Turmhohe Akrobatik aus Ostasien
Mit seiner aktuellen Tour “TAO – Chinas Meister der Weisheit und Wunder” komplettiert der Chinesische Nationalcircus die Trilogie der drei zentralen Strömungen Chinas, von denen er zwei bereits in vorangehenden Programmen dargestellt hatte: Nach Konfuzius und Buddha verkörperten die Akrobaten am Freitagabend in der Arena Trier für 1.000 Besucher das Prinzip des Tao in Kraft, Geschmeidigkeit und beeindruckender Artistik.
TRIER. “Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder” ist nicht nur eine biblische Aufforderung; auch das Tao te king des alten China besitzt diese Weisheit. Raoul Schoregge, Produzent des Chinesischen Nationalcircus’, hat das Bühnenprogramm dementsprechend als Parabel konzipiert, die den Zuschauer mit auf den Weg eines Suchenden nimmt, der ziellos aufbricht, sich ablenken lässt, sich verirrt, um letztlich zu erkennen, dass er selbst das Ziel gewesen ist.
Das Bühnenbild ist diesem Thema angenehm puristisch untergeordnet, einzig eine große Flügeltür, welche die verschiedenen Wegabschnitte markieren mag, gestaltet den Hintergrund, vor dem die atemberaubende Kunst der Akrobaten zur Geltung kommen kann. Die einzelnen Szenen werden durch von einer Jungenstimme gesprochene Texte verbunden, in denen die Weisheit des Tao vermittelt werden soll. Das gelingt leider nur oberflächlich – und zwar nicht wegen vermeintlich wenig durchdachter Auswahl von Kernaussagen des Tao. Vielmehr ist der Inhalt in dem Bemühen, alle Weisheit des Tao unterzubringen, derart gedrängt, dass die altchinesische Philosophie zu Phrasen verkommt, die plakativ und kitschig wirken. Hier wäre dem Bühnenbild entsprechend weniger mehr gewesen.
Von der grazilen Leichtigkeit in den kraftvollen Bewegungen der Artisten hingegen kann man schwerlich genug bekommen, auch wenn man hier und da lieber nicht hinschauen möchte. Statt die Augen sorgenvoll zu schließen, hält man aber besser einfach nur staunend die Luft an ob soviel Wagemut. Auch wenn gelegentlich etwas nicht auf Anhieb gelingt, strahlen die Künstler konzentrierte Ruhe aus und lassen in ihren Bemühungen erst nach, wenn der Abschluss perfekt ist. Und übermitteln damit taoistische Lebenskunst.
[Galerie nicht gefunden]“Das kann ich auch!” tönt zwei Reihen vor mir ein quietschvergnügtes Mädchen, als die Akrobaten durch übereinander gestapelte Holzreifen in allen denkbaren und undenkbaren Posen springen. Auch das Auftürmen von Pyramiden bestehend aus höchst biegsamen Menschen scheint ihr vertraut, was vermuten lässt, dass Trier seit Neuestem eine Eliteschule für Nachwuchsartisten haben muss. Erst, als eine solche Pyramide über kipplig gelagerten Stühlen aufgebaut wird, verstummt sie und macht eifrig Photos mit ihrem Handy – vielleicht ja als Vorlage für künftige Studien im Fach “Hochstapelei”.
Wenig begeistert ist sie hingegen von dem Clown Totti, der als dummer August jenen, die solche Clownerie mögen, zwischen den Artistennummern eine Art Verschnaufpause verschafft, für alle anderen das Programm jedoch unnötig in die Länge zieht, wo man sich weitere, dem Thema des Tao verschriebene Kunststücke gewünscht hätte.
[Galerie nicht gefunden]“Das kann ich auch!” tönt es abermals, diesmal jedoch von meinem Nachbarn. Gemeint ist dabei nicht der wenig lustige Klamauk von Totti, sondern die kraftvolle Eleganz eines Tänzers, der eine senkrecht aufgestellte Stange mit seinen Händen umfasst und sich selbst im rechten Winkel zu ihr in der Waagerechten gespannt bis in die Fußspitzen hält. Mein Nachbar ist den Beweis seiner diesbezüglichen Fähigkeiten bislang noch schuldig geblieben.
Der Akrobat überzeugte unterdessen nicht nur in dieser Darbietung durch Kraft und Körperbeherrschung, die durch die Ruhe und Langsamkeit der ausgeführten Bewegungen jenen asiatisch meditativ-eleganten Stil erhalten.
Neben diesen Einblicken in eine fremde Kultur boten sich jedoch auch interkulturelle Vergleichsmöglichkeiten: Erzählen uns hierzulande die Märchen von einem ungestümen König Drosselbart, der mit seinem Pferd durch die Marktstände prescht, dass Tische, Töpfe und Krüge zersplittern, weiß man in China konstruktiver mit derart Haushaltsgegenständen umzugehen. Offensichtlich kann man sie nämlich auch in jedweder Größe auf dem Kopf und den Füßen jonglieren. Das macht weniger Lärm, sieht hübscher aus und stärkt das Gemeinschaftsgefühl, wenn man etwa die auf den Fußspitzen balancierten Tische in die Luft wirft und jenen des Partners auf dieselbe Art auffängt.
Was auch immer die Zuschauer hiervon nun zu Hause ausprobieren werden, die Vorstellung hat an diesem Abend ihre Absicht verwirklicht. In dem fröhlichen Jubel am Ende sind deutlich Kinderstimmen zu vernehmen, die aus einem erwachsenen Körper rufen.
von Annika Hand




