Zu den Wurzeln elektronischer Musik

Uwe Reinhard singt und spielt “flockigen Poprock” (Intro) als Jimi Berlin, trommelt in der Ramones-Coverband “Moranes” und ist Sänger und Bassist beim Electro-Trio “KomputerKomputer”. Zudem zeichnet er regelmäßig Cartoons für 16vor und schreibt eine Kolumne bei hunderttausend.de, deren Beiträge er auch schon gemeinsam mit dem Autor dieses Textes unter dem Namen “Monsters of Vorlesen” deklamierte. Um den nun nicht mehr zu vermeidenden Eindruck der Parteilichkeit möglichst gering zu halten, gilt es, das gerade erschiene, namenlose Debütalbum von “KomputerKomputer” – so wie ein Trainer den Sohn in der eigenen Mannschaft oder ein Lehrer die Tochter in der eigenen Klasse – noch strenger zu bewerten.

TRIER. Auf mp3.de wird “KomputerKomputer” mit folgenden Stilrichtungen und Bands verglichen: Electroclash, Kraftwerk, New Order, Massive Attack, The Clash. Mit jeder Aufzählung werden die Vergleiche abenteuerlicher und abwegiger. Genauso gut könnte man schreiben, dass ein Porsche 911 aussähe wie ein Sportwagen, ein Porsche 356, ein Saab, ein Bentley und ein VW-Bus.

Wie aus der Fahrzeuganalogie deutlich werden soll, sind die ersten beiden Beschreibungen auf dem Musikportal nicht völlig falsch. Electroclash verbindet elektronische und rockige bis punkige Elemente, was bei den Stücken des ersten “KomputerKomputer”-Albums am ehesten auf das gut tanzbare, mit fetten Sequenzerbässen angereicherte “Message from the Moon”, das treibende, extrem coole “Selbstentferner” (hat das Zeug zum Clubhit!) und das fast schon schmerzhaft schrille “Je suis fatigue” zutrifft, wo Reinhard auch mal lauter wird.

Der Sound orientiert sich an elektronischer Musik der 70er und frühen 80er Jahre, also natürlich auch an Kraftwerk. Auf repetitive Beat- und Synthie-Arrangements, für die Flextronic verantwortlich zeichnet, legt Daniel Selbersuess mit elektronischen Tasteninstrumenten reduzierte, teils sehr schräge Melodiefragmente. Beim Gesang jedoch gehen “KomputerKomputer” andere Wege als die Electro-Pioniere aus Düsseldorf.

Durch einen Gitarrenverzerrer (live kommt auch häufiger ein umgebauter Telefonhörer zum Einsatz) hört sich Reinhards Stimme zwar distanziert an, aber nicht düster oder kalt wie bei Electro Body Music oder Trip Hop. Seine Singweise variiert von lässig (“Kopfhörer”) bis soulig-leidend (bei “Addicted” hätte es durchaus ein bisschen weniger Vibrato sein dürfen). Auf der ostasiatisch-opiumhöhlig klingenden Nummer “Opel B Kadett” spricht er nur.

Dass die CD in keinem professionellen Studio aufgenommen wurde, ist kein Nachteil für den Sound. Schließlich spielt Selbersuess nicht zufällig auf einem 30 Jahre alten Moog-Synthesizer und dem damals ebenfalls legendären Korg MS 20. Selbst die Covergestaltung (Neun-Nadeldrucker?) erinnert an die Anfänge elektronischer Musik, ja, an den Beginn des Computerzeitalters überhaupt.

Das abwechslungsreiche, halbstündige Minimal-Electro-Werk dürfte am besten nachts auf einer belgischen, beleuchteten Autobahn in einem nicht gerade untermotorisierten Wagen wirken. Aber natürlich auch in einem kleinen, nicht allzu hellen Club einer Großstadt. Unter annährend diesen Bedingungen kann man “KomputerKomputer” erleben, wenn man am 19. März deren Konzert im “Melusina” in Luxemburg besucht, sich dort die CD kauft und auf dem Rückweg hört.

Die CD ist bei Auftritten und über die Website der Band erhältlich.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Howie van Zanten schreibt:

    … das macht ja Hoffnung, zumal die vermutlich beste Band, die Trier je erleben/erleiden durfte (“5 im grünen Bett”) sich ja Head-over-Heels seinerzeit aus dem Kulturgeschehen zu verabschieden die Unverschämtheit hatte … ach, nee, die “Shanes” waren auch noch da, aber auch leider nicht mehr unter den Lebenden …

    darauf ein altes Iggy-Video, aber eines der guten …!

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