Grundbedürfnisse kommen vor Gleichberechtigung
Armut ist nicht nur in unsrer Stadt kein im Sinne des Wortes offensichtliches Problem. Vielmehr ein verstecktes – und damit ein bestürzendes Phänomen, das ein Beispiel für eine sanktionierende und schönfärbende Haltung unserer Gesellschaft abgibt. Anlässlich des Weltfrauentages informierte im Rahmen einer Diskussionsrunde der Trierer Jusos und des Sozialdienstes Katholischer Frauen die Leitung des “Haltepunkts” für wohnungslose und benachteiligte Frauen über das Ansteigen der Armut insbesondere von Frauen und Kindern und stellte die Arbeit ihrer Institution in Trier vor.
TRIER. Der “Haltepunkt” in der Krahnenstraße 35 ist eine Anlaufstelle für Frauen, die in unterschiedlichster Weise Hilfe benötigen: Von den 290 Frauen, die sich im vergangenen Jahr an die engagierten hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen gewandt haben, waren allein 53 ohne festen Wohnsitz; damit einher geht Arbeitslosigkeit und die Schwierigkeit, wieder eine Erwerbstätigkeit zu finden. Oft sind die Frauen hochverschuldet und ohne Aussicht, allein aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Psychische Probleme oder Suchterkrankungen können daraus resultieren.
Die Mitarbeiterinnen des “Haltepunkts” begegnen den Frauen und der Vielfalt ihrer Sorgen verschiedenartig. Herzstück der niedrigschwelligen Einrichtung, zu der die Frauen anonym und ohne Terminabsprache Zugang finden, ist das täglich geöffnete Café, das Möglichkeit bietet, sich auszutauschen, miteinander Zeit zu verbringen. Neben der Gelegenheit, den Hygienebereich mit Duschen und Waschmaschinen zu nutzen, steht das Angebot der Notübernachtung zur Verfügung und es werden den Frauen Hilfestellungen mit Alphabetisierungskursen, Bewerbertraining, im Kontakt mit Behörden, bei Arztterminen oder bei der Wohnungssuche geboten.
Letztere, so betont die Bereichsleiterin Iris Kaeding, stellt in Trier ein besonderes Problem dar. In Konkurrenz zu den Studierenden werden diese gegenüber ALG-II-Empfängerinnen von den Vermietern bevorzugt, zudem ist der soziale Wohnraum sehr gering. Die Frauen wohnen daher meist vorübergehend bei Freunden oder Bekannten; im schlimmsten Fall werden die so von ihren Gönnern Abhängigen sexuell missbraucht. Auch auf diese Gewalterfahrungen müssen die Mitarbeiterinnen eingehen können. Das Netzwerk in der Krahnenstraße, in der weitere Einrichtungen für Frauen zu finden sind, ermöglicht dabei ein zielgerichtetes, direktes Handeln.
Deutlich wurde bei der von den Trierer Jusos und dem Sozialdienst Katholischer Frauen organisierten Veranstaltung, an der auch Ministerin Malu Dreyer teilnahm, dass die Armut von Frauen besorgniserregend zugenommen hat und damit auch eine in ihren Konsequenzen noch nicht abzuschätzende Altersarmut droht. “Alter” erweist sich dabei als ein sehr relativer Begriff. Durch Suchterkrankungen oder unterdurchschnittliche medizinische Versorgung aufgrund von mangelnden finanziellen Mitteln – tatsächlich fehlt es den Frauen häufig schon an den zehn Euro Praxisgebühren oder auch am Geld, sich die erforderlichen Medikamente zu kaufen – verläuft der physische Alterungsprozess schneller. Wie diese Tatsache aufzufangen, wie dem durch rechtzeitige Unterstützung entgegenzuwirken ist, dass geschlechtsgetrennte Altersheime geschaffen werden müssen, um Frauen mit Gewalterfahrung nicht zu ihrem Lebensende permanenten Ängsten auszusetzen – darüber haben sich die politisch Verantwortlichen bislang all zu wenig Gedanken gemacht.
Diesen existentiellen Belangen geht ein Bewusstsein über Gleichstellung zwischen Männern und Frauen verständlicherweise völlig ab. Dreyers Frage an zwei geladene Frauen, für die der “Haltepunkt” wichtige Anlaufstelle ist, was ihnen der Weltfrauentag bedeute und ob sie sich als Frauen benachteiligt fühlten, führte denn auch nicht zu feministischen Antworten. Mehr Spielplätze, mehr Waschsalons, mehr Wohnungen – diese Maßnahmen liegen den Frauen am Herzen.
Die Einrichtung steht allen offen, die sich tiefergehend informieren möchten und/oder sich tatkräftig einbringen wollen. Der Dachverband Sozialdienst katholischer Frauen e.V. steht dabei ebenso für Fragen zur Verfügung wie der “Haltepunkt” selbst.
von Annika Hand





11. März 2010 (09:51 Uhr)
Wie Brecht gesagt haben soll: “Erst kommt das Fressen, dann die Moral”. Aus Sicht der betroffenen Frauen ist dies natürlich nur zu verständlich, dass ihnen solche Bedürfnisse wichtiger sind. Deswegen empfanden wir dies auch als eine wichtige Akzentuierung für den internationalen Frauentag.
Aus Sicht der Gesellschaft müssen aber Grundbedürfnisse wie auch Gleichberechtigung der Menschen erfüllt bzw. gewährleistet werden.
Vielen Dank für den ausführlichen Bericht.
Johannes Barrot
Jusos Trier