“Wir leben in einer sehr sicheren Stadt”
So wie in wohl jeder Stadt gibt es auch in Trier Orte, an denen man sich unwohl oder unsicher fühlt. Vor allem nachts. Die Trierer Geographie-Studentin Annika Busch-Geertsema hat sich diesem Problem von der wissenschaftlichen Seite genähert: Unter dem Titel “Angsträume in Trier” spürt sie in ihrer Diplomarbeit Orte auf, an denen sich Menschen fürchten – und bietet Lösungsvorschläge.
16vor: Frau Busch-Geertsema, wie sind Sie auf das Thema “Angsträume” gekommen? Sind Sie selbst ein ängstlicher Mensch?
Annika Busch Geertsema: Ich würde sagen, dass ich eigentlich kein ängstlicher Mensch bin. Ich habe keine Probleme, nachts durch Trier zu laufen, wobei sich das durch die Arbeit, durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema schon verändert hat. Ich bin durch die Arbeit nicht unbedingt ängstlicher geworden, aber ich betrachte meine Umgebung anders – ich sehe sofort, wenn beispielsweise die Beleuchtung schlecht ist.
Ein erster Anstoß für das Thema war unter anderem die Geschichte mit Tanja Gräff. Ich glaube, das Verschwinden der Studentin war vor allem für Studenten – gerade in so einer kleinen Stadt – ein großer Schock. Ich wollte aber auch ein Thema für meine Diplomarbeit haben, das am Ende nicht in der Schublade landet, das einen praktischen Nutzen hat. Auf das Thema “Angsträume” speziell kam ich dann während eines Praktikums in Bremen. Da habe ich mich viel mit Obdachlosigkeit beschäftigt. Gerade Obdachlose sind ja auch eine Gruppe, vor denen Leute Angst haben.
Dabei bin ich gar nicht dafür, dass man Leute von irgendwo vertreibt, weil sich andere gestört fühlen oder dann dort nicht mehr so gern shoppen gehen. Aber ich wollte diese Thematik in einem geographischen Kontext einmal objektiv beleuchten. Es gibt sehr viele Studien zu Angsträumen, vor allem aus den achtziger Jahren, allerdings ausschließlich von feministischer Seite.
16vor: Wo genau haben die Leute in Trier Angst?
Busch Geertsema: Von den Befragten haben 45 Prozent den Palastgarten als Angstraum genannt. Dabei zählen Parkanlagen überall verstärkt zu den Angsträumen. Aber 45 Prozent sind schon viel. Danach kommen der Hauptbahnhof und seine Umgebung (19 Prozent), die Treveris (16 Prozent), aber auch die Umgebung hinter dem Dom und die Unterführung in der Ostallee, das Moselufer und die kleinen Parkanlagen auf dem Alleenring.
Wenn man sich die Angsträume mal auf einer Karte ansieht, fällt auf, dass der Stadtteil Gartenfeld von einer Angstraumbarriere von der Innenstadt regelrecht abgeschnitten wird. Das halte ich für eine der zentralen Erkenntnisse meiner Arbeit. Aus dem Gartenfeld hatte ich auch die höchste Rücklaufquote und etwa drei Viertel der Befragten gaben an, sich vor allem im Palastgarten unsicher zu fühlen. Das Problem ist, wenn man im Gartenfeld wohnt und abends in die Stadt möchte, muss man immer durch einen Angstraum, sei es am Dom vorbei, durch den Palastgarten oder durch die Unterführung.
16vor: Wie kann man Angsträume beseitigen?
Busch Geertsema: Gerade im Palastgarten wäre eine klare Beleuchtung sinnvoll. Zum Beispiel könnte man eine Nachtroute einrichten. Den Rest könnte man in Ruhe lassen – es muss ja auch nicht jedes Eck ausgeleuchtet sein. Gerade der barocke Garten ist durch die Büsche sehr unübersichtlich. Da würde ein klarer, übersichtlicher, beleuchteter Weg Sinn machen.
In Unterführungen könnte man einen Spiegel anbringen, damit sie besser einsehbar sind. Die Unterführungen in der Ostallee könnte man durch eine Überführung ersetzen – was natürlich kostspielig ist. Aber wenn man sich mal die Grünstreifen ansieht, kann man richtige Trampelpfade erkennen. Die Leute gehen lieber über die Straße und lassen sich fast überfahren, als durch die Unterführung zu gehen.
