“Man kriegt Fragen, auf die man nie gekommen wäre”

Vor wenigen Tagen ist “Ein Glas Blut” von Selim Özdogan erschienen. Einige der 60 Kurzgeschichten in seinem elften Buch liest der Kölner Autor, der bis 2009 drei Jahre lang eine Kolumne in dem inzwischen eingestellten Netzmagazin “Zuender” von Zeit Online geschrieben hat, heute um 20.30 Uhr in der Reihe “Bemerkenswert!” in der Tufa. Im Anschluss steht er dem Mitorganisator Dorian Steinhoff in einem Gespräch auf der Bühne Rede und Antwort. 16vor hat den umtriebigen Schriftsteller schon im Vorfeld interviewt.

16vor: Ihr neues Buch trägt den Titel “Ein Glas Blut”. Möchten Sie damit die Leserschaft von Stephenie Meyer für sich gewinnen?

Selim Özdogan: Schön. Immer wenn ein Buch draußen ist, kriegt man Fragen gestellt, auf die man selber nie gekommen wäre. Ich weiß nicht genau, wer Stephenie Meyer ist. Ich mag einfach nur die Vorstellung, dass jemand in den Laden geht und sagt: “Ich hätte gerne ‘Ein Glas Blut’ von Selim Özdogan.”

16vor: Gibt es denn in dem Buch eine Geschichte, in der es um ein Glas Blut geht?

Özdogan: Nein. Es ist eine Sammlung von kürzeren, sehr unterschiedlichen Texten, die in den letzten Jahren entstanden sind. Da könnte man vielleicht den Bogen schlagen: Blut ist ja auch aus sehr vielen verschiedenen Substanzen zusammengesetzt. Der Titel bezieht sich aber nicht auf eine bestimmte Geschichte.

16vor: Wie würden Sie Ihre Leserschaft und Ihr Publikum beschreiben?

Özdogan: Das Publikum ist in erster Linie weiblich. Wenn ich es verallgemeinere, sind es in der Regel jüngere Frauen zwischen 17 und 35.

16vor: Glauben Sie, dass das auch mit einem Interesse an Ihrer Person zu tun hat? Seit Mitte der 90er veröffentlichen Sie fast jährlich ein Buch. Es scheint, als schrieben Sie alles auf, was Sie erlebten?

Özdogan: Ich habe keine Probleme mit Ideen, ich habe mehr Probleme, Zeit zu finden, sie umzusetzen. Es hat auch wirtschaftliche Gründe, warum ich so oft Bücher schreibe. Würde ich ein Buch schreiben, das sich 100.000 Mal verkauft, könnte ich mich zurücklehnen und langsam machen. So muss ich halt sehr viele Bücher schreiben, um auf eine 100.000er Verkaufszahl zu kommen. Als begeisterter Leser meiner Bücher wünscht man sich, dass die sich nicht so gut verkaufen, denn dann kommt dauernd ein neues raus.

16vor: Ist es Zufall gewesen, dass Sie bei den Leseproben auf Ihrer Homepage jeweils die Seite 49 ausgewählt haben?

Özdogan: Ja, eigentlich schon. Ich mag Imponiergehabe nicht. Ich könnte ja auch noch aufzählen, wer mich alles wo irgendwie gelobt hat und welche Literaturpreise ich bekommen habe. Das ist das gleiche, wie wenn man die besten Passagen aus den Büchern rausnimmt und die als Leseanreiz bietet. Als Verlag muss man so arbeiten, aber ich wollte was Willkürliches haben. Und ich finde, 49 ist eine schöne Zahl. Auch dazu haben mir Leute schon viele lustige Fragen gestellt, auf die ich nie gekommen wäre. Jemand dachte, ich würde in der Türkei aus der Provinz Nummer 49 kommen. Ein anderer dachte, damit wollte ich das Deutsche betonen, weil es die internationale Vorwahl für Deutschland ist.

16vor: Sie sind durch ihre türkischen Eltern zweisprachig aufgewachsen. Erscheinen Ihre Bücher auch in der Türkei oder lesen Sie auch dort?

Özdogan: “Die Tochter des Schmieds” gibt es in einer türkischen Übersetzung. Und Lesungen, wie man sie hier kennt, gibt es in der Türkei nicht. Dort habe ich immer in einem deutschen Rahmen gelesen. Auf Einladung des Goethe-Institutes und eines Germanistenkongresses. Ich habe einmal an einer Uni einen Vortrag auf Türkisch gehalten. Dabei fiel auf, dass das nicht meine Alltagssprache ist. Wenn ich da vorne stehe und etwas auf Türkisch machen soll, kann ich das grundsätzlich. Aber es geht auf Kosten der Sprache. Ich kann alles sagen, was ich will, muss mich aber simpler ausdrücken.

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