Entzückend schräge Romantik

Mit der Premiere des “Freischütz” von Carl Maria von Weber setzt das Theater Trier die Serie seiner exquisiten Inszenierungen fort. Regisseur Lutz Schwarz hat die romantische Oper gegen den Strich gebürstet mit den Wunderbürsten der literarischen Romantik selbst: Experiment und Ironie. Das phantastische Philharmonische Orchester unter der Leitung von Valtteri Rauhalammi zaubert den kongenialen Sound. Mit ihrem spielerischen Eskapismus und ihren überragenden Sängern und Sängerinnen schlägt die Oper das Premierenpublikum in den Bann.

TRIER. Die krude Story ist so abgedreht wie das Leben selbst. Der Jägerbursche Max ist neuerdings beim Schießen erfolglos, auf der Stelle folgt der soziale und psychische Abstieg. Wird er die Förstertochter Agathe heiraten und Förster werden können? Wohl kaum, und so lässt er sich vom bösen Jägerburschen Caspar in die unheimliche Wolfsschlucht locken, um dort “Freikugeln” zu gießen, die notfalls auch zwei auf einen Streich treffen. Klasse ist auch, dass als böses Omen ein Bild von der Wand und Agathe auf den Kopf fällt. Es gibt dunkle Rituale, Waldesnebel, finstere Mächte, geweihte Rosen, Träume, Liebe, Sex, Sehnsucht, Schuld und am Ende einen veritablen Eremiten, der alle erlöst.

Hier wird aufgefahren, was Küche und Keller der deutschen Romantik zu bieten haben, und in dieser Inszenierung macht das nicht nur Spaß, es ist auch spannend. Regie (Lutz Schwarz) und Bühnenbild (Kerstin Laube) zeigen sich inspiriert vom expressionistischen Stummfilm der 1920er Jahre. Beeindruckende Licht-und-Schatten-Effekte, karge Kulissen, wabernde Nebel schaffen Gruselatmosphäre. Die Kostüme (Carola Vollath) und teilweise auch das Bühnenbild setzen dazu biedermeierliche und volkstümliche Akzente und steigern dadurch die Schauerromantik. Immer wieder wird die düstere Dramatik durchbrochen, indem sich das Medium Theater selbst auf die Schippe nimmt.

Der “Freischütz” gewinnt in der Fassung mit den Rezitativen von Hector Berlioz eine surreale Note. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Valtteri Rauhalammi wartet mit einer außergewöhnlichen, experimentellen Interpretation auf: In vielen Pasagen lässt der Naturklang der Instrumente an Elfen und Kobolde im Orchestergraben denken. In ironisch prononcierte Rhythmen fließen die Melodielinien der Sänger mitunter schräg hinein. Die berühmten Freischütz-Hits der Männerchöre und Jagdbläser dagegen kommen ungewöhnlich zart und wie hingetupft daher und immer wieder explodiert der Sound in hoher Dramatik.

Das Zusammenspiel von Musik und Inszenierung motiviert auch die grandiosen Sänger zum Experiment. Michael Suttner als Jägerbursche Max ist der Mutigste, wenn der Opernsänger im Stil deutscher Stummfilmstars die romantischen Stimmungsschwankungen interpretiert. Lyrisches Sehnen in der Liebe zu Agathe, dann wieder dämonisches Augenrollen, dramatisch verzerrte Arme, angstvolles Kauern, wie ein Bühnen-Nosferatu spielt und singt Suttner die Passagen der Verzweiflung und Angst, ohne dabei auch nur einen Moment die Figur ins Parodistische zu verzerren. Das ist große Kunst.