Das Moselufer sollte besser ausgeleuchtet werden – und an der Treviris müsste man ein völlig neues Konzept erstellen.
16vor: Ist es nicht schwer, eine solche Arbeit objektiv anzugehen? Angst ist doch eine sehr subjektive Sache…
Busch Geertsema: Natürlich ist Angst subjektiv, aber dass jemand Angst hat, ist wiederum eine sehr objektive Sache. Um die subjektive Angst, die Menschen an einem bestimmten Ort haben, zu messen, gibt es in der kriminologischen Forschung eine Standardfrage: “Wie sicher fühlen Sie sich in Ihrer Wohngegend, wenn Sie bei Dunkelheit alleine auf die Straße gehen oder gehen würden?” Zusätzlich zu dieser Frage wollte ich in meinen Fragebögen wissen, an welchen Orten sich die Leute unsicher fühlen, zu welchen Tageszeiten und wie stark das Unsicherheitsgefühl ist. Außerdem konnte man Gründe für das Angstgefühl angeben.
16vor: Haben unterschiedliche Gruppen unterschiedliches Angstempfinden?
Busch Geertsema: Bisherige Studien wurden mit einer Ausnahme ausschließlich mit Frauen durchgeführt. In meiner Studie habe ich festgestellt, dass es signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Frauen haben viel mehr Furcht und sie fürchten sich auch vor anderen Sachen. Männer fürchten sich hauptsächlich vor Raumnutzern, also vor anderen Menschen im gleichen Raum. Frauen haben zwar auch Angst vor Raumnutzern, aber weniger stark ausgeprägt. Frauen haben vor allem Angst vor unbelebten Räumen. Und ihnen bereiten städtebauliche Aspekte mehr Furcht, also zum Beispiel eine fehlende Beleuchtung oder der fehlende Überblick zum Beispiel wegen Büschen.
Auffällig war auch, dass die Männer wesentlich weniger Fragebögen zurückgeschickt haben. Trotzdem wurden immer noch ein Drittel von Männern ausgefüllt – was mich überrascht hat. Daraus kann man aber ableiten, dass Männer generell weniger Angst haben, beziehungsweise, dass sie weniger Interesse an der Thematik haben.
16vor: Besteht ein Zusammenhang zwischen Räumen, wo Menschen Angst haben, und Räumen, in denen es zu Straftaten kommt?
Busch Geertsema: Bei den meisten Orten würde ich sagen, dass das nur eine subjektive Einschätzung des Einzelnen ist. Trier hat kein Kriminalitätsproblem. Das wurde mir auch von der Polizei so bestätigt. Natürlich wird im Palastgarten zum Beispiel auch mit Drogen gedealt. Genau wie am Bahnhof. Das sind klassische Orte, an denen es mehr Kriminalität gibt. Aber trotzdem besteht an diesen Orten keine tatsächliche objektive Gefahr für den Einzelnen. Das sollte man den Menschen auch klarmachen, dass ihre Angst subjektiv ist, dass ihnen an solchen Orten aller Wahrscheinlichkeit nach nichts passieren wird. Trotzdem darf man dann nicht sagen, dass die Angst unberechtigt sei und man deswegen auch nichts zu ändern braucht. Es ist schließlich sehr wichtig, dass sich die Bürger in ihrer Stadt sicher fühlen.
Ich habe in meinen Fragebögen auch nachgefragt, ob die Personen an den Orten, an denen sie Angst haben, auch Opfer von Straftaten wurden. Wirkliche Straftaten wurden dabei kaum genannt. Die meisten wurden angepöbelt. Vor allem im Palastgarten oder an der Treviris. Das ist natürlich unangenehm. Ich glaube, jede Frau kennt das, wie unwohl man sich fühlt, wenn man nachts in der Stadt einfach angesprochen wird.
16vor: Sie wollten Ihre Diplomarbeit ausdrücklich nicht für die Schublade schreiben. Wird die Arbeit einen praktischen Nutzen haben?
