Vogel beflügelt Triers Konservative

Mit Bernhard Vogel begrüßte die Trierer CDU am Freitagabend im Weinkeller des Palais Kesselstatt einen alt bekannten und doch besonderen Gast in ihren Reihen: Der Ehrenvorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen beglückte zwei Tage nach dem traditionellen politischen Aschermittwoch die Christdemokraten mit einer Rede, welche offenbar die Herzen der Konservativen erreichte. Der Union riet der 77-Jährige, wieder verstärkt auf einen “christlichen Kompass” zu setzen.

TRIER. Wenn die rheinland-pfälzische CDU jenseits aller kohlscher und geißlerscher Relikte vergangener Tage noch über ein bundesweit bekanntes und auch parteiübergreifend respektiertes Aushängeschild verfügt, dann ist es dieser Mann: 1967 holte der erste Ministerpräsident des Landes, Peter Altmeier, den damals 35 Jahre alten Bernhard Vogel als Kultusminister in sein Kabinett. In den folgenden neun Jahren initiierte der gebürtige Göttinger unter anderem 1970 die Gründung der Uni Trier-Kaiserslautern, die sich 1975 in zwei eigenständige Hochschulen aufteilte.

Als Altmeiers Nachfolger Helmut Kohl erst zum CDU-Bundeschef und dann zum Oppositionsführer in Bonn aufstieg, übernahm Vogel das Zepter in Land und Landespartei – übrigens gegen den Willen des Oggersheimers. Der hatte 1974 für den Parteivorsitz Heiner Geißler vorgesehen, der jedoch in einer Kampfabstimmung gegen Vogel unterlag. Als der spätere Kanzler 1976 auch seinen Stuhl in der Mainzer Staatskanzlei räumte und in den Bundestag wechselte, hatte er für das Ministerpräsidentenamt den heute vergessenen Finanzminister Johann-Wilhelm Gaddum vorgesehen.

Doch auch dieses Mal zog Kohl den Kürzeren, setzte sich Vogel ein weiteres Mal durch und blieb bis 1988 Ministerpräsident in Mainz. Mit Vogels von den eigenen Leuten befördertem Abgang begann 1988 der unaufhaltsame Abstieg der Landes-CDU. Unter seinem Nachfolger, dem Trierer Ex-OB Carl-Ludwig Wagner, ging die Landtagswahl 1991 krachend verloren, mit Rudolf Scharping errang erstmals nach 44 Jahren ein Sozialdemokrat das Amt des rheinland-pfälzischen Regierungschefs. Seither konnten die Konservativen nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen, zur Landtagswahl im kommenden Jahr steht das zwanzigjährige Oppositionsjubiläum an.

Die Mission des Bernhard Vogel am Freitagabend schien damit klar: Mut machen für den Urnengang 2011 und zugleich den zuletzt arg geschundenen konservative Kern der Partei streicheln. Und so ließ sich der 77-Jährige nach der obligatorischen Einführungs-Huldigung durch den Kreisvorsitzenden Bernhard Kaster nicht zweimal bitten, trat ans Rednerpult und bot inhaltlich klare Kante, ohne allzu oft ins Polemische zu verfallen. Stattdessen benutzte er eine an Metaphern reiche Sprache, welche die altkluge Weisheit eines Grandseigneurs des deutschen Konservatismus rhetorisch adäquat ergänzte. Ein Raunen ging durch den Saal, als Vogel zu Beginn seiner Rede Trier mit der schon oft von ihm gebrauchten Bezeichnung “heimliche Hauptstadt” des Landes bedachte.