Vera Wenkert, als Gast wieder an der Trierer Bühne, interpretiert die Facetten ihrer Agathe virtuos in sanftmütigem Schmachten, angstvoller Sehnsucht und handfestem Zupacken und wird vom Publikum gefeiert. In der Partie des Ännchen brilliert Evelyn Czesla. Mit sichtbarer Lust an der Rolle gibt sie ihrem Ännchen sehr moderne, sehr kokette und etwas diabolische Züge. Als böser Jägerbursche Kaspar fällt Alexander Trauth auf, der gesanglich ungeheuer kraftvoll und darstellerisch stark agiert. Francis Bouyer überzeugt als Ottokar und László Lukács als Erbförster Kuno. Als besonderes Schmankerl zeigen die entzückenden Vier Brautjungfern (Hee-Gyong Jeong, Cynthia Nay, Angela Pavonet, Magali Schmid) was eine romantische Harke ist. Opernchor und Extrachor (Einstudierung: Angela Händel) singen und spielen mit Lust und mitreißender Musikalität. Zum guten Schluss fliegt Pawel Czekala als Eremit im weißen Anzug vom Himmel herab und bringt Schuld und Wirrungen der Gesellschaft wieder ins Reine.

Die entschieden romantische Interpretation des Trierer “Freischütz” geht das Wagnis ein, kontrovers diskutiert zu werden. Das von zahlreichen Zuschauern aus den Nachbarländern durchmischte Premierenpublikum nimmt sie enthusiastisch auf.

Weitere Auführungen im Februar und März: Dienstag, 23. Februar; Sonntag, 7. März; Freitag, 12. März; Freitag, 19. März; Sonntag, 21. März.

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5 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Tobias Link schreibt:

