“In kleineren Städten muss man öfter zur Toilette”
Nach Goldt drängt, am Goldt hängt doch alles. Seit über einer Dekade sorgt der Kleist-Preisträger Max Goldt im Durchschnitt alle zwei Jahre mit seinen Lesungen für eine volle Tufa. Am Sonntagabend stellte er dort seine neue Textesammlung “Ein Buch names Zimbo” vor. 16vor besuchte ihn im Anschluss in seiner Garderobe. Allerdings nur, um “Hallo” zu sagen, denn der Autor, dessen Werk “zum am feinsten Gearbeiteten gehört, was unsere Literatur zu bieten hat” (Daniel Kehlmann), gibt keine Interviews. Deshalb hat der folgende Dialog auch nie stattgefunden.
16vor: Herr Goldt, warum lehnen Sie es ab, Interviews zu geben?
Max Goldt: Es gibt keine festgeschriebene Verpflichtung, sich von irgendwelchen wildfremden Menschen ausfragen zu lassen, deren Kompetenz und Absichten man nicht beurteilen kann. Jeder sollte es sich aussuchen können, ob er das möchte oder nicht, und wenn er es nicht möchte, sollte er auch nicht genötigt werden, das zu begründen.
16vor: Wie reagieren Journalisten, wenn Sie Ihnen sagen, dass Sie nicht interviewt werden möchten?
Goldt: Fast alle äußern im gleichen eingeschnappten Ton den gleichen tantigen Satz. Der Satz lautet: “Darf man fragen, warum nicht?” Hinterher verbreiten sie dann die Mär, man sei schwierig. Was ist an einem kristallklaren Nein schwierig? Einfacher geht’s doch gar nicht. Schwierig ist einer, der sich ziert und windet, erst zusagt und später meint, er möchte nun doch lieber nicht. Neben dem idiotischen Schwierigkeitsvorwurf gibt es noch die beliebte Behauptung, man sei menschenscheu oder: man lebe zurückgezogen. Genau das Gegenteil ist richtig: Wer Medienpräsenz scheut, braucht eben nicht zurückgezogen zu leben. Er kann U-Bahn fahren und im nächsten Supermarkt selber einkaufen.
16vor: Wie verbringen Sie die Zeit vor Ihren Lesungen?
Goldt: Auf Lesereisen habe ich es mir zum Ritual gemacht, dass ich, bevor ich gegen halb sieben vom Veranstalter abgeholt werde, mich für eine halbe oder knappe Stunde aufs Bett lege und fernsehe. Auf den meisten Kanälen kommen um diese Uhrzeit Berichte über Frauen, die sich die Brüste vergrößern lassen, damit sie zu mehr Anerkennung in ihrem offenbar hochkarätigen Freundeskreis gelangen. Ich bevorzuge es, mich von der Soap “Verbotene Liebe” verwöhnen zu lassen.
16vor: Und danach?
Goldt: Eine halbe Stunde vor Publikumseinlass, also anderthalb Stunden vor der Lesung, komme ich am Veranstaltungsort an. Ich mache grundsätzlich einen Soundcheck. Ich halte es für unprofessionell, wenn Autoren zu ihrem Tisch gehen und erst einmal ans Mikro klopfen, “Ist das an?” fragen und das Publikum mit Feedback-Vorführungen zu dem bekannten Anti-Feedback-Aufstöhnen animieren. Eine Stunde verbringe ich dann in der Garderobe. Hier entscheide ich, welche Texte ich vorlese und in welcher Reihenfolge.
16vor: Bei einer ihrer Lesungen in Trier vor knapp zehn Jahren ärgerten Sie sich darüber, dass einige Zuschauer bei dem Satz lachten: “Ich achte alle Menschen hoch, die sich in der Sterbehospiz-Bewegung um Schwerkranke bemühen, so auch Uschi Glas”. Warum haben Sie diese Besucher daraufhin zurechtgewiesen?