Mithilfe des prominentesten Heine-Zitats (“Denk ich an Deutschland in der Nacht / Dann bin ich um den Schlaf gebracht”) und einem augenzwinkernden Hinweis auf die notorisch falsche Interpretation der Verse – Heine meinte nicht etwa in patriotischem Duktus ein vermeintlich darbendes Deutschland, sondern sein fernab von Frankreich in der kalten Düsseldorfer Heimat kränkelndes Mütterchen – brachte er sodann seine Kernthese auf den Punkt: Deutschland geht es den Umständen entsprechend sehr gut. Ein raffinierter Seitenhieb auf die Bundeskanzlerin leitete dann die Angriffsphase ein – natürlich ohne die CDU-Bundesvorsitzende beim Namen zu nennen. So verband er mit der Erinnerung an die “durch die friedliche Revolution von 1989 angeschobene Einheit unseres deutschen Vaterlandes” den weisen Rat, dass es besser sei, Entscheidungen mit entschlossener Führungskraft zu treffen als zu zögern und zu zaudern. Man habe im Osten – entgegen landläufigen Spotts – nämlich tatsächlich “blühende Landschaften” kreiert.

Elegant verpackte Zustimmung für Westerwelle

Der daran anschließende Vergleich, wonach dies eindrucksvoll bestätige, dass der Weimarer Goethe letztlich über den Trierer Marx obsiegt habe, ist dagegen nicht zuletzt aufgrund der hessischen Herkunft des Dichterfürsten sowie der historisch nicht belegten Bezugnahme eines ganzen politischen Systems auf einen gewissen “Goethismus” gründlich misslungen. Vogel pries auch den nunmehr 60 Jahre währenden Frieden auf deutschem Boden – freilich ohne zu erwähnen, dass Deutschland seine eigenen Freiheitsinteressen mittlerweile andernorts militärisch verteidigt. Man dürfe endlich “wieder stolz sein, Deutscher zu sein”, rief er unter tosendem Beifall in den behaglichen Weinkeller hinein. Zugleich vergaß er nicht, sich ausdrücklich vom rechten Rand zu distanzieren.

Vielmehr sieht Vogel die Notwendigkeit, das “C” im Parteinamen wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. Angela Merkel meistere die Wirtschaftskrise bisher hervorragend, eine stärkere Betonung des christlichen Menschenbildes sei aber dennoch zwingend geboten. Was er damit genau meint, beschrieb der ehemalige Landesvater recht bildhaft: “Als Kind bin ich manchmal in den Zirkus gegangen, um die Artisten zu bewundern. Wenn da mal einer einen Fehler machte, dann fiel er in ein Auffangnetz”. Ein solches Netz wünsche er sich auch für den deutsche Sozialstaat. Doch habe er es noch nie erlebt, dass ein Artist bis zum Ende der Vorstellung in jenem Netz verblieben sei, im Gegenteil: “Sie sind immer sofort wieder aufgestanden, und das erwarte ich auch von jenen, die vom deutschen Sozialstaat profitieren!” Eleganter hätte Vogel seine Zustimmung zu Guido Westerwelles populistischem Klassenkampf-Geheule gegen “Hartz IV”-Empfänger kaum verpacken können.

Die überraschend knapp gehaltenen Ausführungen zur Landespolitik hob sich Vogel bis zum Ende auf. So geißelte er das “desaströse” Nürburgring-Projekt der Beck-Regierung und plädierte für massive Investitionen in die Bildungspolitik. Zudem verlangte er, die Dreigliedrigkeit des Schulsystems unbedingt aufrecht zu erhalten – weil “Menschen nunmal unterschiedliche Begabungen haben und nicht jeder Universitäts-Professor werden müssen soll”. Wichtig sei dagegen die Förderung der Hochbegabten, damit auch Rheinland-Pfalz an der “Exzellenzinitiative” teilhaben könne. Abschließend präsentierte sich der Junggeselle noch als politischer Paartherapeut: Die schwarz-gelbe Bundesregierung sei insbesondere aufgrund des kleineren Partners FDP schleppend gestartet: “Wenn einer von beiden bereits weiß, wie es geht, und der andere elf Jahre lang kein Übungsgelände mehr hatte, ist die Zusammenarbeit am Anfang immer schwer”. Seiner Partei riet er, alle Flügel – christlich-sozial, liberal und konservativ – in Entscheidungsfindungen einzubeziehen, damit die CDU ihren Status als Volkspartei noch lange erhalten könne. Unverzichtbares Fundament müsse aber – wie bei der Parteigründung 1945 impliziert – ohne wenn und aber wieder der “christliche Kompass” werden.

