“Nicht nur das schlechte Gewissen beruhigen”

Vor drei Tagen stellte UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon in einer Erklärung fest, dass Stereotypisierung und Diskriminierung der Geschlechter weiter in allen Kulturen und Gemeinschaften vorhanden seien. “Es ist sehr besorgniserregend, dass frühe Heiraten und Zwangsehen, sogenannte Ehrenmorde, sexuelle Misshandlungen und der Handel mit jungen Frauen und Mädchen noch immer weit verbreitet sind und in einigen Regionen sogar steigen.” Diskriminierung und Ungerechtigkeit müsse deshalb immer wieder thematisiert werden. Das geschieht verstärkt heute, am Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau. 16vor-Mitarbeiterinnen schreiben im Folgenden, was der Weltfrauentag hierzulande für sie bedeutet.

Am Weltfrauentag werden in deutschen Tageszeitungen Jahr für Jahr die gleichen Statistiken bemüht: Wie hoch ist die Lohnungleichheit zwischen weiblichen und männlichen Arbeitnehmern? Ist die politische Partizipation von Frauen gestiegen? Welche Leistungen erbringen Schülerinnen im Vergleich zu Schülern? Und so weiter und so fort. Und Jahr für Jahr wird festgestellt, dass die Lohnungleichheit in Deutschland beschämend hoch, die politische Partizipation zwar gestiegen, aber noch zu niedrig und die weibliche Schülerschaft erschreckend schlau ist.

Nur konsequent ist da der Gender-Index, der all diese Angaben auf eine Zahl runterbricht und damit die Messung der Chancen(un)gleichheit von Frauen und Männern sowohl im Zeitverlauf als auch im Regionenvergleich ermöglicht (www.gender-index.de). Über die Berechnung des Gender-Index, der sich aus 19 Indikatoren aus den Bereichen Ausbildung, Erwerbsleben und Partizipation zusammensetzt, kann man sicherlich streiten. Folgt man aber den Forschern der Hans-Böckler-Stiftung, so landet Trier in Sachen Gleichstellung unter den 413 kreisfreien Städten und Landkreisen auf Platz 138, was sich im Vergleich zum Kreis Trier-Saarburg (Platz 360) oder etwa zum Eifelkreis Bitburg-Prüm (Platz 411) gar nicht so schlecht macht. Erstmalig veröffentlicht wurde der Gender-Index übrigens am 3. November 2008 – am, ja genau: Weltmännertag. Dr. Nicole Zillien

Der Weltfrauentag, einer von zahlreichen mehr oder minder beachteten Aktions- und Gedenktagen, liegt in der Rangordnung zwar sicherlich noch vor dem Tag des deutschen Butterbrots (am 26. September ist es wieder soweit), aber definitiv noch weit hinter dem Muttertag. Wenn man daraus schließen würde, dass die Rolle der Frau sich immer noch auf die der sorgenden Mutter am heimischen Herd beschränkt, wäre dies sicherlich zu weit gegriffen.

Allerdings zeigt sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern gerade in der Berufswelt noch nicht sonderlich ausgeglichen. Frauen werden bei gleicher Qualifikation noch immer vielerorts schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Daran hat sich trotz erster deutscher Kanzlerin in zweiter Amtsperiode nichts geändert.

Wenn allerdings die scheinbare Problemlösung darin besteht, dass das Frausein bei Einstellungsverfahren mit einer Behinderung gleichgesetzt wird und weiblichen Bewerberinnen ebenso wie Behinderten bessere Chancen auf eine Stelle in Aussicht gestellt werden, fühlt man sich als potenzielle “Quotenfrau” nicht gerade sonderlich gleichberechtigt.

Deshalb gilt für mich am Weltfrauentag ebenso wie am Muttertag oder anderen “Sondertagen” dieser Art: Wenn sie nur dazu da sind, einmal im Jahr das allgemeine schlechte Gewissen zu beruhigen und ein Thema pro forma an einem speziellen Tag abzuhandeln, dann hat das wenig Wert. Wenn es allerdings gelingt, sie zum Anlass zu nehmen, auf noch immer bestehende Probleme längerfristig aufmerksam zu machen, dann darf man im Gegenzug einen solchen Tag als Frau ruhig genießen und sich heute einfach mal selbst feiern und zwar nur sich selbst, jenseits aller Rollenklischees. Isabel Nündel