Goldt: Es dürfte sich hier um einen Fall von “Prominentennamen-Erkennungsgelächter” handeln. Man muss nur den Namen bestimmter Fernsehstars nennen, schon lachen manche Leute, weil sie denken, es folge nun etwas Lustiges über Saufen oder Skandälchen. Was mich an diesem speziellen Gelächter stört, ist der Umstand, dass da offenbar angenommen wird, ich hätte eine Neigung, mich mit dem Personal von der Titelseite der Bild-Zeitung auseinanderzusetzen. Ich halte dieses Personal aber normalerweise für nicht kommentarwürdig. Mich interessierte an Uschi Glas ausschließlich ihr Engagement in der Hospizgeschichte.
16vor: Es ist eben so, wie sie in Ihrem Vorwort von “Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau” schreiben: “Gelächter ist ein ausgesprochen häufiges Geräusch.”
Goldt: Es ist schön, wenn man über etwas Lustiges lachen kann, aber das Lachen ist nicht an und für sich etwas Gutes. Oft genug ist Lachen von Häme und Selbstgefälligkeit begleitet, Leute werden ausgelacht und damit krank gemacht. Auch der bloße Klang des Lachens ist, nüchtern betrachtet, nicht grundsätzlich herrlicher als andere Körpergeräusche wie zum Beispiel Rülpsen. Insbesondere die Raucherlache ist nicht schöner als der Raucherhusten, wenn auch viel häufiger, und rein rhetorisch könnte man sogar seine Kinder lieben, ohne immerfort zu behaupten, ihr Gelächter sei ein Himmelsklang.
16vor: Seit vielen Jahren kommen Sie regelmäßig für Lesungen nach Trier. Bei manchen Auswärtigen gilt der Trierer als etwas verschlossen. Haben Sie diese Erfahrung auch bei ihren Auftritten hier gemacht?
Goldt: Ganz gleich, wohin man kommt im deutschen Sprachraum, überall hört man, dass das ortsansässige Publikum besonders schwierig sei und kaum jemals auftaue. In allen Gegenden, mit Ausnahme des Rheinlandes, behaupten Kulturveranstalter, die jeweilige Landsmannschaft sei besonders stur und kulturell verschlossen. Die Wahrheit ist, dass die Leute im großen und ganzen überall gleich sind.
16vor: Es gibt keine Unterschiede zwischen den Zuhörern in Hamburg und denen in Trier?
Goldt: In kleineren Städten ist der Anteil derer größer, die auf gut Glück oder auch mit falschen Erwartungen kommen, das heißt, der Anteil der Kenner und Leser ist geringer. So ist es dort etwas unruhiger. Man muss auch öfter zur Toilette. Als typisch provinziell empfinde ich das Geräusch umfallender Bierflaschen, was aber wohl daran liegt, dass ich in größeren Städten oft in Sälen lese, in denen ein oftmals allzu strenges Personal darauf achtet, dass Getränke draußenbleiben, oder in “Verzehrtheatern” mit Tischen. Extrem provinziell ist es, wenn die Besucher aus der ersten Reihe ihre Füße auf den Bühnenrand legen, wie überhaupt alles betont Legere und Punkige. Das Großstadtpublikum ist insgesamt ruhiger, aufmerksamer und “dankbarer”, das heißt, es wird länger applaudiert.
16vor: Warum stört es Sie, wenn Besucher ihre Füße auf den Bühnenrand legen?
Goldt: Die Leute denken, das sei lässig, dabei sehen sie eher pflegebedürftig aus, als ob sie in einem elektrisch betriebenen Fernsehsessel für Senioren darauf warteten, dass es endlich an der Zeit ist, ins Bett zu gehen.
Anm.: Alle Zitate stammen aus Max Goldts Büchern “Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau”, “Der Krapfen auf dem Sims”, “Wenn man einen weißen Anzug anhat” und “QQ”.





2. März 2010 (18:42 Uhr)
Sehr schön, Originell und Lesenswert!
Danke.
3. März 2010 (10:40 Uhr)
Herr Goldt ist großartig, aber seine “Schüchternheit” könnte er ja mal beiseite legen und in einem spontanen Gespräch sein Talent zum Besten geben. Insofern finde ich die Idee eines fingierten Gesprächs echt witzig und gelungen, diesen Tonfall könnte ich mir bei Goldt so vorstellen.
9. März 2010 (18:27 Uhr)
ausgezeichnet und elegant – Dein Max Goldt “Interview”.
Sicherlich hat es ihm auch gefallen – wenn er es denn gelesen hat.
C+W