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9 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Rainer Landele schreibt:

    zitat: “…eine stärkere Betonung des christlichen Menschenbildes sei aber dennoch zwingend geboten.”

    und:

    “Zudem verlangte er, die Dreigliedrigkeit des Schulsystems unbedingt aufrecht zu erhalten – weil “Menschen nunmal unterschiedliche Begabungen haben und nicht jeder Universitäts-Professor werden müssen soll”.”

    1800 jahre christliches menschenbild hießen bis zur französischen revolution, daß es menschen gibt, die oben stehen und menschen, deren angeborener platz unten ist. vernunft sei dank, sehen dies auch viele christen heute nicht mehr so. anders anscheinend der herr vogel. na ja, klar, daß er so denkt: schließlich gehört zu seiner elementaren lebenserfahrung, daß nicht jeder ministerpräsident “werden müssen soll” ;-) ne, im ernst jetzt: selektion im kindesalter ist der allerletzte dreck. und: ob es wohl ein zufall ist, daß diese selektion gerade von jenen am stärksten verteidigt wird, deren kinder dabei die besseren startbedingungen haben?

    hmm, da nehme ich doch das bild des trapezkünstlers und seines sicherheitsnetzes mal ernst. wenn der oben im rampenlicht stehende, schwingende artist für die oft bemühten leistungsträger deutschlands steht, dann sollte der herr vogel auch bedenken, daß der weg nach oben – gerade, nach einem absturz ins netz – nur über eine schmale leiter möglich ist, welche bereits von unzähligen anderen “artisten” blockiert wird. also wird man sich brav unten anstehen “müssen sollen”,um wieder aufs podest zu kommen. außer natürlich man wäre ein rücksichtsloser egoist, würde sich den weg freiboxen, nach unten treten, egal, was dies für die schwächeren bedeutet. ups, ist das das verständnis von “christlichem menschenbild” des herrn vogel? komisch…gibt es da nicht einen spruch vom nadelöhr und himmelreich?

    “gott schütze rheinland-pfalz!” – war der ausruf von bernhard vogel, als er nicht wieder zum CDU vorsitzenden gewählt wurde. das seine abwahl vielleicht genau dies war, daran hat er anscheinend noch nie gedacht, denn er beweist doch mit seinen aussagen, daß sein christlicher kompass einen kleinen defekt hat.

  2. Markus Nöhl schreibt:

    “Zudem verlangte er, die Dreigliedrigkeit des Schulsystems unbedingt aufrecht zu erhalten – weil ‘Menschen nunmal unterschiedliche Begabungen haben und nicht jeder Universitäts-Professor werden müssen soll’.”

    Gemeinschafts- oder Gesamtschule heißt nicht, Herr Vogel, dass die Schülerinnen und Schüler einheitlich unterrichtet werden sollen. Ganz im Gegenteil. Diese Schulform versucht durch ihre Grundstruktur der Unterschiedlichkeit Rechnung zu tragen und individuell auf die Bedürfnisse ihrer Schützlinge einzugehen. Ein fiktives “Wir haben drei Begabungsniveaus!” wird nämlich der Situation in den Schulen nicht gerecht. Jedes Kind hat unterschiedlichste Begabungen, da können manche schlecht im Mathe sein, gut in Sprachen oder andersherum, um nur ein Beispiel zu nennen. Da da kann man nur weg vom Frontalunterricht und hin zu modernen didaktischen Instrumenten (Wochen-, Projekt- und Gruppenarbeit), die den einzelnen Schüler in den Blick nehmen

    Oftmals hat man den Eindruck, die Angst vor der angeblichen “Gleichmacherei” habe nur ideologische Gründe, in dem man die eigenen Kinder vor den “schlechten, unzivilisierten” Mitschülerinnen und Mitschüler der Hauptschule bewahren will. Bildungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler haben nachgewiesen, dass die guten Schülerinnen und Schüler keinen Nachteil durch eine gemeinsame Beschulung haben; sie erwerben sogar noch zusätzliche soziale Kompetenzen. Schlechte Schülerinnen und Schüler dagegen profitieren ungemein auf breiter Basis. Kein Nullsummenspiel, sondern alle erhalten Vorteile zusammenzubleiben und nicht separiert zu werden.

