahre später schaute “Papa” Heuss, wie ihn die Zeitgenossen anerkennend nannten, erneut in der Moselstadt vorbei. Die Trierer dankten es ihm: Am 31. Januar 1959, seinem 75. Geburtstag, ernannten sie den “großen Freund der Stadt”, der sich insbesondere um den Wiederaufbau der Konstantin-Basilika verdient gemacht hatte, zu ihrem Ehrenbürger. Grund genug für einen weiteren Abstecher im Juni 1959.

Die jeweiligen Anlässe für die Besuche der Bundespräsidenten reichen von historisch bedeutsam bis einigermaßen belanglos. Als am 26. Mai 1964 Heuss-Nachfolger Heinrich Lübke kam, stand ein veritabler Staatsakt auf dem Programm. An der Staustufe in Feyen feierten Lübke und die damalige luxemburgische Großherzogin Charlotte sowie Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle die Fertigstellung der Moselkanalisierung. Der frühere Bürgermeister und Chronist Dr. Emil Zenz wertete das Ereignis als “geschichtliche Sensation”. Derartiges ließe sich vom Anlass des Besuchs Richard von Weizsäckers wenige Monate nach dessen Wahl nicht behaupten: Der sechste Bundespräsident kam im November 1984 zur Jahresabschlussfeier des Leistungswettbewerbs der deutschen Handwerksjugend.

Von der Brauerei zum Integrationsbetrieb

1984 war wohl das einzige Jahr, in dem gleich zwei deutsche Staatsoberhäupter Trier besuchten: am 27. Mai des Jahres hielt Karl Carstens auf dem Hauptmarkt die Festansprache zur offiziellen 2000-Jahr-Feier der Stadt. Kirchliche Ereignisse verschlugen Gustav Heinemann (Abschlussgottesdienst des Katholikentags 1973) und Johannes Rau (Synode der Evangelischen Kirche 2003) nach Trier. Walter Scheel kam inmitten des “Deutschen Herbstes”, im Oktober 1977 an die Mosel.

Im sechsten Jahr seiner Amtszeit hat sich nun auch Horst Köhler angesagt, und viel spricht dafür, dass sein Besuch – stadthistorisch gesehen – über eine Fußnote kaum hinausgehen wird. Denn anders als bei den vorangegangenen Ausstellungen zum Codex Egberti und zu Kaiser Konstantin fehlt dieses Mal ein wirklicher Anlass. Das sechsstündige Programm vor Ort ist dicht getaktet und sieht zum Auftakt einen Besuch im “Warsberger Hof” vor. Dort wird das Präsidentenpaar, das am Vormittag bereits die Bitburger Brauerei besucht haben und den gesamten Tag über von Ministerpräsident Kurt Beck und dessen Frau Roswitha begleitet wird, von Klaus Jensen und Sozialministerin Malu Dreyer empfangen. Der “Warsberger Hof” ist ein Integrationsbetrieb der Bürgerservice gGmbH, eine halbe Stunde wird sich Köhler über die Arbeit der Einrichtung informieren und mit Mitarbeitern des Betriebs sprechen.

Nach dem Mittagessen wollen sich Köhler samt Gastgebern und Entourage auf eine gut halbstündige Stadtführung durch die Fußgängerzone machen, die an der Porta Nigra enden soll. Als Stadtführer fungiert hierbei der OB. Ob der Fußmarsch tatsächlich stattfinden und damit für die Bürger die Gelegenheit bestehen wird, den Bundespräsidenten halbwegs hautnah zu erleben, hängt allerdings vom Wetter ab. Köhlers nächste Station ist die Firma alwitra. Am frühen Abend wird sich das Staatsoberhaupt in den Viehmarktthermen in das Goldene Buch der Stadt eintragen, bevor es dann heißt: der TV präsentiert – Bürgergespräch beim Bundespräsidenten.

Dem Vernehmen nach trat das Bundespräsidialamt an die Lokalzeitung heran, auf dass diese die Veranstaltung ausrichte und ihre Leserschaft zur Teilnahme an dem Empfang animiere. In der Chefredaktion des Volksfreunds ließ man sich naturgemäß nicht lange bitten, und auch ein Moderator ward schnell gefunden: Dieter Lintz.

Print Friendly

von

5 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Klartexter schreibt:

    Heißt das eigentlich, daß da jeder einfach so in die Viehmarktthermen reinspazieren kann? Oder braucht man da Karten? Weder in der RAZ noch sonstwo habe ich da bisher etwas drüber gelesen…

    (Anm. d. Red.: Die Veranstaltung in den Viehmarktthermen ist nichtöffentlich. Neben geladenen Gästen nehmen ausschließlich Leser des TV teil, die entweder im Rahmen eines telefonischen Gewinnspiels für sich und bis zu drei Begleiter einen Sitzplatz in den Thermen ergattern konnten, oder aber von der TV-Redaktion ausgewählt wurden, nachdem sie zuvor eine Frage, die sie dem Bundespräsidenten stellen möchten, eingesandt hatten.)

  2. norbert damm schreibt:

    Dass unser Bürger-Bundespräsident so etwas macht, ist mir ein Rätsel. Die TV-Leserschaft soll die Bürger von Trier repräsentieren. Mal sehen, wo unser Ober-Bürgermeister steht. Ich meine dazu steht.

  3. Roland Struwe schreibt:

    Es ist wahrlich traurig, dass der Bundespräsident erst im sechsten Jahr seiner Amtszeit, ohne höheren Anlass und lediglich für einen Abstecher den Weg in die älteste Stadt Deutschlands findet. Als Staatsoberhaupt mit überwiegend repräsentativer Funktion dürfte es nicht zuviel verlangt sein, dass der Bundespräsident innerhalb einer Amtszeit die 81 Großstädte in Deutschland besucht. Zumindest, wenn sie eine derart ausgeprägte Funktion als Oberzentrum einer Region haben wie Trier. Als Universitätsstadt, als kulturelles und institutionelles Zentrum der Region, als älteste Stadt Deutschlands und als europäische Stadt im Zentrum der erfolgreichen Europa-Region SaarLorLux verdient diese Stadt mehr Aufmerksam!

  4. tetrapanax schreibt:

    Ist es irgendwie von Belang ob ein Präsident Trier besucht? Ist das wichtig?

    Klar, manche sehen darin ein gesellschaftliches Ereignis und wir sollten den Präsident genau so nett begrüßen wie wir hoffentlich alle Gäste in Trier empfangen. Aber ist sein Besuch eine “besondere Ehre” für Trier? Nein…

  5. Stephan Jäger schreibt:

    @Red.

    Sind die “Gewinnerfragen”, die Triers intellektuelle Elite dem Bundespräsidenten stellen möchte, wenigstens irgendwo abgedruckt?

Schreiben Sie einen Leserbrief

Angabe Ihres tatsächlichen Namens erforderlich, sonst wird der Beitrag nicht veröffentlicht!

Bitte beachten Sie unsere Kommentarrichtlinien!

Noch Zeichen.

Unterstützen

In Evernote merken