Vom Absteiger, der keiner sein wollte…
Draußen tobte das Sturmtief Xynthia, drinnen der Abstiegsk(r)ampf. Immerhin noch 2764 Zuschauer wollten sich die Partie der TBB Trier gegen den Tabellenletzten Paderborn anschauen – zu übertriebenem Optimismus bestand zwar kein Anlass, dennoch war ein Sieg für Trier nicht nur rechnerisch Pflicht. Allzu deutlich hatten die Trierer das Hinspiel dominiert. Was dem Publikum dann blühte, war indes ungefähr so erfreulich wie eine Wurzelbehandlung ohne Narkose, bei der dem Zahnarzt zweimal der Bohrer abbricht: Trier verliert nach drei Verlängerungen mit 98:101 gegen spielerisch limitierte, aber aufopfernd kämpfende Paderborner.
TRIER. Auf dieses Spiel konnte niemand Lust haben, der halbwegs klaren (Basketball-)Verstandes ist – eine Pflichtübung für alle Beteiligten, noch dazu an einem Tag, an dem es wetterbedingt nicht ganz ungefährlich war, das Haus zu verlassen. Jetzt macht es allerdings einen Unterschied, ob man dem zahlenden (oder akkreditierten) Zuschauer seine Unlust anmerkt, oder den Akteuren auf dem Parkett. Die Vorstellung, die die TBB Trier bis weit ins vierte Viertel hinein ablieferte, war an Lust- oder vielleicht auch Hilflosigkeit schwer zu überbieten.
Die TBB brauchte über vier Minuten um gegen alles andere als starke Gäste die ersten Punkte zu erzielen: Gillingham setzt sich mit Foul durch, trifft den Bonusfreiwurf nicht, 2:4. Die Gastgeber zeigten eklatante Reboundschwächen vor allem am offensiven Brett. Paderborns Offensive agierte ebenfalls auf ganz schwachem Niveau , aber zwei starke Szenen gegen Ende des ersten Viertels (Dreier und Fastbreak von Robert Hülsewede) genügten für eine 12:16-Führung zur ersten Pause.
Die nächsten Minuten wurden auf Paderborner Seite zur Einmann-Show: Paderborns stärkster Eins-gegen-Eins-Spieler Sefton Barrett durfte unter dem Trierer Brett schalten und walten wie es ihm beliebte, kein Verteidiger war in Sicht. So markierte Barrett unter anderem das 12:20 nach sträflich freiem Offensivrebound – Auszeit TBB , von den Rängen erschallten die ersten Pfiffe.
Doch die rütteln das Team nur kurzzeitig wach – Chris Copeland greift sich den Offensivrebound und punktet zum 14:20. Trier verliert sich in dieser Phase in unkoordinierten Einzelaktionen und findet viel zu spät in die Systeme – als es dann doch mal klappt, trifft Gillingham einen Dreier zum 21:25 – Auszeit Paderborn. Die Gäste können mit viel Einsatz die Führung zweistellig machen, indem sie erst die Uhr runterverteidigen, danach kann wieder Barrett viel zu frei zum 24:34 einnetzen – wieder Auszeit TBB, zwei Minuten vor der Halbzeit. Der ebenfalls komplett unverteidigte “Tingel-Tangel” Matt Terwilliger packt per Distanzwurf noch einen drauf – dank vier Punkten von James Gillingham bleibt der Rückstand aus Trierer Sicht zur Pause einstellig. Aber der Tabellenletzte hält die Hausherren zur Halbzeit mit mäßiger Leistung unter 30 Punkten – eine Farce.
Der zweite Durchgang sah zumindest am Anfang danach aus, als wollte Trier dieses Spiel dann doch noch gewinnen, oder zumindest noch ein bisschen Basketball spielen. Dreier des bis dahin unauffälligen Jamal Shuler und von Derek Raivio verkürzen den Rückstand auf 39:41, Freiwürfe von Shuler und ein verwandelter Korbleger von Maksym Shtein bedeuten sogar die kurzzeitige 45:44-Führung. Zur Viertelpause liegen aber wieder die Gäste vorn (47:49), die die Trierer Offense mit einer einfachen, aber wirkungsvollen 2-3 Zone vor viel zu große Probleme stellten.
