Vorwürfe gegen 20 Priester
TRIER. Gegen 20 Trierer Bistumspriester sind in den vergangenen Wochen Vorwürfe wegen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger oder des Konsums von Kinderpornographie verzeichnet worden.
Das teilte der Missbrauchsbeauftragte der Diözese, Dr. Rainer Scherschel, am Montag in Trier mit. Demnach betrifft das Gros der Beschuldigungen den Zeitraum zwischen 1950 und 1990. Von den 20 beschuldigten Geistlichen ist die Hälfte inzwischen verstorben. Drei Fälle hätten bereits früher der Staatsanwaltschaft vorgelegen, zwei Fällen wurden – obwohl verjährt – durch das Bistum an die Behörde gemeldet. “Drei verjährte Fälle sind noch in Bearbeitung, um entscheiden zu können, was zu tun ist”, so Scherschel weiter. In zwei Fällen hätten die Opfer “ausdrücklich nichts anderes gewünscht als die Vermittlung eines Dreiergesprächs, in dem das Opfer dem Täter gegenüber im Beisein einer neutralen Person deutlich machen will, was dieser ihm angetan hat”.
Für den Zeitraum der 90er Jahre verzeichnete das Bistum drei Priester, gegen die wegen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger ermittelt wurde. Alle drei wurden auch rechtskräftig verurteilt, und während einer der Priester nun im Ruhestand ist, seien die anderen beiden “so eingesetzt” worden, “dass sie nicht in der Kinder- und Jugendarbeit tätig werden”, berichtete Scherschel.
Zwischen 2000 und heute sind laut Bistum bislang vier Fälle gemeldet worden, die alle von der Staatsanwaltschaft geprüft wurden. In einem Fall habe die Behörde das Verfahren “mangels Straftatbestand” eingestellt. Allerdings habe ein forensisches Gutachten bei dem Geistlichen eine pädophile Neigung festgestellt. Daraufhin wurde der Priester in ein Seniorenheim versetzt und musste sich einer Therapie unterziehen. In den drei anderen Fällen handele es sich “nicht um tätlichen Missbrauch von Minderjährigen, sondern um das Herunterladen kinderpornografischer Internetseiten”. Alle drei Priester kassierten zwischenzeitlich einen Strafbefehl, zudem sei auch in diesen Fällen “jeweils ein forensisches Fachgutachten eingeholt und beim weiteren Einsatz entsprechend berücksichtigt” worden, so Scherschel weiter. Damit betrifft das Thema des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im Bistum Trier mindestens 27 Priester.
Bischof Stephan Ackermann sprach bei der Präsentation des Zwischenberichts von einem “erschreckenden Ausmaß”. Er sei dankbar für jeden, der sich gemeldet habe, erklärte der Bischof. Zugleich appellierte Ackermann an alle Opfer, die sich noch nicht gemeldet haben, dies zu tun.
Ein ausführlicher Bericht zum Thema folgt am Dienstag.
von Marcus Stölb





29. März 2010 (16:58 Uhr)
Merkwürdig ist, dass Herr Ackermann nicht an die Täter apelliert, nur an die Opfer.
29. März 2010 (21:17 Uhr)
Kirche – wie wär’s mal mit “Hose runter”. Aber bitte nicht im wörtlichen Sinne!
29. März 2010 (22:44 Uhr)
OPFER NICHT GLAUBWÜRDIG
Zitat: “Zugleich appellierte Ackermann an alle Opfer, die sich noch nicht gemeldet haben, dies zu tun.”
Solange durch sexualisierte Gewalt Betroffene mitbekommen, wie in verschiedenen Diözesen zum Teil mit der Aussage Betroffener umgegangen wird und dass s i e sich Glaubwürdigkeitsgutachten unterziehen müssen, dass man ihnen wieder nicht glaubt, solange werden sie kaum den Mut finden, sich zu melden. Ehrlich gesagt, wenn ein Betroffener hört, wie Ratzinger u.a. bagatellisiert, wie die Berichte von Betroffenen in Zweifel gezogen werden und als “Hetzkampagne” gegen die Kirche verstanden werden, wie die Missbrauchstaten einseitig enggeführt werden auf das Thema “Priester und Knaben”, als ob es nicht auch betroffene Mädchen, Frauen, Behinderte etc. gäbe…
Glauben denn die Hochwürdigen Herren, dass es für Betroffene etwa entlastend wäre, “sich zu melden”? Das ist mit sehr viel Angst verbunden und – in so manchem Fall – mit einer erneuten Stigmatisierung und einem nicht mehr wieder gut zu machendem Image-Schaden. Wenn nicht dem Verlust der eigenen Existenz. Die man vielleicht immer noch dabei ist, mühsam aufzubauen zu einem Zeitpunkt, an dem Täter (in ihrer Lebensgeschichte) sich längst ausruhen können, da Mutter Kirche – und somit der Kirchensteuerzahler – exzellent für sie sorgt. Viele Opfer hingegen sind Hartz IV-Empfänger oder erhalten eine BU-/EU-Rente in Höhe von beispielsweise 205 Euro zuzüglich eines geringen Betrages an Grundsicherung. Täter können mit dem Zehnfachen rechnen und/oder wohnen wohlversorgt in Klöstern/Pfarrhäusern. Wenn nicht in irgendeinem Palais.