    Nach der Lektüre der Freischützkritik kann ich es mir als Zuschauer diesmal tatsächlich nicht nehmen lassen, einen Leserbrief zu schreiben.
    So hinterlässt die Kritik mir doch den Eindruck, mit dem Freischütz das beste Stück Musik auf der Bühne erleben zu können, was jemals aufgeführt wurde.
    Frau Blasius mag es vielleicht GUT gefunden haben, was man ihr nicht verbieten kann – aber sie übertreibt in ALLERhöchstem Maße.
    Nichts war “grandios”, nichts hat “brilliert”, nichts war “hingetupft”.
    Liest man ihre Kritik so meint man, sie würde einen Extasytrip beschreiben.
    An einer Stelle allerdings nennt sie das richtige Wort – ohne es allerdings tatsächlich auszuführen: Biedermeierlich.
    Um mit den Berliozrezitativen anzufangen: Diese sind nicht umsonst jahrelang in staubigen Koffern gefangen gehalten worden, denn sie sind unerträglich und mehr als langweilig. Dadurch, dass Trier nicht untertitelt nehmen sie dem Text auch das letzte bisschen Verständlichkeit und lassen größtenteils nur noch Vokale und Worte erahnen. Hätte man mit Dialogen noch eine Grundverständlichkeit bewirkt, so wird mit Berlioz das letzte bisschen dieser Oper verschenkt, was sie dem Normalhörer zugänglich gemacht hätte.
    Der “zarte” Männerchor scheitert – so ist es vielleicht Schuld der Regie oder einfach nur Überforderung der Sänger. Die hohen Töne sind gebrüllt – und lassen deutlich hören, dass hier hätte gründlicher gearbeitet werden müssen.
    Um zu den Sängern zu kommen: Michael Suttner macht seine Sache gut, obwohl er für meinen persönlichen Geschmack einen Tick zu dünn ist. Vera Wenkert als Agathe ist eine Überraschung, so ist sie meines Erachtens als Hochdramatische doch eine Fehlbesetzung für Agathe, schlägt sich dafür aber tapfer – und stellenweise tatsächlich “schön”.
    Erwähnenswert Evelyn Czesla, bei der man hin und wieder sogar ein Wort versteht. Auch Alexander Trauth kann hier sehr schöne Momente vorweisen, meines Erachtens vielleicht sogar vom Klang und der Stimmführung an diesem Abend der Beste.
    Abschließend ein paar Worte zur Regie:
    Der erste Akt überzeugt zwei Minuten mit seinem Bühnenbild – und wirkte auf meinen Nebenmann tatsächlich einschläfernd. So passiert dort wirklich nichts, von Persönenführung ist hier bis auf einen psychotisch zuckenden Max nichts zu sehen. Die Wolfsschluchtszene schreckt mit marschierenden Soldaten ab, ein Klischee, dass in jeder größeren Stadt Buhrufe geerntet hätte, so ist es doch tief in die Mottengriffe der Regietruhe gegriffen. Davor sitzt Agathe fast ausschließlich auf ihrem Bett und tut (richtig!) nichts. Auch hier ist von Personenführung nicht der Hauch einer Spur.
    Im finalen dritten Akt meint Lutz Schwarz sein Konzept komplett aufzulösen – und lässt es noch eine Spur statischer werden (was ich kaum für möglich hielt). So bewegten sich die letzten dreissig Minuten tatsächlich nur diejenigen, die zu singen hatten – um nach Ende ihrer Phrase wieder einzufrieren.
    Unfertig wirkt es. Stellenweise zwar durchdacht, aber allzu lehrmeisterlich in seiner Nonstringenz. Auf den normalen Zuschauer wirkt es allerdings nicht intelligent sondern einschläfernd und unerträglich. Der Gedanke, dass Lutz Schwarz noch einmal die Chance bekommt, in Trier zu inszenieren (oder ÜBERHAUPT noch einmal irgendwo Hand anzulegen!) gruselt – denn hier sitzt ein Studierter hinterm Pult. Hier sollte bei gegebenem Resultat nicht diskutiert werden, ob der Freischütz gut oder schlecht, sondern man sollte den Ausbildungsinhalt einer Hochschule hinterfragen.
    So hat er meines Erachtens zu 90% jeden Fehler gemacht, den man machen kann – und quält das Publikum mit statischen, undurchdacht überdachten Bildern. Zur Regie: Setzen, 6.
    Fazit: Jeder normale Operngänger sollte sich fünfmal überlegen, ob er seine 18 Euro hierfür investiert, oder sie nicht doch lieber in halluzinogene Stoffe anlegt – denn diese könnten tatsächlich die hier von Christa Blasius beschriebene Bilder hervorrufen.
    Die Inszenierung von Lutz Schwarz und die Aufführung am Trierer Theater haben hingegen nichts Halluzinogenes, sondern wirken wie eine Schlaftablette.

  2. Kathy Kreuzberg schreibt:

    :-) Das Schöne an Kritiken ist, dass sie immer subjektiv sind und aus Sicht des Autors gelesen werden sollten.
    Ich erinnere mich noch an die Inszenierung von “Des Teufels General” (Regie: Horst Ruprecht) – meines Erachtens eine der besten Inszenierungen, die ich je auf einer Theaterbühne gesehen habe – leider stand ich mit der Meinung etwas alleine da. Dennoch kein Grund zur Aufregung: wenn Meinungsverschiedenheiten der Diskussion und Anregung für das Theater dienen, ist das nur gut. Insofern: schöne Kritik, schöner Leserbrief.

  3. wie immer schreibt:

    @ tobisas link: ich hoffe, dass das pfortenpersonal ab sofort angehalten wird, dir den zutritt am künstlereingang zu verweigern.

  4. Rolf Herschler schreibt:

    Kurz zu Leserbrief Tobias Link:

    Kritik üben sollte gelernt sein!
    Wenn man seine schlechte Laune als Anlaß nimmt und als ehemaliger Extra-Chor Sänger versucht eine Kritik auszuüben sollte man überlegen ob man schon Reif genug ist solch einen Leserbrief aufzusetzten.
    Dieser Leserbrief ist meiner Meinung nach ein Produkt von einem unerfahrenen Kritiker der sich wichtig machen wollte.
    So einem Ehemaligen Mitglied des Theater Trier sollte man HAUSVERBOT erteilen.