Frauen und Männer sind nun mal verschieden. Das ist naturgegeben und eigentlich auch weniger ein Problem, als vielmehr etwas Wunderbares. Ein Problem jedoch ist, dass wir uns in all unserer Verschiedenheit nicht auf Augenhöhe befinden. Und das zu ändern, ist nicht Aufgabe des Gesetzgebers – das ist auch nicht mit Geld zu ändern. Das kann sich nur in den Köpfen der Menschen ändern. Das Wichtigste aber ist, dass eine Begegnung von Mann und Frau auf Augenhöhe nicht durch bloße Gleichmacherei zu erreichen ist – sondern nur, wenn wir uns in all unserer wunderbaren Unterschiedlichkeit respektieren. Simone Dürmuth

“Der Mensch, der seiner selbst gewahr ist, ist hinfort unabhängig; auch langweilt er sich nie, und das Leben ist nur allzu kurz, und er ist völlig durchtränkt von einem tiefen, doch maßvollen Glück.”

Diese Erkenntnis Virginia Woolfs, eine der kraftvollsten Wegbereiterinnen der Gleichberechtigung, bedeutet mir die wesentliche Richtung der Emanzipation: Jedem Menschen, gleich welchen Geschlechts und welcher Herkunft, die Möglichkeit einräumen, sich seiner selbst bewusst zu werden, sich und seinen Charakter in jeder Hinsicht frei zu bilden. Denn Gleichberechtigung nimmt beide Geschlechter in den Blick. Die notwendigen Kampfzeiten des Feminismus liegen hinter uns, meine Generation lebt privilegiert in einem Zeitalter, in dem wir die Früchte unserer Vorstreiterinnen ernten dürfen, und wir blicken nichtsdestoweniger in eine Zukunft, die Aufgabenfelder für couragiertes Engagement bereithält.

Hüten sollten wir uns aber davor, mit Frauenbeauftragten auf der einen und neuerdings geforderten Männerbeauftragten auf der anderen Seite und ähnlich positionierenden Maßnahmen und Gedanken eine Frontstellung zu stilisieren, welche die Geschlechter gegeneinander aufbrächte, statt das Potenzial der Gemeinsamkeit für einander zu nutzen. Sich seiner selbst gewahr sein bedeutet in meinen Augen auch und vor allem, das Andre, Fremde zu akzeptieren und im eigenen Wesen zu integrieren. Wir brauchen einander – und das ist auch gut so. Annika Hand

Ich weiß zunächst einmal gar nicht, ob ich mich zu diesem Thema äußern sollte: In meinem ganzen Leben war ich noch nie bewusst einer Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts ausgesetzt. Dieses Leben dauert wohlgemerkt auch erst 23 Jahre und hat ausschließlich in Westeuropa stattgefunden. Ich weiß, dass das unter anderen Umständen weniger bequem abgelaufen wäre.

Hat man das Recht, sich aus der Bequemlichkeit zu äußern? Ich weiss es nicht, aber ich mache es trotzdem: Wenn dieser Tag das ist, wofür ich ihn halte (eine Geste zur Stärkung der Frauenrechte), dann ist sein Begehen – zumindest in Deutschland – eine Farce. Angenommen, es gibt diesen gesellschaftlichen Missstand, dann kann die Reaktion doch nicht sein, dass man einen jährlichen Gedenktag begeht und das Problem dann wieder für ein Jahr vergisst. Ich würde gerne mal mit einer “von Diskriminierung betroffenen Frau” reden, und sie fragen, wie sie diesen Tag verbringt. Anschließend würde ich sie fragen, was sie an den restlichen Tagen des Jahres macht und wüsste dann vielleicht mehr.

Ein jährlicher Weltfrauentag ist wie ein Paar, das nur am Valentinstag Sex hat, oder Kinder, die ihre Mutter nur am Muttertag lieben. Wer ein Problem feststellt, muss sich um Maßnahmen bemühen, und zwar nicht nur an einem Tag, der die offizielle Erlaubnis dazu erteilt. Kathrin Schug

Feminismus hatte für mich immer etwas leicht Angestaubtes und das Verruchte all dessen, was politische Bekenntnisse heutzutage in unseren Breiten so mit sich bringen. Aber gibt es diesen vielbeschworenen, locker-frischen, unangestrengten “Postfeminismus”? Heißt das, die neue Frau darf BHs tragen, ohne die Achseln zu rasieren? Wie auch immer: Ich bin für die liberale Grundhaltung, individuelle Lebensentwürfe vor pauschalen Verwerfungen und gegenseitiger Behinderung zu schützen. Das kann manchmal anstrengend sein, weil man sich in der ein oder anderen Debatte auch mal in die gut markierte und stigmatisierte Schublade der Feministinnen pferchen lassen muss, auch wenn man sich nicht wohl in ihr fühlt.