    Ein Beispiel für eine besonders gut funktionierende Gesamtschule ist übrigens die bundesdeutsche Grundschule. Sie erhält in entsprechenden Vergleichstests beste Noten. Es funktioniert also auch in Deutschland.

    Welch bizarre Triebe die ideologische Diskussion treiben kann, erlebt man zurzeit in Hamburg, wo die CDU übrigens neuerdings ein Herz für Gesamtschulen entwickelt hat:

    http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=3853020

    Markus Nöhl, SPD-Stadtrat

  3. profi schreibt:

    Sehr geehrter Herr Landele,

    ich rate Ihnen dringend an, Sachkunde nicht durch ideologische Verblendung zu ersetzen.

    Die Experimente, die im Moment aus rein ideologischen Vorstellungen bar jeden Realitätsbezuges mit unseren Kindern gemacht werden, spotten in ihren Ergebnissen schon jetzt jeder Beschreibung.

    Lesen Sie nicht den Unsinn in irgendwelchen verdrehten Statistiken sondern reden Sie mit den Leuten (Schülern, Eltern und Lehrern) an der “Front.” Das Meinungsbild ist eindeutig.

    Lasst die Finger von unserem Bildungssystem und lasst die Lehrer endlich mal in Ruhe arbeiten!

  4. Rainer Landele schreibt:

    @profi

    wollen sie jetzt ernsthaft behaupten, die splittung und verteidigung des dreigliedriges schulsystem sei irgendetwas anderes als ideologisch begründet?
    meine schuldzeit ist nun schon paar jährchen her – und schon damals wurde darum gestritten. und was ich seitdem klar gelernt habe: sachkunde und argumente zählen dort null. erlebt man ja gerade auch wieder hamburg, erlebt man ja auch, wenn es darum geht die sonderschulen (“förderschulen” – haha) abgeschafft zu bekommen.

    wie sie nun also auf die idee kommen, auf “ihrer seite” diese sachkunde und ideologiefreiheit verorten zu können, würde ich gerne erfahren.

  5. tetrapanax schreibt:

    Lieber “profi”, Nr. 3

    Das ist ja mal eine Aussage… Das Bildungssystem fliegt uns gegenwärtig um die Ohren und Sie plädieren dafür nichts zu machen, einfach die Finger vom davon zu lassen.

    Ich nenne das ganz einfach (ideologische?) Ignoranz…

  6. Peter Neugier schreibt:

    …Falls ein ins Netz gefallener Artist sich verletzt hatte, so stand er beileibe nicht mehr auf…, eine Erfahrung meiner Kindheit. Müßig dieses Bild weiter zu spinnen, in etwa ; nimmt man dem Artist dann noch seine Kletterstange weg, muß er wohl auch im Netz bleiben…und und und…
    Zum christlichen Weltbild: Der Mann aus Nazareth sagte einmal, man solle die Armen lieben ,-) und weiterhin sagte er doch: Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein…, da muss man doch unwillkürlich an die sonntagschristlichen Verkünder konservativer bzw neoliberaler “Werte” denken… , das dreigliedrige Schulsystem war/ist Abbild einer pyramidenhaft (kastenartig) aufgebauten Gesellschaft: Unterschicht, Mittelschicht, Oberschicht. Diese Gesellschaft existiert schon ang nicht mehr, vielmehr gibr es eine wachsende unterste Schicht ( Prekariat) eine Unterschicht, eine sich ausdünnende Mittelschicht und eine sich immer weitentfernende Oberschicht ( Einkommen) – also der blamke Unfug der bundesdeutschen Gesellschaft zum einen die wichtigsten Ressourcen zu “klauen” ( Bildungschancen) und zum anderen weiterhin jungen Menschen durch frühe Vorauswahl ihr Leben zu versauen.