Busch Geertsema: In der Stadt Trier gibt es keine spezielle Abteilung, die sich mit der Angstraumthematik auf städtebaulicher Ebene beschäftigt. Von der Stadt wurde mir gesagt, dass das Sicherheitsthema bei der Planung aber immer mit einfließt. In Koblenz gibt es aber beispielsweise eine eigene Arbeitsgruppe. Ich fände es sehr sinnvoll, auch in Trier eine Stelle für einen Angstraumbeauftragten zu schaffen – auch wenn ich weiß, dass dafür wohl kein Geld da ist. Gerade für die Bürger wäre es sehr gut, wenn es da einen speziellen Ansprechpartner gäbe. Denn wenn man beispielsweise erreichen möchte, dass der Palastgarten besser beleuchtet wird, ist nicht klar, an wen man sich wenden soll. Für Straßenlaternen ist das Tiefbauamt zuständig, für den Park aber das Grünflächenamt. Aber irgendwie ist es auch eine stadtplanerische Maßnahme, oder man könnte auch zum Ordnungsamt. Als Bürger weiß man einfach nicht, wo man sich hinwenden soll.
Bedarf ist aber durchaus da. Von meinen 1000 Fragebögen, die ich in ganz Trier an Haushalte verteilt habe, sind 200 zurückgekommen. Eine so hohe Rücklaufquote zeigt deutlich, dass Interesse an dieser Thematik besteht. Allgemein wurde mir aber von der Stadt Interesse bekundet. Gerade Frau Wiemann-Enkler, die Leiterin des Stadtplanungsamt, ist daran interessiert, meine Arbeit zu lesen. Allerdings weiß ich nicht, was dann auch umgesetzt wird.
16vor: Wie steht Trier im Vergleich mit anderen Städten da? Haben die Trierer besonders viel Angst?
Busch Geertsema: Ich würde sagen, dass in Trier, außer der Angstraumbarriere und vielleicht dem Palastgarten, kein wirkliches Problem besteht. Und diese könnte man relativ einfach lösen. In anderen Städten wurde sehr schnell auf solche Studien reagiert. Da wurden Unterführungen von Kindergärten gestaltet oder es wurden Überwachungssysteme angebracht. Bisher war das Thema in Trier ja so nicht präsent, Angsträume waren nicht bekannt, sie konnten nur erahnt werden. Von daher haben wir hier ganz gute Voraussetzungen.
Ich denke also, dass in Trier Handlungsbedarf besteht, dass aber Trier keine Stadt der Angsträume ist. Die Angst, die wir haben, ist eine rein subjektive. Ich finde es auch sehr wichtig, nochmal zu sagen, dass wir in Trier in einer sehr sicheren Stadt leben.
von Simone Dürmuth





6. März 2010 (19:29 Uhr)
Dieses Thema ist nicht neu. “Angsträume” in Trier wurden immer wieder von Frauen beschrieben und dokumentiert. Gut, dass Frau Busch-Geertsema da wieder dran geht. Ob das immer so femministisch war? Was ist das eigentlich?
Unglücklich finde ich, das Thema Tanja Gräf als “ersten Anstoß” damit in Verbindung zu bringen. Klar sind wir alle, nicht nur StudentInnen, geschockt. Außerdem hoffe ich immer noch, dass dieses Thema nicht “in der Schublade” landet. Das eigentliche Thema von Frau Busch-Geertsema sind “Angsträume” im Alltag in Trier. Als 56jähriger Mann habe ic die auch. Aus dem Grund habe ich Pfefferspray in der Tasche. Zugegeben auch erst, nachdem ich tagsüber während einer Wanderung nach Trierweiler von einem freilaufenden Hund angefallen wurde. Dass Obdachlose aus Bremenherhalten müssen, ist schwierig zu verstehen. Frau Dümuth sollte sich tatsächlich auf den “geographischen Kontext” beschränken. Schlussfolgerungen, dass wir “Männer generell weniger Angst” hätten, führen in die verkehrte Richtung. Ich stehe zu meiner Angst, habe deshalb immer ein “Schweizer Messer” im Sack und Pfefferspray in der Tasche. Zugriffbereit. Das bringe ich allen meinen weiblichen Mitbewohnerinnen in meinem Haus bei. Männer sorgen an dem Punkt vielleicht mehr vor.Aus Angst. Keineswegs aus weniger Interesse an diesem Thema. Meine Tochter ist 10 Jahre alt!
Frau Busch-Geertsma sollte aufhören zu psychologisieren. “Subjektive Einschätzung”. Klar, der Angst vor dem, und die hat Angst vor dem. Banal.