Paderborn wollte jetzt gewinnen und startete das letzte Viertel mit einem 0:8-Lauf durch zwei Dreier von Laurence Borha und Daniel Lieneke sowie einen Fastbreak von Borha, der Copeland vorher den Ball abgenommen hatte – wieder Pfiffe von den Rängen. Der nächste Dreier von Daniel Lieneke zum 49:62 nötigte Yves Defraigne dazu, bereits die dritte Auszeit in der zweiten Hälfte zu nehmen. Immerhin das funktionierte – Trier kam fünf Minuten vor Ende der regulären Partie auf Kurs, ein Dreier von Pekovic, vier Punkte in Folge des immer stärker werdenden Shuler und schließlich das 63:66 durch Gillingham – 46 Sekunden vor Schluss war die Partie wieder offen. Noch einmal ging es auf und ab, bis Malik Moore an der Linie Nerven zeigt – zwei Fehlwürfe beim Stand von 66:70, Shuler sprintet mit dem Ball einmal übers ganze Feld und legt zum 68:70 ein. Terwilligers Einwurf geht ins Seitenaus – Ballbesitz Trier. Paderborns neuer Coach Dirk Happe nimmt eine Auszeit, ein schwerer Coachingfehler in seiner ansonsten guten Vorstellung, denn Defraigne nutzt die Zeit, seinem Team das entscheidende System zu skizzieren. Mit der Schlusssirene trifft Derek Raivio einen schier unmöglichen Distanzwurf zum 70:70 – eine unglaublich schwache Partie geht, völlig unnötig, in die Verlängerung.
Wieder hat der Tabellenletzte die besseren Karten, Trier muss am Ende “stop the clock” spielen, schickt Nicolai Simon an die Linie, der fünf Sekunden vor Ende beide Freiwürfe zum 80:83 trifft. Im Gegenzug trifft Jamal Shuler, wieder mit der Hupe und noch dazu mit einer Paderborner Hand im Gesicht einen eiskalten Dreier von 90 Grad – 83:83, Verlängerung Nummer zwei. Ein Spiel zum Aus-der-Haut-fahren. Die noch verbleibenden Zuschauer hielt es nicht auf den Sitzen, einige hatten sich schon lange vor dem ersten Abpfiff auf den Heimweg gemacht – sie verpassten den besten Teil.
Wieder war es der jetzt alles überragende Shuler (am Ende 39 Punkte), der die Trierer rettete: Zwei Freiwürfe zum 91:89 können von DeAndre Haynes nur ausgeglichen werden: 91:91. Die dritte Verlängerung.
Leider war es aber auch Shuler, der jetzt zum tragischen Helden werden sollte: 21 Sekunden vor Ende liegt Trier mit 98:99 hinten, den letzten Dreier hatte natürlich Shuler getroffen, er, dem jetzt alles gelang, und der von seinen ausgepumpten und teils neben sich stehenden Mitspielern gesucht wurde. Ballbesitz Trier nach starker Verteidigung und Auszeit Paderborn. Shuler versucht es mit dem Kopf durch die Wand gegen zwei Gegenspieler – das hat heute Abend auch schon funktioniert. Er verliert den Ball, es kommt kein Foulpfiff. Malik Moore spurtet zum Trierer Korb, Miladin Pekovic, der ihn foulen müsste, kommt einen Schritt zu spät. Moore legt unbedrängt zum 98:101 ein, die letzte Schlusssirene des Abends ertönt.
Die Halle ist totenstill. Die Abmoderation von Hallensprecher Christian Schmidt klingt nach Grabrede, der geplante Fantalk mit Jamal Shuler und Sammy Picard fällt aus. Die TBB ist im Abstiegskampf angekommen.
Zur Tabelle: Trier hat zwar Glück im Unglück: Düsseldorf, Gießen und Hagen, die direkten Konkurrenten um die Nichtabstiegsplätze (außer Paderborn) haben ebenfalls verloren. Aber der Vorsprung auf Platz 17 (jetzt: Paderborn) beträgt nur zwei Punkte. Und: Als nächstes stehen drei schwere Auswärtsspiele in Quakenbrück (9.), Gießen (16.) und Berlin (1.) auf dem Programm, bevor im nächsten Heimspiel die EWE Baskets Oldenburg (3.) nach Trier kommen.
von Tom Rüdell





1. März 2010 (21:53 Uhr)
Volle Zustimmung zu fast allem, dazu zwei Anmerkungen:
Coachingfehler machte n.m. Meinung v.a. Defraigne ( keine Systeme gegen die Zone, keine Ordentlciehe Defense usw.), oder er erreicht die Mannschaft nicht mehr, beides ist sehr schlecht für den Basketball in Trier.
Und Shuler war gestern abend wirklich ein Held: in der Offensive der einzige mit Wirkung, und auch in der Defense mit einigen tollen Aktionen (Block!). Wer außer ihm hätte den letzten Angriff abschließen sollen, die anderen waren verunsichert, glücklos, schlecht oder alles zusammen. Und meiner Meinung nach hätte er einen Foulpfiff kriegen müssen – er hatte bis dahin 11/11 Freiwürfen getroffen, und es wäre ein unverdienter Sieg geworden. Shuler (aber eigenttlich nur ihm) wäre es zu gönnen gewesen, ansonsten eien Offenbarungseid der Trainer und des Teams!