In Bezug auf den gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität ist es anstrengend geworden, eine differenzierte Meinung zu bilden, weil man die Grenzen zwischen sexueller Freiheit, gegenseitiger und Selbst-Ausbeutung gar nicht mehr klar erkennen kann. Gegen dieses Verschwimmen der Feindbilder fällt mir nur die Kampfparole ein, sich selbst streitbar zu machen, seine Gewissheiten und seinen Lebensentwurf zur Diskussion zu stellen. In unseren Breiten hat der Feminismus viel für die Möglichkeit einer solchen individualisierten Diskussionskultur erstritten. Ich bin sehr gespannt, ob die modernen Medienstars und MedienmacherInnen diese Streitbarkeit in eine Massenöffentlichkeit übertragen können. Wer seine Wäsche in aller Öffentlichkeit wäscht, wird in der Regel immer noch in einer der wenigen Schubladen landen: Mütter und Heimchen, Karrierefrauen und alpha-Weibchen, Alt- und Post-Feministinnen, Sex-Bomben und Kampflesben. Eine moderne Geschlechterpolitik sollte in diesem Wäscheschrank noch ein bisschen mehr Unordnung stiften. Na Young Shin

Zum Weltfrauentag werden am Freitag und Samstag in der Tufa wieder die “Vagina-Monologe” von Eve Ensler aufgeführt, auch wenn das Stück selbst ja nicht an ein Datum gebunden ist. Szenisch und in Lesungen dargestellt wird unter anderem Gewalt und Missbrauch gegen Frauen. Themen, die zum Gedenktag dann auch vermehrt in den Medien auftauchen. Das ist meiner Meinung nach nicht nur rund um den 8. März wichtig, sondern zum Beispiel auch im Mai oder Dezember! Wenn allein der Tag zum Anlass genommen wird, Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Familie, der Schule oder auf der Bühne zu thematisieren, ist es ein wichtiger Tag, nicht nur in Trier. Bettina Leuchtenberg

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Linde Andersen schreibt:

    Frau K. Schug möchte ich fragen, “geht es denn nur um Ihr Leben?” dass Sie dankenswerterweise ohne entsprechende Beeinträchtigung erleben? – auch deshalb,
    weil andere Frauen vor Ihnen gekämpft haben.
    Was die Solidarität mit Millionen anderer Frauen – auch in Deutschland – erfordert, werden Sie doch
    sicher zur Kenntnis genommen haben. Für die Veränderung ihrer Lebenssituation muss weiter gestritten werden.
    Auch für Sie persönlich wird eine andere Sicht auf die Verhältnisse wahrscheinlich, wenn Sie beruflich in Konkurenz zu Männern ko mmen werden -
    bei gleicher Qualifikation.
    Der Weltfrauenatrag ist keineswegs die Aufforderung, im restlichen Jahr die Belange der Emanzipation ( im übrigen auch die des Mannes ) ad acta zu legen.
    Nachdenklich gemacht?
    In weiblicher Solidarität grüßt Sie
    L. Andersen

  2. Kathrin Schug schreibt:

    Ich glaube, Sie haben mich nicht richtig verstanden. Ich lehne diesen Tag nicht ab, weil ich seine Absichten unnötig fände, sondern weil ich ihn kontraproduktiv und gefährlich finde. Diskriminierung ist kein Naturzustand, sie ist eine schlimme Art der sozialen Übereinkunft, und sie funktioniert, weil alle daran glauben. Ein Weltfrauentag tut in meinen Augen nichts, als die gesellschaftliche Konstruktion einer Ungleichheit am Leben zu erhalten. Jahr für Jahr auf’s Neue. Ich will diesem Tag überhaupt nicht absprechen, dass er hehre Absichten verfolgt. Aber das Gegenteil von gut ist eben gut gemeint. Solange irgendeiner Solidarität noch das Attribut »weiblich« vorangestellt werden muss, ist nichts in Ordnung.

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