Es ist ja doch auch ein Dilemma: Da gab es ja so etwas wie eine Beziehung zum Täter, zu den Tätern. Diese hatten ja das Vertrauen des Betreffenden gewonnen. In der Seelsorge. Sie waren somit Seelsorger, denen es gut gelang – und vermutlich noch heute gelingt – Vertauen zu erwecken. Von aussen betrachtet und ohne die Missbrauchssituationen zu bedenken, durchaus das, was man landläufig als “gute Seelsorger” bezeichnen würde. Für die noch heute fast jeder “die Hand ins Feuer legen” würde. Wo sich niemand “so etwas” vorstellen kann. Beim besten Willen nicht. So sehr nicht, dass selbst die Opfer immer wieder an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln. Glauben, verrückt zu sein. Man glaubt es einfach nicht. Schliesslich sind es Menschen, die innerhalb der Kirche mit Würden und Ämtern ausgestattet sind. Lieber glaubt man, dass man selbst verrückt ist. Und doch… der Körper hat es sich gemerkt, das Gehirn hat den Geruch gespeichert, das Ohr “hört” noch heute den hechelnden Atem, der Körper spürt das Gewicht des anderen auf einem…
Die Beweislast liegt auf Seiten der Opfer. Aber wie denn, wenn niemand dabei war? Und wenn man sich sicher ist, dass der Täter einfach abstreitet? Oder zumindest bagatellisiert?
Wenn ein Bischof es einfach als “Fehlverhalten” bezeichnet, als “Fehler kirchlicher Mitarbeiter”, wenn ein Priester die Situation der Seelsorge für seine eigene sexuelle Befriedigung ausgenutzt hat, da drängt sich mir der Verdacht auf, dass Seine Exzellenz nicht verstanden hat, dass der solchermassen “Beseelsorgte” lebenslänglich unter den Folgen dieser “Fehler” zu leiden hat, die da sind: zerstörtes Vertrauen in sich selbst, andere, Gott; gestörtes Körperschema; Dissoziationen, Alpträume, Flashbacks, Depressionen, Angst, PTSD, zerstörte Berufswege, mangelnde Altersvorsorge, Altersarmut, kurzum: ein kaputtes Leben.
Ich kenne Menschen, die sich wegen der Folgen sexualisierter Gewalt suizidiert haben. Und ich kenne Menschen, die lebenslänglich immer wieder darunter leiden. Tätern werden Therapien aufgedrängt, Opfer müssen für Therapien kämpfen, oft werden sie nicht gewährt. Schon gar nicht für Leute, die ohnehin berentet sind. Auch keine Rehabilitation. Zu kostenintensiv für die “Deutsche Rentenversicherung”. Also keine Rehabilitation für Opfer. Während Täter die Karriereleiter nach oben geflogen sind.
Herr Bischof Ackermann: Solange es keine wirklich neutrale Anlaufstelle gibt, zu der man auch s i c h e r und a n o n y m kommen kann, ohne befürchten zu müssen, dass das mühsam aufgebaute “kleine Leben” wieder von der Kirche bzw. kirchlichen Bürokraten zerstört wird, indem alles noch einmal ans Licht gezerrt werden muss, hinterfragt und bezweifelt wird… Würden Sie sich freiwillig solch einer Prozedur aussetzen?
In einer diözesanen “Kommission” z.B. sind drei Personen benannt, die das mir bekannte Opfer kennt? Würden Sie sich jemand anvertrauen, den sie aus Studienzeiten kennen? Keine dieser “Ansprechpersonen” zeichnet sich meines Wissens durch besondere Kenntnisse und einer Ausbildung in Psychotraumatologie aus. Die katholische Kirche verspielt derzeit eine Chance. Und viele merken es nicht einmal. Schade.