  7. profi schreibt:

    Begleiten Sie derzeit eigene Kinder auf ihrem Bildungsweg? Ich schon.

    Natürlich findet eine Form von Vorbestimmung statt, nämlich in den Elternhäusern! Das hat aber weniger mit arm (Armut ist bei uns im Übrigen lächerlich definiert, weshalb der Bevölkerung ein völlig falsches Bild vom Zustand unserer Gesellschaft gezeichnet wird) und reich zu tun. Die Trennlinie verläuft zwischen den Eltern, die sich schon in jungen Jahren mit ihren Kindern beschäftigen und denjenigen, die das nicht tun. Können tut das -jedenfalls in den ersten 8 bis 10 Jahren- jeder.

    Gerade diejenigen, die bedauerlicherweise keine Arbeit haben, müssten eigentlich die meiste Zeit in ihren Nachwuchs investieren und diesen auf diese Art einen erheblichen Bildungsvorsprung verschaffen können-tun sie aber regelmäßig nicht. Also wird das Problem sozialisiert, das Lernniveau wird abgesenkt und das soll Bildungspolitik sein?

    Wenn es doch stimmt, dass Kinder unterschiedliche Talente haben, dann gilt es doch gerade die unterschiedlichen Schularten in ihren Eigenheiten zu stärken und auf diese Weise jedem Kind seine Bildungsheimat zu geben. Das passt aber nicht in das Bild sozialistischer Gleichmacherei und deshalb geht man aus ideologischer Verblendung einen anderen Weg. Seriöse Bildungsforscher schlagen schon lange die Alarmglocke an, aber weil das eine politisch nicht korrekte Ansicht ist, wird sie nicht verbreitet.

    Übrigens, ich stamme aus allereinfachsten Verhältnissen und habe die Durchlässigkeit des alten Systems am eigenen Leib erfahren. Mir hat nie jemand einen Stein in den Weg gelegt, ganz im Gegenteil!

  8. xyz schreibt:

    @profi

    “Lasst die Finger von unserem Bildungssystem und lasst die Lehrer endlich mal in Ruhe arbeiten!”
    Mit dem ersten Teil könnte ich ja nochj einverstanden sein, wobei ich aber denke, dass diese Diskussion um die Schulform Spiegelfechterei ist. Denn was nützt mir diese oder jene Schulform, wenn in beiden die Lehrer fehlen und ständig die Stunden ausfallen.
    Damit komme ich nun zum zeiten Teil: Ich würde die Lehrer ja ihre Arbeit machen lassen, wenn sie es denn täten. Ein Großteil der Stundenausfälle, die an der Schule meines Sohnes anfallen, sind hausgemacht. Da vergessen Lehrer, dass sie Vertretung haben, oder die Planung der Vertretungen ist haarsträubend organisiert. Fachlehrer, die Vertretung machen sollen, machen keinen Unterricht, obwohl Sie Lehrer für dasselbe Fach sind, sondern lassen die Schüler ihre Hausaufgaben machen, Spiele spielen oder setzen sie vor Computer, zeigen Filme usw. Alles Dinge, von denen man den Eltern mit erhobenen Zeigefinger vorwirft, dass sie unheimlich ünpädagogisch sind. Ist Ferienbeginn, dann fällt nach der vierten Stunde alles aus, dasselbe gilt für Zeignisvergabe. Stehen Eltern sprechtage an, läßt auch mal gerne alles nach der 5. Stunde ausfallen. Weiterbildung findet grundsätzlich während der Unterrichtszeit statt. War in meiner Schulzeit noch der Rosenmontag frei, so läuft heute vom Donnerstag bis Aschmittwoch nichts mehr. Bei mündlicher Ab iproüfung steht die Schule zwei Tage still, gabs zu meiner Zeit auch nicht. Anschließend beim Abistreich herrscht auch wieder Ausnahmezustand. Nichts geht mehr für diesen Tag. Hinzu kommen die ganzen Feste und Vorbereitungen für dieselben, die Lehrer natürlich auch während der Arbeitszeit machen muss.
    In meinem ganzen Bekanntenkreis kenne ich keine Berufsgruppe, die so oft und so lange krank ist wie Lehrer. Und dabei sind in diesen Bekanntenkreis nicht nur Lehrer sondern auch solche Menschen, die richtig hart arbeiten müssen als Kraftfahrer, Handwerker, Verkäuferinnen, mit Arbeitszeiten von selten weniger als acht Stunden am Tag und immer mehr als 40 Stunden in der Woche, mit maximal sechs Wochen Urlaub und nicht 3 Monaten Ferien i m Jahr. Und das alles zu einem schlechteren Lohn, als ein Lehrer für eine Halbtagsstelle erhält.