Mal Dieter Duhm lesen: “Angst im Kapitalismus”. Ängste sitzen tiefer. Ängste kommen von Existenzsorgen. Von überbehütenden Müttern und Vätern. Von Lebensängsten. (Will ich in dieser Welt überhaupt leben?) “Subjektiv” erlebte Angsträume sind Folgen davon. – Reale Ängste: Ich schloss meine Haustür auf, nachts um 2.00 und ein Typ kommt von hinten und wollte mich anspringen.
Ich schaffte es gerade noch, die Haustür ihm vor der Nase zu zuknallen, sein Fuss steckte in meiner Haustür aus Glas. – Die herbeigerufene Polizei stellte 15 min später nichts fest außer einer kaputten Glasscheibe. Angsträume sind überall. Auch in der Speestraße. Glauben Sie Frau Busch-Geertsema, Angst ist nicht rein subjektiv. Das Geschäft mit der Angst objektiv.
7. März 2010 (18:12 Uhr)
Meines Wissens gab es vor zehn bis zwölf Jahren eine Arbeit zum selben Thema von einer Geographie(?)-Studentin (?) -Diplomandin(?) -Doktorandin(?) namens Viola Weinhold. Ein Vergleich wäre vielleicht interessant.
8. März 2010 (14:57 Uhr)
“Die Unterführungen in der Ostallee könnte man durch eine Überführung ersetzen – was natürlich kostspielig ist. Aber wenn man sich mal die Grünstreifen ansieht, kann man richtige Trampelpfade erkennen.”
Bitte nicht noch eine Unterführung dichtmachen. Das war schon der größte Fehler an der Porta Nigra! Seitdem kommt man als Fußgänger, Radler und Autofahrer in einem mordsmäßig langsamen Tempo voran. Was waren das noch Zeiten, als man einfach die Unterführung nutzen konnte.
Damals wurde argumentiert, die Paulinstraße erfahre eine Aufwertung durch die Ampelanlage. Dazu fällt mir nur der Kommentar einer älteren Dame aus der Thyrsusstraße ein: “Als ob einen jetzt mehr in de Paulinstraß kommen würd, nur weil et da jetz so en schöön Ampel gibt”.
Ansonsten aber Respekt für die Diplomarbeit, daraus kann man wirklich praktische Erkenntnisse ziehen.
9. März 2010 (09:45 Uhr)
@Klartexter
“Damals wurde argumentiert, die Paulinstraße erfahre eine Aufwertung durch die Ampelanlage.”
Schöne, typisch trierische Argumentation.
Da möchte man – als Bewohner des Saarstraßen-Umfelds – nur den Ausführungen der Dame hinzufügen “die Ampel kann su schien sein, wie se will, solang die Stroaß nitt schien is!”
9. März 2010 (19:59 Uhr)
Ich habe mir mal Gedanken zu einer Grünerweiterung im Bereich der Ostallee/Weimarer Allee gemacht. Als ehemaliger Bewohner der Ostallee (nahe Kreisel) empfand ich die Verkehrslärmbelästigung als unangenehm bis störend. Dabei kam ich auf die Idee, die Straße von vier auf zwei Spuren zu verschmälern, und somit eine Verkehrsberuhigung zu erzielen und den gewonnenen Raum als Grünfläche zu nutzen. Dabei könnte ich mir auch vorstellen, daß im Bereich der Kreuzung Gartenfeldstraße-Ostallee ein zweiter Kreisel die Kreuzung ersetzt. Vielleicht wäre für den Autoverkehr eine Deckellösung über dem Schienenabschnitt Gartenfeldstraße-Kreisel (Kaiserthermen) diskutierbar – also den Verkehr vom Kreisel Kaiserthermen über den Gleisen der Bahnlinie bis zur Gartenfeldstraße zu führen und in entgegengesetzter Richtung auf zwei Spuren der Ostallee in Richtung Kreisel-Kaiserthermen. Der Abschnitt der Weimarer Allee von Gartenfeldstraße bis Kreisel-Kaiserthermen könnte als grüne Baumallee als Erweiterung des Palastsgartens gesehen werden.
Somit könnte der Stadtteil Trier Ost/Gartenfeld die Barriere des stark befahrenen Alleenrings überwinden und Anschluß an das Zentrum knüpfen…