Trierer ETI vor dem Aus
Das Europäische Tourismus Institut Trier (ETI) wird zum 30. Juni geschlossen. Damit verliert die Stadt innerhalb weniger Monate bereits die zweite renommierte Einrichtung – das Studienzentrum Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung hat seine Zelte bereits abgebrochen und den Bestand seiner Bibliothek nach Bonn verlegt. Das ETI, an dem unter anderem die Bundesländer Saarland und Rheinland-Pfalz sowie das Großherzogtum Luxemburg beteiligt sind, wird nach Informationen von 16vor an ein norddeutsches Beratungsunternehmen verkauft, der Standort Trier soll aufgegeben werden.
TRIER. Es gibt nicht viele Einrichtungen in Trier, über deren Arbeit auch schon mal die Tagesthemen oder überregionale Tageszeitungen berichten. Das Europäische Tourismus Institut, kurz ETI, war eine jener Ausnahmen, und wenn nun umgesetzt wird, was nach Informationen von 16vor beschlossene Sache ist, dann wird die Moselstadt nicht nur neun hochqualifizierte Arbeitsplätze weniger haben, sondern schon bald um eine renommierte Institution ärmer sein.
1991 von Rheinland-Pfalz, Luxemburg und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens gegründet, stieß 2002 das Saarland als weiterer Gesellschafter hinzu – womit das ETI im besten Sinne des Wortes großregional aufgestellt war. In den beinahe zwei Jahrzehnten seines Bestehens machte sich die Einrichtung als internationales TourismusÂforschungsinstitut an der Universität Trier vor allem in den Bereichen Forschung und Weiterbildung einen Namen. Zuletzt lag der Schwerpunkt auf dem Gebiet der touristischen Beratung. Die Liste der Auftraggeber reichte von Verbänden über Landesministerien und Bundesämter bis zum Statec, dem Amt für Statistik des Großherzogtums.
Die ETI-Experten untersuchten das Reiseverhalten der Luxemburger ebenso wie die Wanderbegeisterung der Deutschen. Auch dass inzwischen weniger als ein Fünftel der Bundesbürger ihren Urlaub im Reisebüro planen, ermittelte das Institut. Das ist der Stoff, aus dem knappe Agenturmeldungen sind. Die machten das Institut, das auch Studien zu Projekten wie einem “Pferdekompetenzzentrum Osnabrücker Land” durchführte, denn auch bekannt.
Fehlende Aufträge sollen nicht der Grund gewesen sein, weshalb die Gesellschafter schon im Dezember letzten Jahres beschlossen, sich alsbald vom ETI zu trennen. Offenbar stellte sich den Beteiligten vor allem die Frage, weshalb sie mit öffentlichen Geldern dauerhaft ein Institut sponsern sollten, dessen Dienstleistungen auch von privatwirtschaftlichen Büros erbracht werden können. Vor wenigen Tagen traf sich die Gesellschafterversammlung erneut. Ergebnis der Sitzung: Das Institut soll veräußert werden. Mit dem Beratungsunternehmen “Project M” steht dem Vernehmen nach ein ernsthafter Kaufinteressent bereit. Der Standort Trier des ETI wird nach Informationen von 16vor zum 30. Juni dieses Jahres aufgelöst. Die Beratungstätigkeit im bisherigen Schwerpunktgebiet des ETI werde professionell weiter geführt, heißt es. Die”Project M GmbH”, die den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ebenfalls auf die Tourismusberatung legt, unterhält derzeit Büros in Lüneburg, Berlin und Stuttgart.
Mit dem Aus fürs ETI verliert die Moselstadt binnen weniger Monate die zweite Forschungseinrichtung. So ist die Auflösung des 1981 gegründeten Studienzentrums Karl-Marx-Haus mittlerweile abgeschlossen. Die rund 80.000 Titel zählende Bibliothek befindet sich nunmehr bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Dass die FES den Standort Trier stutzen würde, zeichnete sich auch im Zuge des Wechsels in der Leitung von Museum und Studienzentrum ab. Nachdem Professor Beatrix Bouvier im vergangenen Jahr nach sechs Jahren an der Spitze der Trierer FES-Dependance in den Ruhestand trat, wurde die Stelle der wissenschaftlichen Leitung des Studienzentrums nicht wieder besetzt. Diesen Part übernahm stattdessen die Leiterin des Archivs der sozialen Demokratie in Bonn, die Historikerin Dr. Anja Kruke.
Neuer Leiter des Museums Karl-Marx-Haus wurde Karl P. Salm. Der Betriebswirt sieht den Schwerpunkt seiner Tätigkeit in der Präsentation und Vermittlung der Inhalte der Dauerausstellung. Zugleich sei ihm an einem “professionellen Museumsmanagament” gelegen, erklärt er. So müsse auch die Wirtschaftlichkeit einer Einrichtung wie dem Studienzentrum gegeben sein, betonte er am Montag im Gespräch mit 16vor. Im Studienzentrum standen die Betriebskosten offenbar in keinem Verhältnis mehr zur Kundenfrequenz: Gerade mal 100 Besucher habe die Bibliothek verzeichnet, berichtet Salm; nicht etwa wöchentlich oder zumindest monatlich, sondern auf ein ganzes Jahr gezählt.
von Marcus Stölb





23. März 2010 (08:24 Uhr)
Ein Schuft, wer Böses dabei denkt, war doch die “Project M” auch an den wesentlichen Machbarkeitsstudien für den “Ring der nie gelungen”, den “Nurbürgring” beteiligt.
Demnächst darf sich also womöglich die Tourismusregion Trier über wahre Scharen von touristisch interessierten Gästen freuen. Ganzjährig. Aber leider nur auf dem Papier.
23. März 2010 (12:22 Uhr)
Das ist ausgesprochen unvorteilhaft für Trier und die Region, denn das ETI hatte sich über die Jahre einen ganz hervorragenden Ruf aufgebaut und die Wirkungen die von hier ausgingen sind vielfältig und keineswegs eine Einbahnstraße. Das ETI lenkte stets viel Aufmerksamkeit auf die Region und beschäftigte sich auch inhaltlich viel mit der Region. Zahlreiche Studierende (nicht nur) des Schwerpunkts Freizeit- und Tourismusgeographie konnten hier Praktika machen und auch erste berufliche Erfahrungen in ihrem professionellen Umfeld sammeln. Abschlussarbeiten und Dissertationen seien in diesem Zusammenhang ebenfalls erwähnt.
Obwohl (von Außen) eine Überführung hin zu einer rein privatwirtschaftlichen Orientierung nachvollziehbar erscheint, finde ich es bedenklich, dass damit gleichsam der Standort hier verloren geht. Andernorts dürfte diese Nähe zu einer Universität mit diesem besonderen Schwerpunkt kaum gegeben sein und umgekehrt geht der Uni ein wertvoller Partner verloren, schade!
Christian Muschwitz