  9. Metallkopf schreibt:

    Die Misere unseres Bildungssystems ist nicht die Mehrgliedrigkeit vs. Integrative Schule, sondern schlicht und ergreifend die Ausbildung der Lehrer in Verbindung mit dem Betreuungsverhältnis.

    Solange auf 25-30 Schülerinnen und Schüler ein Lehrer kommt, wird gerade in inhomogenen Leistungsgruppen, wie sie bei integrierten Schulformen nun politisch gewollt eben häufiger sind, nichts bessern. Die strikteste Trennung muss auch nicht eben sein, aber Klassenkampf auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler haben diese nicht verdient, weshalb die Herstellung einigermaßen homogener Gruppen durchaus Vorteile bietet, weil sich die entsprechende Lehrkraft voll und ganz auf die Bedürfnisse der jeweiligen Schülerinnen und Schüler einstellen kann.

    Wenn Lehrerinnen berichten, dass sie an integrierten Gesamtschulen 70% der Unterrichtszeit dafür verwenden müssen, die Leistungsschwächeren zu coachen und nur noch 30% für die Förderung der Leistungsstarken verbleiben, dann spricht das eine deutliche Sprache, denn es wäre weitaus besser, beide Leistungsgruppen würden hundertprozentige Zuwendung und Förderung erfahren.

    Aber heutzutage darf man ja angesichts des angeblichen “Akademikermangels” und einer monstranzartig vor sich her getragenen Quote von 42% Akademikern, die es in den kommenden Jahren angeblich braucht, nicht mehr sagen, wenn einer nicht das Zeug zum Studieren hat. Im Gegenteil durch den Run auf die Gymnasien steht zu befürchten, dass man in Zukunft aus blanker Not lieber jedem Heiopei das Abitur in die Hand drückt, damit der sechs Jahre später nicht mit dem Messer und der Schreckschusspistole – oder noch schlimmer: mit scharfer Waffe – seine Schule besucht und sich den Frust über sein gescheitertes Leben von der Seele metzelt…

    Die früher im Wechselspiel zwischen Elternhaus, sozialem Umfeld und Schule bei jungen Menschen geschehene Bildung einer stabilen Persönlichkeit, mit Grenzen, Werten und der Fähigkeit, auch Widerspruch und Rückschläge wegzustecken, ist inzwischen einem wachsweich wabernd egozentrischen Zerrbild gewichen. Man reklamiert für sich selbstverständlich Freiheit und Selbstbestimmung, schiebt aber die Verantwortung möglichst weit von sich…

    Pauschale Lehrerschelte bringt da ebensowenig, wie das Draufsatteln noch mehr progressiv-abenteuerlicher Pädagogenromantik aus dem Nähkästchen der Post-68er. Man muss ja nicht gleich zum Rohrstock zurückkehren, um den Gedanken von Leistungsgerechtigkeit auch in der Schule zum Thema zu machen.

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