  5. Tobias Link schreibt:

    @wie immer:
    Ich mage vielleicht etwas negatives geschrieben haben – aber ich hatte wenigstens die Courage meinen Namen darunter zu setzen!

    @Rolf Herschler:
    Leserbriefe SIND Produkte unerfahrener Kritiker. Dafür sind sie da.
    Wieso sollte man mir Hausverbot erteilen, weil ich eine Produktion nicht gut fand? Ich habe Punkte einer anderen Kritik widerlegt und meine Meinung dazu ausgedrückt – und das in pointierter Form niedergeschrieben. Selbst bei nochmaligem Durchlesen kann ich nicht erkennen, dass ich jemanden persönlich beleidige, weil ich weder Christa Blasius noch Lutz Schwarz persönlich kenne und dazu tatsächlich auch keine Meinung dargestellt habe.
    Bitte stelle mir doch dar, wieso meine Kritik unreif ist und nimm dazu Stellung, was dir nicht gefallen hat – oder schildere doch, wieso ich falsch liege. Ich sehe in den beiden abgedruckten Leserbriefen nur ein Angriff auf MICH und nicht auf meine Meinung – und dazu ist dieses Forum hier nicht gedacht. Ich habe kein Problem mit dieser rohen Form von Kritik, fände es nur passender, etwas zu lesen, was mit dem Freischütz zu tun hat.
    Als weiteren Denkanstoss möchte ich nur zur Frage stellen, auf welchen Pfad wir uns bewegen würden, wenn man mir HAUSVERBOT erteilen würde auf Grund einer nicht konformen Meinungsschilderung! Für meinen Geschmack wären wir mit so einer Konsequenz auf freie Meinungsäußerung doch ziemlich schnell wieder an dem Punkt angelangt, den die NPD seit Jahren gerne durchgesetzt hätte.
    Ich habe diese Spielzeit großartige Produktionen gesehen, sei es der Figaro, Cabaret, in der Peter Koppelmann die beste Leistung seit rund fünf Jahren abgeliefert hat (Sollte Peter das lesen – Gratulatiion!) oder die lustige Witwe mit einem wunderschönen Viljalied. Der Freischütz gehörte eben nicht dazu.
    Und nur, weil ich jung bin sollte das kein Grund sein, mir die Meinung zu verbieten – so würde ich wertungsfrei doch auch sagen, dass Herrn Herschlers Kritik doch weit weniger konstruktiv war als meine.
    Mir persönlich war es nur wichtig, eine Meinung gegenüber all die positive Kritik zu stellen – denn soweit ich es gehört habe (auch als Reaktion auf meine Gegendarstellung) gibt es durchaus auch Menschen, die mir zustimmten.
    Ich denke, Kathy Kreuzberg hat alles gesagt, was man als Richtlinie hätte sagen müssen – und so sage ich als ehemaliger Extrachorkollege noch, dass ich meine Zeit am Trierer Theater sehr, sehr genossen habe, mit Höhen und Tiefen – und dass ich als Zuschauer immer wieder hören kommen werde, sei es nun Künstlereingang oder nur als “legerer” Zuschauer.
    Nur eins lasse ich mir nicht verbieten – nämlich das gesprochene Wort. Denn in Zeiten, in denen überall Unsicherheit herrscht ist es nicht nur ein Recht, sondern auch ein Privileg begründet Kritik üben zu dürfen. Davon habe ich Gebrauch gemacht – und werde es wieder tun.

    Bis zur nächsten Kritik!

    PS: Die nächsten persönlichen Angriffe doch bitte an meine persönliche Emailadresse (Tobias-Link-KC@web.de) und dann rechtfertige ich mich auch gern so viel, wie mein Gegenüber möchte – oder doch eine konstruktive Gegendarstellung in diesem öffentlichen Forum.

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